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Stimmen aus einer düsteren Zeit

VonJörg Döbereiner

Der 1. Warener Lesesommer startet mit einer Erinnerung an die Bücherverbrennung. Schauspieler Wolfgang Kaven istbedrückt und
beeindruckt zugleich.

Waren.„Dan Brown wäre vielleicht unterhaltsamer“, sagt Andreas Handy, Leiter der Europäischen Akadamie, zu Beginn der Lesung im Warener Haus des Gastes. Tatsächlich klingt der Titel der neuen Reihe „Lesesommer“ eher nach Schwimmbad und leichter Lektüre als nach der Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Kulturgeschichte. Am 10. Mai 1933 verbrannten nationalsozialistische Studenten öffentlich Bücher von Heinrich Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und anderen namhaften Schriftstellern.
80 Jahre danach schickt der Hamburger Schauspieler Wolfgang Kaven das Warener Publikum mit einigen einst verfemten Texten auf Zeitreise. Eindringlich lässt seine sonore Stimme die Epoche der Unterdrückung auferstehen. Etwa, wenn er Lion Feuchtwangers offenen Brief „An den Bewohner meines Hauses“ zitiert. „Was fangen Sie wohl mit den beiden Räumen an, die meine Bibliothek enthielten?“, fragt Feuchtwanger den neuen Bewohner aus der Ferne, nachdem sein Wohnsitz von den Nazis beschlagnahmt worden ist.
Erich Kästner musste auf dem Berliner Opernplatz zusehen, wie seine eigenen Bücher „von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt“ wurden. Die versuchte Vernichtung seiner Kunst beschreibt Kästner so: „Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners“, beschreibt der Autor die versuchte Ausmerzung seiner Kunst.
Eines wird in der Lesung klar: Diese Literatur spricht mit so freiheitlicher, starker Stimme, dass die Nazis sie nicht ignorieren konnten und wollten. Als Wolfgang Kaven Else Lasker-Schüler rezitiert, könnte man im Saal eine Stecknadel fallen hören. Den Zustand der Kunst in einer ihr feindlichen Umgebung fasst die Dichterin in die Metapher vom „blauen Klavier“: „Ich habe zu Hause ein blaues Klavier Und kenne doch keine Note. Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte.“

Kontakt zum Autor
j.doebereiner@nordkurier.de

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