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Zeig‘ die Zähne, Meister Petz!

VonJörg Döbereiner

Es gibt Angenehmeres als Operationen an den Zähnen. Kastrationen gehören auch nicht unbedingt dazu. Braunbär Siggi musste im Bärenwald Müritz beide Eingriffe gleichzeitig über sich ergehen lassen – zu seinem eigenen Nutzen.

Stuer.Unruhig wirft Braunbär Siggi seinen mächtigen Kopf hin und her. Wieder und wieder scharrt er mit den Tatzen am Metallgitter des schmalen Käfigs im Bärenwald Müritz. Neben dem Käfig kniet Tierpfleger Steffen Tucholsky, der den Bären aus seinem weitläufigen Gehege in die „Falle“ gelockt hat. „Ruhig, Siggi, ist doch gut“, will er das Tier beruhigen. Das scheint zwar zu ahnen, dass etwas im Busche ist. Aber was genau, das wissen nur die rund zwei Dutzend Ärzte, Tierpfleger und Journalisten, die sich um sein Gehege versammelt haben.
Mit einem langen schwarzen Blasrohr, in dem ein Betäubungspfeil steckt, nähert sich Tierarzt Frank Göritz dem Käfig. Der Experte ist mit einem vierköpfigen Team vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung angereist. Frank Göritz zielt, pustet und trifft. Doch die Spritze mit dem Betäubungsmittel löst nicht aus. Noch einmal pustet der Tierarzt, und der zweite Versuch sitzt. Nach fünf Minuten sinkt Siggis wuchtiger Körper auf den Boden, nach weiteren zehn Minuten reagiert er auf ein Stupsen mit dem Blasrohr nicht mehr.
Zeit zum Abtransport: Zehn Erwachsene schleppen den 220 Kilogramm schweren Bären auf einer Tragedecke aus dem Gehege. Nach zähem Schieben und Ziehen liegt das Tier schließlich sicher im Transportwagen. „Geschafft“, schnauft einer der Mitarbeiter. An seiner Nasenspitze glänzt ein Schweißtropfen.
Am Operationsraum des Bärenwaldes angekommen, hieven die Mitarbeiter Siggi auf einen Metalltisch. Sie fixieren seine Arme und Beine mit fingerdicken Stricken und stabilisieren die Gliedmaßen mit Sandsäcken. Die Ärzte legen derweil eine Infusion und schließen das Tier an ein EKG an. Der kräftige Bär liegt still und regungslos, alle zehn Sekunden hebt und senkt sich das raue braune Brustfell. Tierärztin Johanna Painer blickt zur Anzeige: „Alle Werte sind normal.“
Am Kopfende des OP-Tisches beugt sich der Hamburger Zahnarzt Marc Loose über das von einer Metallklammer aufgespannte Gebiss des Bären. Siggi hat ein Karies-Problem. „Alle vier Fangzähne sind stark zerstört und an den Spitzen abgebrochen“, diagnostiziert der Arzt. Das legt die Vermutung nahe, dass der Bär von seinen vorherigen Haltern falsch gefüttert wurde oder an den Gitterstäben kaute. Den beiden unteren Fangzähnen verpasst Marc Loose sofort eine Wurzelbehandlung samt Füllung. Für die oberen Zähne muss sich Siggi im Herbst noch einmal in Behandlung begeben.
Am Fußende des Tisches setzt Johanna Painer gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Holze das Skalpell an. So groß wie ein kleines Hühnerei ist jeder der beiden Bärenhoden. Heute kommen sie ab. Was umstehende Beobachter – vor allem die männlichen – das Gesichtwie unter Schmerzenverziehen lässt, wird sich für den Bären bald als Vorteil erweisen. Ohne die Kastration hätte er sich keinem Weibchen mehr nähern dürfen, denn im Bärenwald ist Nachwuchs verboten.
So verliert Siggi zwar seine Zeugungskraft. Doch er gewinnt die Freuden des Geschlechtsverkehrs zurück.

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j.doebereiner@nordkurier.de

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