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Keine Gelder mehr: Anti-Nazi-Projekt steht vor dem Aus

Im CJD-Büro dokumentiert eine Karte die Aktivitäten von „Jump!“ 18 Ausstiegswillige hat das Projekt betreut. 1400 Schüler, Lehrer, Sozialarbeiter und andere wurden geschult.  FOTO:Jörg Döbereiner
Im CJD-Büro dokumentiert eine Karte die Aktivitäten von „Jump!“ 18 Ausstiegswillige hat das Projekt betreut. 1400 Schüler, Lehrer, Sozialarbeiter und andere wurden geschult. FOTO:Jörg Döbereiner

VonJörg Döbereiner

Jugendliche, die ihren braunen Kameraden den Rücken kehren wollen, haben noch bis September Unterstützung durch das Projekt „Jump!“. Dann müssen ihre Unterstützer die Koffer packen.

Waren.Im Büro von Samuel von Frommanshausen schwankt die Stimmung zwischen betrübt und hoffnungsvoll. Betrübt, weil der Leiter des Fachbereichs politische Bildung des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) in Waren wahrscheinlich sein Herzensprojekt zu Grabe tragen muss. Hoffnungsvoll, weil der Glaube an einen Sinneswandel der Politik noch nicht ganz verloren ist. Es geht um das Projekt „Jump!“, das seit 2010 Jugendlichen beim Ausstieg aus rechtsgerichteten Milieus hilft. Geht es nach der Politik, soll das Projekt im September dieses Jahres ersatzlos auslaufen. Die Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), die es maßgeblich finanzierten, fließen nicht mehr. Und Bund und Land erteilten Samuel von Frommanshausen eine Absage, an der wohl auch ein offener Brief von Ausstiegs-Projekten an Familienministerin Kristina Schröder nichts ändern wird.
Mit im Büro sitzt Torsten Henkel (Name von der Redaktion geändert). Er arbeitet als „Ausstiegsbegleiter“ eng mit den Jugendlichen zusammen und möchte deshalb lieber anonym bleiben. „Wenn ,Jump!‘ ausläuft, gibt es in Mecklenburg-Vorpommern keine Ausstiegsarbeit mehr“, sagt er. „Staatlicherseits gibt es kein solches Projekt. Und zivilgesellschaftlich ist dieses das letzte.“
Torsten Henkel unterstützt im gesamten Bundesland Jugendliche, die Kontakt zur rechtsextremen Szene haben, aber an deren Ideologie zweifeln. Er trifft sich regelmäßig mit ihnen, will sie davon überzeugen, dass ihnen das Leben außerhalb der Szene mehr bietet. Wie lange seine Arbeit mit den jungen Leuten dauert, hängt unter anderem davon ab, wie tief sie im rechtsextremen Milieu verwurzelt sind. Mit manchen Jugendlichen arbeitet Torsten Henkel ein halbes Jahr. Mit anderen drei Jahre.
Beim CJD weiß man: Die Ergebnisse des Projekts sind kaum messbar – das ist ein Problem, wenn es um Fördergelder geht. Bisher hat „Jump!“ 477 000 Euro gekostet.Das Geld fließt zum einen in die Fallbetreuung. Zum anderen in Bildungsarbeit für Lehrer, Schüler oder Sozialarbeiter, die mit rechtsextremen Jugendlichen zu tun haben. Mehr als 1400 von ihnen hat das CJD in Workshops gezeigt, wie man im Alltag mit Rechtsextremismus umgehen kann. „Mittlerweile kennt man uns im Land. Unsere Angebote werden nachgefragt“, sagt Samuel von Frommanshausen. „Wenn das Projekt aufhört, gehen unsere gesamten Netzwerke verloren.“
Neben der Bildungsarbeit stand „Jump!“ in Kontakt mit 18 ausstiegswilligen Jugendlichen. „Das klingt nicht nach viel“, sagt Samuel von Frommanshausen. „Aber es ist eine sehr intensive Betreuung. Und es geht um jeden Jugendlichen.“ Derzeit betreut Torsten Henkel vier von ihnen. Sie müssen ab Herbst bei anderen Einrichtungen unterkommen. „Wenn wir nicht mehr da sind, stellt sich die Frage: An wen wenden sie sich?“, sagt Torsten Henkel. „Und vielleicht gehen sie dann auch in die andere Richtung.“

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j.doebereiner@nordkurier.de

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