Nordkurier.de

Ein Leben auf dem Zeltplatz

Kurz nach dem Mittagessen – Zeit für den Abwasch. Gemeinsam mit drei anderen Frauen stehtMaria Paul an der Abwäsche des Sanitätshäuschens auf dem Campingplatz nahe Priepert. Ein kleiner Plausch, dann geht es mit den Plasteschüsseln voll sauberer Teller und Besteck zurück zum Wohnwagen.
2857 Campingplätze gibt es in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind es allein 367. Einer davon ist der Platz am Ziernsee nahe Priepert in der Mecklenburgischen Seenplatte. Jedes Wochenende zieht es viele Menschen dort hin. Alle haben das gleiche Ziel: Ruhe und Entspannung. Die können sie auf dem Platz des Betreibers Haveltourist wahrlich finden. Rundherum duftet der Wald, Vögel zwitschern und der angrenzende See besticht mit glasklarem Wasser. Dauercamper aus ganz Deutschland fahren deshalb auf den Platz.
Auch Maria Paul ist mit ihrer Familie bereits seit 37 Jahren fast jedes Wochenende dort. Inzwischen campen sie schon mit vier Generationen. Oma und Opa Paul reisen oft bereits in der Woche an. Am Wochenende folgen die Tochter Andrea Böttcher und der Schwiegersohn mit ihren Kindern. Und die bringen manchmal auch schon die Enkel mit. „Die Natur hier ist einfach toll. Die Kinder können sich frei entfalten und die Menschen um uns herum sind unsere Freunde geworden“, schwärmt Andrea Böttcher. Sie und ihr Mann haben zu Hause in Rosenow ein großes Grundstück. Trotzdem hält sie an den Wochenenden dort meist nichts. „Das hier ist eben Entspannung pur“, sagt die 50-Jährige. Morgens springt sie vor dem Frühstück als erstes in den See. Am Nachmittag genießt sie gern, mit einem guten Buch, die Sonne. Dennoch muss man für diese Idylle irgendwie geboren sein. Jedes Wochenende seine sieben Sachen packen, zu Hause alles stehen und liegen lassen – das ist nicht für jeden etwas. Auch die Nähe zu den anderen Campern ist gewöhnungsbedürftig. „Wie sieht es aus? Willst du mit uns zusammen essen?“, schallt es da gern schon mal morgens zum Frühstück über den Platz. Doch Andrea Böttcher kennt es nicht anders.
Mit einem Zelt und einem Trabbi fing 1968 alles an. „Mit fünf Kindern hat man damals nicht so einfach einen Ferienplatz bekommen. Also sind wir ins Erzgebirge zum Zelten gefahren“, erinnert sich Vater Eberhard Paul. So steckte der heute
82-Jährige die ganze Familie mit seiner Leidenschaft an.

Der Fernseher ist im Wohnwagen tabu

Inzwischen wohnen sie in ihrem Wochenend-Zuhause komfortabler. So nennen sie zwei Wohnwagen, damit alle Platz haben, und ein großes Vorzelt ihr Eigen. Darin eine komplette Küche samt Herd, Kühlschrank und Sitzecke. „Wir sind perfekt eingerichtet“, findet Maria Paul. Einen Fernseher gibt es aber nicht. „Wir haben ein Radio. Das reicht. Fernsehen können wir auch zu Hause“, sagt sie bestimmt. Stattdessen spiele die Familie an den Abenden lieber gemeinsam Canasta. Oma Maria ist es auch, die sich auf dem Campingplatz stets um das leibliche Wohl kümmert. „Pellkartoffeln, Blumenkohl oder Fleisch – bei uns gibt es immer etwas Leckeres“, sagt die 78-Jährige. Nur den Sonntagsbraten mache sie lieber zu Hause. „Wenn es mal Rouladen gibt, bereite ich die gern daheim vor und bringe sie hierher mit.“
Familie Böttcher hat besonders die Gemeinschaft unter den Campern schätzen gelernt. „Auf dem Zeltplatz duzen sich alle. Das macht es entspannter. Natürlich kann hier auch nicht jeder mit jedem, aber im Großen und Ganzen verstehen sich schon alle“, sagt Andrea Böttcher. Für die 50-Jährige sind die anderen Camper ein Teil ihres Lebens geworden. So hat sie sogar ihre Hochzeit und ihre Silberhochzeit auf dem Platz am Ziernsee gefeiert. „Da wussten wir gleich, wo unsere Gäste schlafen können“, sagt sie und lächelt. Auch Tochter Sarah könnte sich das vorstellen. Geburtstage hat die 23-Jährige bereits auf dem Platz gefeiert. Eine Hochzeit wäre auch nicht ausgeschlossen. „Wenn ich mal heirate, warum nicht?“
 

Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×