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Hilfswelle stemmt sich gegen Flut

Frank Müller und Jörn Seiler aus Sietow haben den Transport und die Verteilung der gespendeten Lebensmittel von der Müritz übernommen. Überall werden sie mit ihren Gaben an der „Hochwasser-Front“ freundlich empfangen. [KT_CREDIT] FOTO: WSM
Frank Müller und Jörn Seiler aus Sietow haben den Transport und die Verteilung der gespendeten Lebensmittel von der Müritz übernommen. Überall werden sie mit ihren Gaben an der „Hochwasser-Front“ freundlich empfangen. [KT_CREDIT] FOTO: WSM

VonThomas Beigang

Die Hochwasserkatastrophe an der Elbe im Westen des Landes lässt die Müritzer nicht kalt. In einer „Nacht- und Nebelaktion“ haben sich Leute einfach auf den Weg gemacht.

Waren/Röbel.Christian Däuble, der Chef vom Bistro am Warener Stadthafen, hat nachgedacht. Dann kam dem Mann die rettende Idee: In seiner Garage steht schon seit Langem eine kaum benutzte Kühltruhe. Warum, schoss es Däuble durch den Kopf, könne das Gerät nicht endlich seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden? Und wann wäre dafür ein besserer Zeitpunkt als jetzt?
Däubles Kühlgerät hat sich am Dienstag in aller Herrgottsfrühe auf den Weg gemacht in den Westen. Nur Stunden zuvor hat ein Spendenaufruf zur Unterstützung der Helfer an der „Hochwasser-Front“ auf der Internetplattform „Wir sind Müritzer“ ganz viel und ganz schnelle Resonanz gefunden. Dutzende Warener und Röbeler haben sich bereit erklärt, Geld und Lebensmittel zu spenden. Däuble, dessen Hafenbistro bis spät am Abend offen steht, hat sich die Annahme der Lebensmittel zu eigen gemacht. Und, damit nichts verdirbt, was gekocht, gebraten und gebacken wurde, hat der Bistro-Chef seine Kühltruhe aktiviert. „Selbst am späten Abend sind noch Leute gekommen und haben Essbares abgeliefert.“ Darunter auch die sechsjährige Sophie, die mit ihrer Mutter Buletten und Kuchen vorbeibrachte. Vielleicht, so hoffte das Mädchen, bekäme ja ihr Papa auch etwas davon ab, der helfe als Bundeswehr-Soldat an der Elbe.
Jörn Seiler vom Bootscenter in Sietow bringt mit einem Transporter alles an Ort und Stelle. Er habe ohnehin geplant, so der Helfer, beim Füllen der Sandsäcke mitzumachen. Bestimmt zwei Tonnen Lebensmittel und Getränke, so seine vorsichtige Schätzung, rollen mit ihm in Richtung Westen des Landes an die Elbe. Dass im Fahrzeug kaum noch Platz ist, wäre auch dem Edeka-Geschäftsführer Ingolf Schubert zu danken, der in der Nacht noch einmal richtig „aufgefüllt“ habe, so Seiler. Und damit Schäubles Kühltruhe auch funktioniert, hat das Warener Unternehmen Yachtcharter Schulz ein Notstrom-Aggregat zur Verfügung gestellt. Fünf Kisten voller Kuchen und Kekse spendierten die Mecklenburger Backstuben. Süßer Lohn für die saure Arbeit beim Kampf gegen das Hochwasser. Die Firma Experts aus Röbel ruft dazu auf, gebrauchte Fernseher, Waschmaschinen oder Kühlschränke bei ihnen abzuliefern, kostenlos wolle man die Geräte dann denen zukommen lassen, die im Kampf gegen das Hochwasser vieles verlieren.
Außer Lebensmitteln haben die Müritzer auch Geld bei Christian Däuble im Hafenbistro gespendet. „Eigentlich sollten damit, immerhin rund 300 Euro, die Spritkosten von Jörn Seiler abgegolten werden“, so der Bistro-Chef. Der Sietower aber habe das Geld partout nicht annehmen wollen, also seien damit noch diverse Getränke für die durstigen Kehlen der Flut-Helfer gekauft und aufgeladen worden.
Zu der „ehrenamtlichen“ Unterstützung gesellt sich auch viel professionelle von der Müritz. Bereits seit Sonntag sind ein Dutzend Helfer vom Technischen Hilfswerk Waren mit schwerem Gerät an der Elbe und auch die Wasserschutzpolizei hat acht Beamte von der Seenplatte an die Elbe „delegiert“. „Die Kollegen werden sich, sollten doch Einwohner evakuiert werden müssen, auch um die Sicherung des zurückgelassenen Eigentums kümmern“, sagte der Leiter der Wasserschutzpolizeiinspektion in Waren, Ingo Hagen.
Unterdessen sind noch vor dem Mittag Jörn Seiler und Frank Müller mit den Getränken und den Lebensmitteln bei Perleberg eingetroffen. An sechs verschiedenen Stellen machten die Männer Station und versorgen ehrenamtliche und professionelle Helfer mit den Leckereien von der Müritz. Überall werden sie freundlich empfangen. Die Spenden kommen gut an, wissen die Sietower zu berichten.
Die Hilfe hat allerdings auch ihre Kehrseite. Wie Kargows Bürgermeister Manfred Schlüter berichtet, steht er für sein Dorffest wohl ohne Kapelle da. Denn bei „Nimmergut“ aus Waren spielen Musiker, die für das THW an der Elbe sind.

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