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Mit der Hass-Kappe auf dem Rachefeldzug

VonThomas Beigang

Eine betroffene Familie atmet auf. Weil sie in „Geiselhaft“ genommen wurde, wie der Staatsanwalt das nennt, muss der „Geiselnehmer“ hinter Gitter.

Waren.Abgrundtiefer Hass. Dem Staatsanwalt fällt kein anderes Motiv ein, warum ein 33 Jahre alter Mann über Monate eine Warener Familie aus der Nachbarschaft terrorisiert hat. „Sie waren auf diese Leute fixiert.“
Am Dienstag ist der Prozess gegen den ehemaligen Warener, der sich jetzt in Neubrandenburg eine Bleibe gesucht hat, fortgesetzt worden. Zur Erinnerung: Dutzende Male soll der Angeklagte im Jahr 2011 für eine Familie aus der alten Nachbarschaft Sachen bestellt haben, die von der nie geordert wurden. Zeitschriften-Abos oder große Blumensträuße waren da noch die harmlose Variante. Richtig brenzlig wurde es, als eines Tages Monteure mit den Einzelteilen für einen Carport auf der Matte standen und fragten, wo sie den denn aufbauen sollen. TV-Geräte folgten, eines größer als das andere und, besonders makaber, Sex-Spielzeug für ganz viel Geld, das auch die betagte Mutter der Nachbarin erreichte. Alle Bestellungen per E-Mail, mit Adressen, die an die Namen der Familienmitglieder erinnern.
Der Staatsanwalt findet in seinem Plädoyer deftige Worte: „Sie haben die Familie in Geiselhaft genommen und ihr die Lebensführung diktiert. Das, was Sie denen zugefügt haben, hält auf Dauer keine Persönlichkeit stand.“ Die Familie erhielt Drohschreiben von insgesamt 53 Inkasso-Firmen, der Gesamtwert der unbestellten, aber gelieferten Ware soll sich auf über 30 000 Euro belaufen.
Ein letzter Zeuge der Verteidigung wird am Dienstag gehört. Der Bekannte des Angeklagten, beide lernten sich vor über zehn Jahren bei der Bundeswehr kennen, soll bezeugen, bei dem 33-Jährigen seinerzeit niemals einen Laptop oder Computer gesehen zu haben. Folglich habe der Mann auch die Bestellungen gar nicht aufgeben können. „Ich war oft bei ihm zu Besuch“, sagt der Mann aus, die Wohnung bot einen ärmlichen Anblick, nix da mit Computern oder so. „Das war so eine kleene Mickerbude, einfach ausgestattet.“
Aber die Polizei beschlagnahmte seinerzeit im Herbst 2011 einen Laptop in der Wohnung des Angeklagten. „Den hatte ich nur einen Tag lang“, behauptet der Delinquent, und überhaupt habe ihm der gar nicht gehört. Richter Michael Kasberg hört mit gerunzelter Stirn zu. Dann verliest er ein Schreiben, das der Angeklagte nach der Beschlagnahmung des Computers durch die Polizei an die betroffene Familie gesandt hat. Darin forderte er Schadenersatz für das nun in den Händen der Polizei befindliche Gerät. Auf dem Laptop findet das Landeskriminalamt genau jene Mail-Absender, unter denen die Ware bestellt wurde.
Was ist das für ein Mann? Vorweg gesagt, das Gericht verurteilt ihn wegen Beleidigungen, falschen Verdächtigungen und besonders wegen der zahllosen Nachstellungen, wie die Warenbestellung im Juristendeutsch heißt, zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten. Haargenau wie vom Staatsanwalt gefordert.
Wie tickt so jemand? Der Anklagevertreter nennt ihn „unheimlich“, weil der Angeklagte ein zwiespältiges Bild vermittelt. Einerseits freundlich auftretend und auf der anderen Seite von „zerstörerischem Potenzial“.
Richter Kasberg nennt ihn einen „tragischen Fall“ mit „Riesenproblemen“. Nicht nur aus prozesstaktischen Gründen wäre der 33-Jährige wohl besser beraten gewesen, sich psychiatrisch begutachten zu lassen. Möglich, vielleicht, dass man dann von einer verminderten Schuld hätte ausgehen können. Dies aber lässt das Persönlichkeitsprofil des Angeklagten nicht zu, der in seiner eigenen Welt lebt. Noch in seinem letzten Wort spricht er davon, keine Schuld zu tragen. Nicht ausgeschlossen, dass er in dem Moment selbst daran glaubt. Dennoch – sein Verteidiger hätte die Pflicht gehabt, ihn von der Notwendigkeit eines Gutachtens zu überzeugen.
Das Gericht besitzt keinerlei Zweifel an der Schuld des Angeklagten. „Sie haben sich von der Nachbarschaft ausgeschlossen gefühlt und gedroht, es denen schon heimzuzahlen.“ Der Angeklagte habe großes Leid über die Familie gebracht, die in ihrer Lebensführung extrem beeinträchtigt war. „Und nach der Hausdurchsuchung war schlagartig Schluss mit den Bestellungen. Und“, wendet sich Kasberg an den Angeklagten, „wenn der beschlagnahmte Laptop gar nicht Ihnen gehört hat, warum haben Sie das nicht kundgetan und protestiert.“ Der Richter meint das Motiv für die Taten gefunden zu haben: „Sie hatten die Hasskappe auf“.
Der betroffene Familienvater atmet nach dem Urteil auf und besitzt wieder ein Gefühl von Gerechtigkeit. „Der Mann hat uns zwei Sommer und einen Winter gestohlen. So lange mussten wir uns fast pausenlos den Forderungen der Inkassobüros erwehren. Aber ob jetzt Schluss ist?“ Der Warener glaubt, der Angeklagte geht in die Berufung. Denn das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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