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Lodernde Leidenschaft für das sanfte Glühen

VonCarsten Schönebeck

Verkehrte Welt: Diesen Wettbewerb gewinnt der langsamste Teilnehmer. In Sommerstorf wurde am Sonnabend der Ostdeutsche Meister im Pfeifenrauchen gekürt.

Sommerstorf.„Ich komme jetzt rum und will von jedem ein Wölkchen sehen“, sagt Michael Leyk und legt seine bauchige Pfeife aus der Hand. Der Wirt im Gasthaus „Zum Hufschmied“ in Sommerstorf hat gut reden. Für die 15 anderen Herren im Raum wird der Genuss zum Wettbewerb. Es geht um den Titel des Ostdeutschen Meisters im Pfeifenrauchen. Leyk ist der Schiedsrichter.
Eine halbe Stunde vorher liegt noch alles in Reih und Glied auf den Kampfplätzen. In Plastik verpackt: Pfeife, Stopfer, drei Gramm Tabak und zwei Streichhölzer. „Alles streng nach Vorschrift“, erklärt Nils Thomsen, Vorsitzender des Ostdeutschen Pfeifenraucherverbandes. Mehr als 70 Regeln sollen für faire Bedingungen sorgen. Die wichtigste: Wer seine Pfeife am längsten glühen lässt, hat gewonnen. Ganz ernst will auch er den Wettbewerb nicht nehmen. „Für uns ist das einfach ein Anlass, um zusammen zu qualmen und zu quatschen“, sagt er.
Im „Hufschmied“ treffen sich die Pfeifenraucher der Region regelmäßig. Die Holzvertäfelung des Gastraumes zieren Pfeifen, Tabaksbeutel und Zubehör. Auf einem der Tische liegen 48 Pfeifen – fein säuberlich auf schwarzem Tuch aufgereiht. Große, schmale, weiße, klobige und filigrane Exemplare. Für jeden Geschmack etwas dabei.
Die Clubs aus Sommerstorf, Berlin und Wriezen (Brandenburg) haben am Samstag Teilnehmer entsandt. Bestimmt werden Einzel- und Mannschaftssieger. Die Favoriten stehen längst fest. „Die Wriezener gewinnen fast jedes Mal“, sagt Thomsen. Es gäbe schon Gerüchte, dass sie ein Trainingscamp im Hochgebirge hätten, erklärt er schmunzelnd.
Fünf Minuten haben die Teilnehmer, um ihre Pfeife zu stopfen. Eine Minute zum Anzünden. Verkniffene Gesichter, energisches Saugen. Entspannung, als die ersten Tabakwolken den Gastraum füllen und zur niedrigen Decke aufsteigen. Binnen Minuten ist das Wettkampffeld in Rauch gehüllt.
Michael Leyk hat ein wachsames Auge auf die Teilnehmer und die Uhr. Nach einer halben Stunde bricht das Feld auseinander. Immer öfter ist das Klopfen der Pfeifen auf der Tischplatte zu vernehmen. Das vorgeschriebene Zeichen dafür, dass die Glut erloschen ist. Das erhoffte Favoritensterben bleibt aus. Drei Teilnehmer aus Wriezen unter den letzten Vier. Die Mannschaftswertung ist ihnen sicher. Dirk Plenter rettet die Ehre der Gastgeber. Mit knapp 57 Minuten belegt er den dritten Platz. Nils Nestler holt sich den Sieg. Eine Stunde und 16 Minuten pafft er an den drei Gramm Tabak. Nicht rekordverdächtig, aber was soll‘s? Dafür ist der Wettbewerb am späten Nachmittag zu Ende. Da bleibt genug Zeit für Kaffee oder ein Glas Rotwein. Und für ein zweites Pfeifchen beim Fachgespräch unter Tabakfreunden.

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c.schoenebeck@nordkurier.de

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