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Die ganze Welt gibt sich die Kugel

Das Erfinder-Gen lag dem gebürtigen Budapester László József Bíró im Blut. So brach er sein Medizinstudium ab und versuchte sich als Versicherungsmakler, Bildender Künstler, Autorennfahrer und Konstrukteur. 1932 entwickelte er ein Automatikgetriebe. Das Patent verkaufte er an General Motors, die es aber nie verwendeten. Schließlich wurde er Journalist und arbeitete in seiner Heimatstadt für die Wochenzeitung „Elöre“.
Probleme mit Schreibutensilien waren nicht nur Bíró lange bekannt – Bleistifte mussten ständig gespitzt werden und bei Füllfederhaltern drohten Tintenflecke. Wann und wie er jedoch auf die Idee zur Entwicklung eines Kugelschreibers kam, darüber gibt es mehrere Versionen.
Klassenkameraden sollen seine Tochter geärgert und ihre Haarspitzen in ein Tintenfass getunkt haben. Eine andere Legende besagt, dass Bíró seine Tochter beim Murmelspiel beobachtet habe – als die Kugeln durch eine Pfütze rollten, hinterließen sie eine gut sichtbare Spur auf dem Boden.
Am wahrscheinlichsten klingt dennoch die Geschichte, dass er vom Besuch einer Druckerei inspiriert worden sei. Er stellte sich analog zur Rotationswalze einen Stift vor, der mit einer Kugel versehen die Farbe aufs Papier bringt.
Dafür benötigteLászló Bíróeine Tinte, die nicht eintrocknet und gleichzeitig feste sowie flüssige Bestandteile enthält. Bei der Entwicklung halfen ihm sein Bruder György, ein Chemiker, sowie der Schreibmaschinenfabrikant Andor Goy. In jahrelangen Versuchen bastelte Bíró einen nachfüllbaren Kugelschreiber, dessen technisches Prinzip immer noch gültig ist: Am Ende einer mit zähflüssiger Tinte gefüllten Mine befindet sich eine bewegliche Kugel aus Keramik – heute meist Wolframcarbid. Streicht der Kugelschreiber über ein Blatt, nimmt die Kugel auf der einen Seite Tinte auf und gibt sie auf der anderen wieder ans Papier ab. Wird der Stift nicht benötigt, gelangt die Mine über einen Mechanismus wieder ins Gehäuse zurück.
1938 meldete Bíró die Konstruktion zum Patent an. Bald kamen erste funktionsfähige Stifte unter dem Namen „Go-Pen“ auf den Markt.
Dabei war das Prinzip nicht komplett neu. Bereits Galileo Galilei soll eine Art Kugelschreiber entworfen haben. Ein weiteres Schreibgerät mit eigener Tinte präsentierte 1873 der aus England in die USA eingewanderte Alonzo Townsend Cross. Auch Gerbermeister John J. Loud entwarf dort 1888 einen Ledermarker mit fünf Kugeln. Allerdings existierten diese Kugelschreiber-Vorläufer nur als Prototypen und wurden nie in Serie produziert.
Nicht anders erging es 1906 dem kroatischen Erfinder Slavoljub Eduard Penkala. Alle Männer waren an der Tinte gescheitert, die entweder die Schreibgeräte verklebte oder auf dem Papier verlief.
Der jüdischstämmige Bíró verließ Ungarn am 31. Dezember 1938, einen Tag vor Inkrafttreten eines neuen Gesetzes, das die Mitnahme von Patenten ins Ausland untersagte. Er suchte mit seiner Familie zunächst Zuflucht in Frankreich.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ging er nach Argentinien. In Südamerika erneuerte der Erfinder 1943 sein Patent und gründete die Kugelschreiberfabrik „Eterpen“. Unter dem Namen „Birome“ wurden jährlich sieben Millionen Kulis hergestellt.

Das Gerät wird Favorit bei Flugbesatzungen

Der endgültige Durchbruch für den Kugelschreiber begann mit dem britischen Geschäftsmann Henry George Martin. Er erkannte in ihm das ideale Schreibwerkzeug für Flugzeugbesatzungen, denn die bis dahin benutzten Füller liefen unter niedrigem Luftdruck in großer Höhe aus. Martin kaufte Bíró Patentrechte ab und begann im südenglischen Reading mit der Produktion von Kugelschreibern. Schon im ersten Jahr verkaufte Martin gemeinsam mit seinem Partner Frederick Miles 30000 Stück an die Royal Air Force.
Ab 1945 kam der Kugelschreiber auch in den USA in den Handel, von dem „Reynolds Rocket“ wurden in wenigen Tagen rund 100000 Stück verkauft, obwohl sie mit 8,50 Dollar rund anderthalb Mal so teuer wie Füllfederhalter waren. Der Nachbau wies jedoch Qualitätsmängel auf und aufgrund andauernder Retouren ging der Hersteller in Konkurs.

Frankreichs „Bic“ bricht alle Rekorde

Den globalen Siegeszug des revolutionären Schreibgeräts konnte das nicht aufhalten. Etliche Unternehmen begannen mit der Fertigung ohne Lizenz. In Deutschland kosteten die ersten Modelle nach dem Krieg etwa 20 D-Mark. 1950 erwarb der französische Baron Marcel Bich die Patentrechte für eine Million Dollar und taufte seinen neuen Stift „Bic“. Mit dem preisgünstigen Kuli aus Plastik stieg die Firma zum weltgrößten Kugelschreiberhersteller auf. Bis heute wurden über 80 Milliarden Stück verkauft.
Seit 1972 bringen die Franzosen neben den Wegwerfschreibern auch bunte Einwegfeuerzeuge auf den Markt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Kugelschreiber zudem als beliebter Werbeträger etabliert.
Als moderne Sage gilt, dass die NASA für eine Million Dollar einen speziellen Kugelschreiber entwickeln ließ, der sogar im Weltraum unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit funktioniert, während die Sowjetunion einen einfachen Bleistift benutzte. Tatsächlich konstruierte der Amerikaner Paul Fisher bereits 1965 einen „Space Pen“, allerdings ohne NASA-Auftrag. Die Mine bestand aus einem versiegelten Druckbehälter mit Spezialtinte, die selbst mit nach oben gerichteter Schreibspitze und unter Wasser schreiben konnte.

Schreiber ist Billigware und Edelprodukt zugleich

Massenware gibt es mittlerweile schon für weniger als 20 Cent pro Stück, edle Schreibgeräte von Luxusherstellern wie Montblanc oder S.T. Dupont können ein paar Hundert Euro kosten. Der zur Zeit teuerste Kugelschreiber der Welt ist für stattliche 190000 Euro zu haben. Dafür bietet Schmuckdesigner Butani 18 Karat Gold und 1816 Diamanten.
Übrigens reicht die Mine eines herkömmlichen Kugelschreibers für eine Linie von zweieinhalb bis drei Kilometern – damit können rund 100 DIN A4-Seiten eng beschrieben werden.
Zeit seines Lebens blieb László József Bíró ein Tüftler und entwarf nach dem gleichen Kugelprinzip ein Parfüm – ein Vorläufer des heutigen Deo-Rollers. Ihm zu Ehren trägt der Kugelschreiber in einigen Ländern seinen Namen: In Großbritannien und Italien heißen die Stifte Biro, in Frankreich Biron und in Spanien Birome. Der Erfinder starb 1985 mit 86 Jahren in Buenos Aires.

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