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Keine Angst vor dem bösen Wolf

Eine Illustration Malchower Kinder zu einem Laternenfest von Wossidlo  Repro: nk
Eine Illustration Malchower Kinder zu einem Laternenfest von Wossidlo Repro: nk

VonSilke Voß

Wie spielten die Kinder früher? Sie brauchten nicht viel, um fröhlich zu sein. Ein Buch historischer Kinderspiele – bis auf Ausnahmen sehr zur Nachahmung empfohlen.

Waren.Die Kindheit früher fand nicht in bunt bemalten, mit Spielwaren gefüllten Kinderzimmern statt. Die Welt vermittelte sich ihnen nicht per Bildschirm und Lautsprecher, sondern von Mund zu Ohr. Man roch, fühlte und schmeckte die Kindheit. So steht es in der Einleitung eines neuen Buches von Susan Lambrecht über historische Kinderspiele aus der Sammlung des mecklenburgischen Volkskundlers Richard Wossidlo. „Buller, buller, unner‘n Wagen“ führt Spiele auf, die noch unsere Großeltern praktizierten. „Himmel und Hölle“ hießen sie, „Mudder Hex“ oder „Kippel-Kappel“. Sie spielten Werfen, fochten Reiterkämpfe aus und ließen Reifen „trünneln“.
Zu ihrem Vergnügen reichte oft ein Stück Kreide, ein paar Murmeln, eine Heu-Leiter oder einfach nur ein bisschen Fantasie, frische Luft und Geselligkeit. „Spielzeug“ gab es genug in der Natur. Die Kinder damals wussten, dass die Milch von den Kühen auf der Weide kommt und nicht automatisch aus dem Tetrapack. Sie ahmten die Welt der Tiere spielerisch nach, eben das, was sie täglich beobachten konnten. Versuchten, den Hasen aus dem Kohl zu treiben oder sich vor dem bösen Wolf zu schützen. Die Glucke rief ihre Küken zu sich oder versuchte, diese vor dem Habicht zu verteidigen, schreibt Susan Lambrecht in ihrer Einleitung, weshalb dieses Buch vor allem Schulen und Kitas als Grundlage für Projekte dienen kann. Jedoch sei nicht jedes Spiel zur unmittelbaren Nachahmung empfohlen. Pissküülken zum Beispiel. Wie das geht, sei hier dennoch verraten. „Die Knaben fassen sich an der Hand, bilden einen Kreis und auf ein gegebenes Zeichen müssen sie alle in den Sand pissen. Hierauf bücken sie sich und formen aus dem so angefeuchteten Sand allerlei Gestalten.“ Übrigens sollen auch Mädchen nicht von diesem Spiel ausgeschlossen sein – wenn sie es denn schaffen, "in hockender Stellung in eine Vertiefung" zu machen, um die Knetmasse vorzubereiten ....
Oder das bei Jungs beliebte Auslosen mit dem Taschenmesser. Man warf das aufgeklappte Taschenmesser auf die Erde. Je nach der Stellung, in der das Messer auf dem Boden landete, wurden Punkte vergeben. Publiziert hat der Volkskundler Richard Wossidlo die Spiele der Eltern mit den Kleinkindern im 1906 erschienenen Band seiner Reihe „Mecklenburgische Volksüberlieferungen“ mit dem heute etwas harsch klingenden Titel „Kinderwartung und Kinderzucht“, was damals natürlich neutral gemeint war. Dabei ist der Professor Warenern in sehr freundlicher Erinnerung. „Als Kinder spielten wir an der Ecke Glockengießerweg/Weinbergstrasse. Kam der Professor vorbei, blieb er oft stehen. Er schaute uns freundlich zu, wenn wir uns mit ,Hinkepoot‘, ,Mudder, Mudder, wie weit dörf ick verreisen‘ und anderen Spielen vergnügten.“
Dass Kindergärten und Schulen mit diesem Fundus arbeiten, war die Motivation für Susan Lambrecht, diesen Schatz zu veröffentlichen.

Susan Lambrecht. „Buller, buller, unner'n Wagen“. Historische Kinderspiele aus Mecklenburg, zusammengestellt aus den Sammlungen Richard Wossidlos. Eigenverlag, herausgegeben von der Wossidlo-Gesellschaft. Zu beziehen über Susan Lambrecht, Telefon: 03991 122329.

Kontakt zur Autorin
s.voss@nordkurier.de

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