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"Ich hoffe, meine Fotos kommen ins Familienalbum"

Porträtshooting auf dem Immergut Festival in Neustrelitz.
Porträtshooting auf dem Immergut Festival in Neustrelitz.

„Ich bin Paul und ich mach’ Fotos auf dem Immergut Festival. Warum? Weil ich’s mag“, sagt Paul-Ruben Mundthal und fixiert seinen Fotohintergrund mit Klammern an einem Bauzaun. Noch den Scheinwerfer an, fertig ist das Open-Air-Studio auf dem Festivalgelände in Neustrelitz. „Ich porträtiere hier Helfer vom immergutrocken-Verein, Gäste, Künstler, Organisatoren, ehemalige Vereinsmitglieder, Securityleute, Putzfrauen, Küchenhilfen, Leute, die Löcher in den Boden machen, damit Kabel durchgelegt werden können, Leute, die Leute fahren, Leute, die fahrende Leute fahren ...“, zählt der 23-jährige Fotograf auf und ist kaum zu stoppen. Humor hat er und noch mehr Ideen.

Vieles bei dem Neustrelitzer Musikfestival, das seit 14 Jahren immer im Mai
5000 Fans aus der ganzen Republik an die Mecklenburgische Seenplatte lockt, bleibt hinter den Kulissen und Bauzäunen verborgen. Paul möchte, dass sich die ehrenamtlichen Macher positionieren, sich zeigen. Und auch die Menschen, die das Immergut mit Leben füllen, die Gäste, sollen außerhalb des Immerguts ein Gesicht bekommen. Deshalb Porträts.

Das Immergut ist Heimat und Parallelwelt zugleich

Warum gerade dieses Musik- und Kunstevent? „Weil Immergut Heimat ist“, erklärt der gebürtige Neubrandenburger. „Zum Immergut zu kommen, ist wie in ein Familienalbum zu schauen“, findet Paul. „Und ich hoffe, dass meine Fotos ihren festen Platz im Familienalbum vom Immergut finden“, so der Fotograf, der in Erfurt sein eigenes Studio hat und an diesem Wochenende ebenfalls ehrenamtlich arbeitet.

Seine Porträts reduziert Paul aufs Wesentliche. Er inszeniert nichts. Er biete das Können und den professionellen Rahmen, den die Leute mit ihren eigenen Farben füllen können. In diesem Fall ist der Hintergrund schwarz und die Farben auf einem Festival wie dem Immergut sind besonders bunt. „Die Vielfalt an Leuten, Ideen und Lebenskonzepten ist hier sehr groß und spannend“, erklärt der Student der Mediengestaltung und Medienkunst in Weimar. „Einmal im Jahr konzentriert sich diese Vielfalt an diesem kleinen Ort. Jeder versucht hier auf beinah übertriebene Art zu zeigen, wer er ist – ein bisschen wie auf einem Kreuzfahrtschiff, nur familiärer. Das Immergut ist schon eine Parallelwelt“, sagt Paul und positioniert anschließend sein nächstes Fotomodell mit einem bunt-gestreiften Spitzhut auf dem Kopf und der brennenden Zigarette in der Hand zwischen Hintergrund und Scheinwerfer. „Guck mal, hier gibt es noch so eine schöne Startlinie. Stell dich mal da hin“, dirigiert er und drückt den Auslöser. Klack. Klack. Links der Szene der Cocktailwagen, rechts eine Frittenbude und hinter dem Fotografen neugierige Festivalbesucher.

„Wie geht’s denn? Dein wievieltes Immergut ist das?“ „Mein Erstes“, lautet die Antwort von Jan aus Hamburg mit der thailändischen Kopfbedeckung. Paul ist routiniert und braucht nicht lange, um für eine lockere Atmosphäre zu sorgen. Er hat nicht nur einen guten Blick, sondern auch einen Sinn für Zwischentöne. Er hört genau zu und analysiert unaufdringlich. Das Ergebnis auf dem Display der Kamera ist daher vor allem eins: authentisch.

„Man erkennt schnell, welche Bilder von ihm sind“, findet Dominik Bönisch, Freund und Fotografen-Kollege. „Paul arbeitet gern mit Menschen zusammen und fotografiert viel Porträt und Teilakt. Während des Shootings vermittelt er immer Professionalität ohne zu verkrampfen.“ Neben seinem Talent hinter der Kamera habe er auch ein Gespür fürs Netzwerken, so Dominik. „Er kann andere schnell von seinen Vorhaben überzeugen, auch weil er einfach nicht aufhört zu reden“, sagt der Erfurter und lacht. Paul-Ruben sei ein ziemlich lockerer Typ mit eigenem Kopf. „Ständig ist er dabei irgendwas zu organisieren, zu helfen oder zu verändern. Das find’ ich gut und reißt einen mit“, erklärt Dominik, der sich gemeinsam mit Paul ein Atelier im Erfurter Projekthaus „Saline 34“ teilt. Mit anderen Fotografen geben sie in Erfurt auch das „HANT-Magazin für Fotografie“ heraus. „Wir kennen uns seit zwei Jahren, arbeiten zusammen und entwickeln eine ernstzunehmende Freundschaft – nur Pauls Musikgeschmack finde ich immer noch eher fragwürdig“, so Dominik.

Fotografie mit mehr Sinn und Nachhaltigkeit

Seine erste Kamera bekam Paul in der 4. Klasse. Ein buntes, blinkendes Modell für Kinder, das er seit kurzem sogar wieder in Gebrauch hat. Eine richtige Spiegelreflex gab es dann mit 18 Jahren. Weil er „keinen Bock“ hatte, in Clubs Eintritt zu bezahlen, fing er an bei Konzerten zu fotografieren. Die Ergebnisse veröffentlichte er auf einer eigenen Homepage und der Zuspruch ermunterte zum Weitermachen.

Auch beim Nordkurier sammelte Paul in der Jugendredaktion der Neubrandenburger Zeitung Erfahrungen. „Inhalte filtern, Motive für Bilder finden und mit Leuten reden, das war schon ein guter Anfang“, sagt der Student der Bauhaus Universität. „Fotografie auf Konzerten hat mich dann nicht mehr gereizt. Ständig die gleichen Situationen, Fotografie mit wenig Nachhaltigkeit, die letztlich in einer Technikschlacht vor der Bühne mündet. Da hatte ich keine Lust mehr drauf“, erklärt Paul. Er wollte seinem Tun einen Sinn geben, verstärkt inhaltlich arbeiten. Beworben hat er sich nach dem Abi an nur einer Uni. „Ich wusste nichts über die Bauhaus Universität, nichts über Fotografen wie Ruff, Gursky oder die Bechers. Aber ich hatte das Gefühl, mein Weg ist alternativlos. Was sollte ich denn sonst machen?“

In Erfurt hat er seit seiner Ankunft 2009 spannende Gleichgesinnte gefunden. „Wir sind alle Psychopathen“, meint er. Außerdem bietet ihm die thüringische Landeshauptstadt eine große Spielwiese, auf der er sich austoben kann. Ausstellungen organisiert er regelmäßig, Foto-Preise hat er abgeräumt und Musikvideos für Künstler wie Peter Licht hat Paul im Rahmen des Studiums gedreht. Etwas, das er neben der Fotografie auch in Zukunft gerne machen würde, für die er die Weichen als Freiberufler längst gestellt hat.

Ob er sich vorstellen könnte, wieder in die Heimat zu kommen? „Wenn die Heimat immer so schön wäre wie das Immergut, gerne. Aber wer weiß, wie ich das sehe, wenn ich ein wenig älter bin.“

 

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