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Schüler stehen Spalier für Bücher

VonSören Musyal

Die Allee kann noch so schmal sein – der Bibliotheksbus besucht Leser auch in abgelegenen Regionen rund um die Müritz. Auch zum Tag des Buches war das blaue Gefährt auf Achse.

Müritzregion.Die Strecke zwischen Waren und Groß Gievitz ist nicht nur eng, sondern auch überaus kurvig. Da kann schon ein entgegenkommender Pkw zum Problem werden. Begegnet Jörn Bitterlich allerdings einem Lkw – ja was dann? „Augen zu und durch“, sagt er lächelnd.
Bitterlich lenkt den blauen Bibliotheksbus seit 20 Jahren über die Straßen und ist überwiegend unfallfrei geblieben. Einmal hätte es geknallt bisher. Dass aber in einer Allee mal ein Spiegel wegknickt, sei normal. Der Fahrer der rollenden Bücherei bleibt immer gelassen.
Dies bleibt auch so, als bereits ein Dutzend aufgeregter Schüler an der Peene-Schule in Groß Gievitz auf ihn warten. „Hierher komme ich alle 14 Tage“, erklärt Bitterlich. Das ist eine lange Durststrecke für begeisterte Leseratten. Umso schneller füllt sich der Bus mit Kindern, die für die Auswahl neuen Lesestoffs ihre große Pause opfern. Sowieso kommt man nicht umhin, sich die Augen zu reiben: lachende, euphorische Kinder? In einer Bibliothek? „Das ist an den Schulen der Normalfall“, klärt der Bibliothekar auf. Deswegen mache es auch so viel Freude, auf die Dörfer zu fahren. Die Begeisterung fürs Lesen – es gibt sie noch.
Die Freude an der Arbeit verfliegt selbst dann nicht, wenn sich ein Schüler der Peene-Schule als besonders anspruchsvoller Gast hervor tut. „Gibt es hier auch irgendwas cooles?“, will ein Junge wissen. Bitterlich lacht. Was denn cool sei, fragt er. Der Junge möge Superhelden. Superhelden und Starwars. Mit beidem kann Bitterlich heute nicht dienen. „Solche Sachen sind immer unfassbar schnell weg“, sagt er, aber man könne eben nicht jeden glücklich machen.
Wie auch? Der Platz im Bus ist begrenzt, einfach ein Regal dazustellen geht schlicht nicht. Dennoch können die Besucher etwa 5000 Medien durchforsten. Und auch die Neuerscheinungen seien meist nach zwei Wochen im Sortiment. „Das muss man machen“, stellt Jörn Bitterlich klar, „das verlangen die Nutzer.“
Besonders hart sei sein Job jedoch im Sommer, wenn nicht Leser, sondern Hitze und Staub den Bus füllen. „Dann kann ich hier jeden Tag Staub wischen“, schimpft er. Aber manche warten auch bei gutem Wetter auf ihn. Einmal zum Beispiel, als Schüler in Rechlin sich in der Woche vertan hatten. „Die standen mit ihren Büchern Spalier und waren richtig traurig, als der Bus nicht kam“, erzählt Bitterlich ein bisschen stolz. Immerhin ist das der Beweis: „Der Bus ist eine tolle Idee.“ Er habe eben den Vorteil, die Bücher zu den Leuten bringen zu können. „Besser als die Schüler abholen zu müssen, oder?“
Bitterlich lächelt wieder. Wie der kleine Superhelden-Fan, der am Ende doch noch ein Buch gefunden hatte.

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