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Vorsicht, giftige Erdbeeren!

Ull Eisel lässt wieder an der Müritz morden. Die charismatische Dame legt mit 80 Jahren ihren dritten Roman um Kommissar Carpenter vor. Diesmal schrieb die Frau mit dem Krimi-Gen einen Gen-Krimi.    FOTO: S. Voß
Ull Eisel lässt wieder an der Müritz morden. Die charismatische Dame legt mit 80 Jahren ihren dritten Roman um Kommissar Carpenter vor. Diesmal schrieb die Frau mit dem Krimi-Gen einen Gen-Krimi. FOTO: S. Voß

VonSilke Voß

Die einstige Multi-Schlossbesitzerin und Ex-Chefin des Güstrower Barlachmuseums, Ull Eisel, schreibt sich zur Agatha Christie von der Müritz.

Waren.Diese vitale Dame muss ein Krimi-Gen haben. Nicht nur, dass sie nun ihren dritten derartigen Roman binnen kurzer Zeit druckfrisch vorlegt. Nein, diesmal ist es ein Gen-Krimi. Die Gastgesellschaft eines Warener Genforschers wird rätselhaft dahingerafft. Das Pikante: Wohl waren es genmanipulierte Erdbeeren. Die „vergiftete Hälfte“ lieferte das Sekret eines kolumbianischen Pfeilfrosches. Gleich zu Beginn von „Amokverdacht“ kommt dies scheinbar harmlose Tierchen im Labor aus Übersee an und bringt schrecklichen Tod durch sofortiges Verkrampfen des Schluckkanals hinter der Gurgel. Das Tückische: Das Gift, tausendfach stärker als Zyankali, wird bereits über die Schleimhäute im Mund aufgenommen – der Tod ist unumgänglich für den, der sich von den süßen Beeren hat verführen lassen. Sieben Tote, ein Überlebender. Kein Gift im Magen des Professors. Und wie passt der harmlose Beikoch ins Opferschema? Fragen über Fragen.
Was wieder ein verzwickter Fall für Carpenter ist, klingt nach Shakespeare und Agatha Christie, kommt mit philosophischen Ausflügen in die Welt des Philosophen Kierkegaard und nimmt Anleihen bei Camus‘ „Die Pest“. Denn auch Ratten, „so wenig ausrottbar wie die Dummheit“, spielen mit.
Kein Wunder, denn Ull Eisel „verschlingt“ täglich ein Buch, kennt fast alles von Schiller, Shakespeare, Canetti ... Kunst und Literatur sind ihre Welt. Die Lust an großen Dramen und spannenden Stoffen kann die charismatische 80Jährige in ihre wie manisch geschriebenen Bücher einflechten, dazu den Eifer, verzwickte Fälle zu lösen: Detektivin wollte sie schließlich schon als Kind werden. Das Vergnügen besteht darin, dass der Leser bis zur Hälfte von „Amokverdacht“ diebisch wie ein Kind im Kaspertheater zu wissen glaubt, wer der Mörder ist, während nur Kasperl im Dunklen zu tappen scheint. Aber nur scheint. Denn ab Seite 60 wird alles anders ...
Eisels Roman verweist auf ihre Bestseller-Vorgänger „Paranoia“ und „Obsessionen“, ermittelt wird wieder an den Schauplätzen Waren und Teterow. Die Handlung besticht durch die Verquickung von Lokalkolorit und gesellschaftspolitisch relevanten, brisanten Themen wie Gefahren und Chancen der Genmanipulation, bezieht mafiösen Saatgut-Lobbyismus ein und befasst sich mit synthetischer Biologie. Das alles ist spannend, unterhaltsam, unaufgeregt und psychologisierend. Denn auch der Autismus als zunehmendes gesellschaftliches Phänomen spielt eine große Rolle.
Ull Eisel schöpft nicht nur nur aus ihrem reichen Wissen, sondern auch ihrem bewegten Leben. Selbst Forscherin und Entwicklerin, erwarb sie über 40 Patente. In den 1970ern studierte sie noch Philosophie und promovierte zur Einheit von Rationalem und Emotionalem. Sie fungierte als Direktorin des Barlachmuseums Güstrow, in den 1990ern als Gründerin einer Kunsthof GmbH in Berlin mit dem Enkel des berühmten Bildhauers Ernst Barlach. Besaß zeitweise Schloss Ulrichshusen und kaufte die reizvolle Domäne Neu Garz, aus der sie einen romantischen Kunstort mit Bibliothek, Theater und Schwimmbad zauberte. Als Autorin hat sie zudem Gedichte von Klaus Barlach, dem Sohn Ernst Barlachs, herausgegeben.
Und es geht unermüdlich weiter: Gerade lebt sie ihre reiche kriminelle Phantasie in Kurzgeschichten aus. Realisiert, was im wirklichen Leben nicht möglich ist, im Laufe dieser Short Stories: Zum Beispiel unliebsame Zeitgenossen mit dem wertvollen Silberknauf-Stock „zurecht zu weisen“ …

Ull Eisel: „Amokverdacht“. MV Taschenbuch. ISBN 978-3-86785-250-0

Kontakt zur Autorin
s.voss@nordkurier.de

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