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Waren: Stadt mit sechs Bahnübergängen

Museumsleiter Jürgen Kniesz (r.) und Mitarbeiter Wolfgang Ullerich bereiten die Sonderausstellung vor. [KT_CREDIT] FOTO: Siegmund Menzel
Museumsleiter Jürgen Kniesz (r.) und Mitarbeiter Wolfgang Ullerich bereiten die Sonderausstellung vor. [KT_CREDIT] FOTO: Siegmund Menzel

VonSiegmund Menzel

Das Heilbad an der Müritz feiert in diesem Jahr ein großes Jubiläum. In mehr
als sieben Jahrhunderten ist viel passiert. Unter anderem fuhren in der Stadt Züge.

Waren.Im Stadthafen Waren, wo vom 7. bis 14. Juli ein Großteil der Festwoche zur 750-Jahrfeier der Stadt über die Bühne geht, sind noch in den 1970er Jahren Züge gefahren. Dabei handelte es sich immerhin um einen Abschnitt der Bahnstrecke Rostock-Waren-Neustrelitz-Berlin. Die Personen- und Güterzüge zuckelten bis 1977 mit 60 km/h durch das Hafengelände. Ein höheres Tempo sei wegen der „Deutschlandkurve“ an der Strandstraße nicht möglich gewesen, erklärt Hans Schmidt aus Waren, der von 1977 bis 1996 als Bahnhofsvorsteher in der Stadt an der Müritz arbeitete.
Im August 1977 hatte der heute 73-Jährige mit der grünen Kelle „Freie Fahrt“ für den ersten Zug gegeben, der auf der neuen Trasse parallel zum Schweriner Damm fuhr. Die offizielle Inbetriebnahme der Strecke erfolgte am 24. September 1977 mit großem Bahnhof. Damit hatten die Bauleute in der Müritzstadt eine riesige Maßnahme abgeschlossen, die als „komplexe Verkehrslösung“ in die Geschichte einging.
Viele Bauvorhaben in den vergangenen Jahrhunderten hätten darauf gezielt, in Waren den Fremdenverkehr als wichtigen Wirtschaftsstandort zu entwickeln, sagte Jürgen Kniesz, Leiter des Stadtgeschichtlichen Museums Waren (Müritz). Entstanden sei die Stadt wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Siedlung deutscher Einwanderer. Eine Gründungsurkunde gebe es allerdings nicht. 1963 sei festgelegt worden, den 700. Geburtstag zu feiern.
Siedlungskerne der Gründungszeit waren die Gebiete um die St. Georgenkirche am Alten Markt und um die Marienkirche, die im 14. Jahrhundert zu einer Einheit verschmolzen. Kriege und Stadtbrände hätten Waren gleich mehrmals zerstört, erklärte der Museumsleiter. Zuletzt 1699, als ein Brand die Stadt völlig verwüstete. Feuer könnte auch der Grund sein, dass die Gründungsurkunde nicht überliefert ist. Im Zweiten Weltkrieg hatte es jedoch keine größeren Zerstörungen gegeben, so dass in Waren heute Gebäude aus mehreren Jahrhunderten zu sehen sind.
Die Schiffbarmachung der Elde um 1800 ermöglichte es, von Berlin und Hamburg aus Waren auf dem Wasserweg zu erreichen. Einige Jahrzehnte später erfolgte der Bau der Eisenbahn. Die Müritzstadt wurde damit zum Verkehrsknotenpunkt, technische Errungenschaften machten die Stadt schnell erreichbar. Vor allem Berliner Sommerfrischler entdeckten „dieses prächtige Stück Erde“, wie der Schriftsteller Theodor Fontane (1819–1898) diesen Landstrich nannte.

Fontane rührt für Waren
die Werbetrommel
„DieLuft ist wundervoll, und je nachdem wie der Wind steht, bin ich auf unserem Balkon von einer feuchten Seebrise oder, von der Waldseite her, von Tannenluft und -duft umfächelt“, schrieb er im August 1896 aus Ecktannen in einem Brief an den Chefredakteur der Vossischen Zeitung in Berlin. „Sollte ihre Gesundheit einer Aufbesserung bedürfen, so kann ich Ihnen auf der ganzen Gotteswelt keinen besseren Platz empfehlen.“ Das Versprechen, für Waren die Werbetrommel zu rühren, wiederholte der Schriftsteller kurz darauf in einem Brief an seinen jüngsten Sohn Friedrich. „Waren muß durchaus in die Höhe gebracht werden. Es ist wirklich sehr hübsch.“
Zitate von Fontane können Interessenten im Buch „Sie waren in Waren“ nachlesen, dass zum Stadtjubiläum vom Museums- und Geschichtsverein herausgegeben wird. Autor Jürgen Kniesz schrieb dabei über „100 und mehr Menschen, die Geschichte machten“. Zum gleichen Thema wird auch eine Sonderausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Waren gezeigt.
Mit der komplexen Verkehrslösung in den 1970er Jahren war das wertvolle Müritzufer für den Tourismus frei geworden. Sie sei aber vor allem aus anderen Gründen dringend notwendig gewesen, erinnerte sich der ehemalige Eisenbahner Hans Schmidt. Die Fernverkehrstraße führte durch die Altstadt, wurde gleich mehrmals durch Schranken unterbrochen. Seinen Angaben zufolge hat es in Waren insgesamt sechs Schrankenübergänge gegeben.

Bauarbeiten teilen
die Altstadt in zwei Hälften
Der Straßenverkehr wuchs in den siebziger Jahren enorm, riesige Staus waren die Folge. Zur komplexen Verkehrslösung gehörten Brücken, die vierspurige Straße, der Fußgängertunnel am Bahnhof und nicht zuletzt die 2,6 Kilometer lange zweigleisige Eisenbahnstrecke. Zum Vorhaben hatte es damals aber sehr unterschiedliche Meinungen gegeben, denn Gebäude und Grünanlagen mussten weichen. Warens Altstadt wurde in zwei Hälften geteilt.
Zum Goldstück wurde der Stadthafen nach der politischen Wende in der DDR gemacht. In den Sommermonaten tummeln sich hier täglich Hunderte Touristen. Zur 750-Jahrfeier der Stadt im Juli werden es wohl noch mehr sein. Höhepunkt der Woche ist am 13. Juli der Festumzug. Die Anstrengungen der Stadt auf Tourismus zu setzen, haben sich gelohnt. Sie gipfelten im Vorjahr in der Verleihung des Titels „Heilbad“. Waren darf sich seitdem „Staatlich anerkanntes Heilbad“ nennen.
Jüngste Errungenschaft ist das vor einem Jahr eröffnete Kurzentrum auf dem Nesselberg. Das 4-Sterne-Gesundheitshotel bietet 241 Betten in 91 Doppel-, 43 Einzelzimmern und acht Appartements. Die großzügige Bade- und Saunalandschaft mit Schwimmbad und einem ganzjährig beheizten Thermalsole-Außenbecken lädt die Gäste zum Verweilen ein. Im Restaurant in der dritten Etage können sie einen eindrucksvollen Panoramablick auf die Müritz genießen. Mit diesem Kurzentrum ist die Tourismus-Saison in der Müritz-Region für Gäste aus nah und fern weiter verlängert worden.

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