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Auf nach Amerika!

Deutsche Emigranten besteigen um 1860 in Bremen ein Auswandererschiff, das sie in die USA bringt. Sie haben alle Brücken abgebrochen und sich für die Überfahrt oft in Schulden gestürzt.
Deutsche Emigranten besteigen um 1860 in Bremen ein Auswandererschiff, das sie in die USA bringt. Sie haben alle Brücken abgebrochen und sich für die Überfahrt oft in Schulden gestürzt.

Nur 63,4 Meter lang ist die „Sirius“ und aus Holz. Der Post- und Fahrgastdampfer ist auch mit fünf Hilfssegeln getakelt. Seine zwei Schaufelräder bringen das Dampfschiff auf etwa 15 km/h Reisegeschwindigkeit. Eigentlich pendelt die 1837 in Dienst gestellte „Sirius“ nur im Küstendienst zwischen London und Cork in Südirland hin und her. Doch vor 175 Jahren schickt sie ihr Reeder „The Cork Steam Ship Company“ auf „Große Fahrt“. Am 4. April 1838 legt der Dampfer mit 40 Passagieren an Bord, die nach Amerika auswandern wollen, in Cork ab, um 18 Tage darauf, am 22. April, im Hafen von New York die Anker zu werfen.
Ohne nur ein Mal die Segel zu setzen, gewinnt die Mannschaft den Kampf gegen Wind und Wellen. Ausschließlich mit der Kraft einer Dampfmaschine über den Atlantik zu schippern – das hat noch kein anderes Schiff geschafft. Mit der „Sirius“-Passage beginnt der Siegeszug der immer größeren, schnelleren und komfortableren Amerika-Dampfer.

Der große Atlantik wird zur schmalen Pfütze

Bald sind sie nur noch aus Stahl genietet sowie mit imposanten Schiffsschrauben statt Seitenrädern versehen. Diese Ozeanriesen bringen dem Auswanderungsgeschäft Gewinn, lassen den großen Atlantik zur schmalen Pfütze schrumpfen und Vorkämpfer wie die „Sirius“ als schwimmende Nussschalen erscheinen. Da ist zum Beispiel die tragisch-legendäre „Titanic“ der britischen „White Star Line“ zu nennen. Und etwa das damals „größte Schiff der Welt“, der Super-Dampfer „Imperator“, der am 24. Mai 1913 von der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG)“ in Dienst gestellt wird.
In den 100 Jahren zwischen Ende der Napoleon-Zeit und dem Ersten Weltkrieg 1914 werden über 30 Millionen Menschen aus ganz Europa so an die Gestade der „Neuen Welt“ gespült. „Miss Liberty“, die New Yorker Freiheitsstatue zeugt seit 1886 davon. Wiederum viele Deutsche suchen in dieser Zeit im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ihr Glück. Sie bilden seit langem eine der großen Immigrantengruppen aus der „Alten Welt“. In den 330 Jahren zwischen 1683 und heute wagten um die zehn Millionen deutsche Einwanderer ihr „Auf nach Amerika“. Es wird von der Historiografie in den drei Etappen 1683-1814, 1815-1914 sowie von 1919 bis in die Gegenwart beschrieben.
Anfangs noch in die 13 englischen Kolonien, die sich 1776 als „Vereinigte Staaten von Amerika“ vom Mutterland separieren, wandern in der ersten Periode etwa 150000 Deutsche ein. Zu den ersten Auswanderern gehören vor allem religiöse Dissidenten, die in der engherzigen Heimat nicht wohl gelitten sind, wie die 13 Mennoniten-Familien aus Krefeld, die im Oktober 1683 die Siedlung „Germantown“ in Pennsylvania, heute ein Stadtteil von Philadelphia, gründen.
Auch etwa 5000 von 17000 „Hessen“, das heißt vom Landgrafen von Hessen-Kassel an England vermietete Soldaten, die in Amerika gegen Washingtons Truppen kämpfen, oder einige deutsche Offiziere, die als Freiwillige bei den Rebellen fechten, bleiben dauerhaft in Amerika. Prominentester Militär jener Zeit ist der aus Magdeburg stammende Lehr- und Drillmeister der „Kontinentalarmee“ General Friedrich Wilhelm von Steuben. In der Wirtschaft indes ist der aus Walldorf bei Heidelberg stammende, 1783 ausgewanderte Kaufmann, Pelzhändler und Immobilien-Tycoon Johann Jakob Astor mit 25 Millionen Dollar Vermögen damals der reichste Mann der USA.

Eine zweite Welle schwappt ins Land

Als zweite und zugleich Haupt-Immigrations-Etappe gilt die Periode von 1815 bis 1914. Damals machen sich an die sechs bis sieben Millionen Deutsche auf den Seeweg ins „Gelobte Land“. Bei jener von allen sozialen Schichten getragenen großen Welle schiffen sich jetzt Jahr um Jahr Zehn- bis Hunderttausende Kinder, Frauen und Männer in Rotterdam, später in Bremen und Hamburg ein.
Tüftler und Erfinder sind zu nennen. Etwa der aus Hachtel im Taubertal kommende gelernte Uhrmacher Ottmar Mergenthaler, der 1884 mit seiner Linotype-Zeilen-Setzmaschine die letzte große Lücke in der Automatisierung des Drucks schließt; der aus Hannover stammende Emil Berliner, der 1887 Edisons Phonographen zum Grammofon weiter entwickelt; der 1901 bei Bridgeport/Connecticut erste Motorflieger der Welt Gustav Weißkopf aus Bayern, der sich nach seiner Einwanderung Gustave Whitehead nennt.
Bleibenden Ruhm sichert sich das aus in Mühlhausen in Thüringen stammende Ingenieurs-Duo Johann August und Washington August Röbling mit seiner 1883 vollendeten New Yorker Brooklyn-Bridge, damals mit 500 Meter Spannweite die längste und viel bewunderte Stahlseil-Hängebrücke der Welt.
Heute noch zwischen Boston und San Francisco bekannt und verehrt wird der erste und bisher einzige deutschstämmige Innenminister der USA von 1877 bis 1881 Carl Schurz. Er war ein gestandener 1848er Revolutionär, geboren im Rheinland. Schurz ist einer der wenigen Idealisten, die 1852 aus politischen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen Zuflucht suchen.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem auch die Vereinigten Staaten gegen Deutschland kämpfen, beginnt die dritte Periode deutscher Auswanderung. Nochmals und bis heute suchten gut zwei Millionen Deutsche ihr Glück in den USA. So kommt 1930 Film-Star Marlene Dietrich dort an. Von 1933 bis 1941, im Zeitraum zwischen Hitlers „Machtergreifung“ und dem erneuten Kriegseintritt der USA gegen Deutschland, kommt es
zu einer Emigranten-Zwangsauswanderung. Albert Einstein und Thomas Mann sind darunter.
Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg und im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik finden meist junge und ledige Frauen und Männer in Nordamerika, auch mehr und mehr in Kanada ihre Zukunft. Damals nimmt zudem mancher Besatzer und Soldat „sein deutsches Fröllein“ mit in die USA.

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