Nordkurier.de

Kriegserinnerung: „Er hat sein Leben für mich riskiert“

VonJörg Döbereiner

Anfang Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 68. Mal. Rudi Ruhdorf stand beim Einmarsch der Russen Todesängste aus – und lernte die Menschlichkeit des „Feindes“ kennen.

Waren/Alt Schönau.Ja, er könne sich noch sehr genau an jenen 1. Mai 1945 erinnern, sagt Rudi Ruhdorf. Zu einschneidend waren die Erlebnisse für das damals achtjährige Kind, als dass sie der76-Jährige Rentnerheutevergessen hätte: Mit der Mutter, dem älteren Bruder und zwölf weiteren Verwandten war Rudi Ruhdorf Ende April 1945 vor den Russen von Waren aus Richtung Norden geflohen. Eigentlich wollte die Familie sich nach Westen in Sicherheit bringen, doch sie kam nur bis Alt Schönau.
Dort stauten sich Flüchtlinge und deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Die Ruhdorfs quartierten sich im Pferdestall neben dem Gutshof ein, schliefen auf dem Stroh in den Pferdeboxen. „Wir Kinder spielten gerade bei den Militärfahrzeugen, als der Frontlagebericht kam: Die Russen stoßen von Röbel aus auf Waren zu“, erzählt Rudi Ruhdorf. Daraufhin verließ das Militär das Dorf, viele Zivilisten versteckten sich in den Wäldern.
Für die Familie Ruhdorf, die im Pferdestall geblieben war, begann der 1. Mai in den frühen Morgenstunden. „Wir wurden geweckt, als die Russen von der Straße her gegen die Ziegelwand des Stalls schossen.“ Als das Gewehrfeuer aufhörte, stellte sich die Familie auf den Stallgang. Vorn die Kinder, dahinter die Erwachsenen, alle mit erhobenen Händen. „Das Tor wurde aufgerissen und die Russen stürmten in den Pferdestall. Da stand ein Sattelschrank, da hat einer mit der Maschinenpistole reingeschossen. Wir Kinder haben geschrien“, erinnert sich Rudi Ruhdorf. Die Soldaten durchsuchten die Familie nach Waffen, dann zogen sie weiter. Kurze Zeit später gelangten Nachschubtruppen nach Alt Schönau, sie durchsuchten die Flüchtlinge nach Schmuck und Alkohol.
Gegen Mittag machte sich die Familie auf, um nach Waren zurückzulaufen. „Wir waren am Ortsausgang, als am Himmel deutsche Flieger auftauchten. Meine Familie und alle Russen in der Nähe gingen in Deckung, nur ich habe den Fliegern zugewinkt“, erinnert sich Rudi Ruhdorf. „Da packte mich ein Russe, riss mich in den Straßengraben und warf sich schützend über mich. Er hat sein Leben für mich riskiert.“ Hinter den Ruhdorfs setzten die Flieger einen Kuhstall in Brand, doch die Familie blieb unverletzt.
Am Abend des 1. Mai kam sie in Waren an, und hatte auch dort Glück: Ihr Haus in der Oststadt war von den Kampfhandlungen verschont geblieben.

Kontakt zum Autor
j.doebereiner@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×