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Ein Bahnwärter als Comic-Held

Der eine ist ein wortkarger Sonderling, der andere plaudert wie ein Wasserfall und ist gern unter Menschen. Gemeinsam haben sich die beiden Tschechen in der Welt einen Namen gemacht: Alois Nebel und Jaroslav Rudis. Gleichberechtigt ist die Beziehung zwischen ihnen nicht. Denn der 40-jährige Rudis ist der Vater seines älteren Comic-Helden.
„Alois Nebel“ hat nach seinem ersten Erscheinen die Herzen einer ganzen Nation im Sturm erobert – und das mit ziemlich hartem Tobak. Schließlich erzählt „Alois Nebel“ keine knallig bunte Superheldengeschichte, sondern arbeitet sich in künstlerisch ambitioniertem Schwarzweiß an der Vergangenheit Mitteleuropas ab: Der kauzige Bahnwärter Nebel ist halb Deutscher, halb Tscheche und tut seinen Dienst in den 1980er Jahren am Bahnhof in Bily Potok, wie es bereits sein Vater gemacht hat. Der kleine Ort im ehemaligen Sudetenland liegt am Rande des Altvatergebirges, auf einem Höhenzug, den die Tschechen „Jeseniky“ nennen. Dort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze hat auch schon Nebels Großvater gearbeitet, allerdings sprach man dort damals auch noch deutsch.

Einzelgänger liest Fahrpläne auf dem Klo

Tagein, tagaus rattern die Züge an dem 50-jährigen Nebel vorbei. Nach seiner Schicht schließt sich der Einzelgänger auf der Toilette ein, um alte Fahrpläne zu studieren. Alois Nebel weiß: „Das Schmökern in den Fahrplänen beruhigt mich ungemein, in den letzten 100 Jahren haben sich die Abläufe kaum geändert. In diesen Fahrplänen sind keine Fehler. Nur die Menschen in den Zügen ändern sich.“
Aber auch die können bedrohlich wirken: Nebel beginnt plötzlich zu halluzinieren. Geisterzüge tauchen auf und mit ihnen kantige SS-Soldaten, Kriegsverletzte und Krankenschwestern. Wieder und wieder rauscht die unverarbeitete Geschichte an ihm vorbei. Die Deportation und Vertreibung deutschstämmiger Tschechen 1945, der Stalinismus. Alois Nebel kann sich dem nicht entziehen. Er landet vorübergehend im Irrenhaus, muss sich der Vergangenheit stellen.
In Tschechien und Deutschland war der erste Teil der Alois-Nebel-Trilogie ein großer Erfolg. Jüngst ist bei Voland & Quist der zweite Teil der Trilogie „Leben nach Fahrplan“ erschienen – mit neuen Geschichten rund um Tschechiens berühmtesten Eisenbahner. Er und seine Freunde ziehen darin mit einer großen Prise schwarzen Humors mal über die arroganten Prager her, dann wieder debattieren sie in der Kneipe über den Lauf der Welt und sehen das Bahnhofsklo dank einer Marien-Erscheinung zur Pilgerstätte mutieren.

Alois Nebel tourt durch Deutschland

Für seine Fangemeinde tourt der schwermütige Eisenbahner seit kurzem mit einer eigenen Ausstellung durchs Land. Ab dem 1. Mai macht die von Autor Jaroslav Rudis und Zeichner Jaromir 99 gemeinsam mit dem Stuttgarter Literaturhaus und der Agentur Gold & Wirtschaftswunder konzipierte Schau „Alois Nebel – Leben nach Fahrplan“ nun in Rostock Station. Ab Mittwoch bis Mitte Juni können Besucher sich im Literaturhaus und bei Sequential Art, der Buchhandlung im Peter-Weiss-Haus, ins dünn besiedelte Altvatergebirge entführen lassen.
Zu sehen sind Skizzen, die dem Comic zu Grunde lagen, und räumlich versetzte Pannels, die einen plastischen Eindruck der Geschichte vermitteln. „Gerade das gefällt mir an der Ausstellung sehr“, sagt Sequential-Art-Inhaber Ronald Zeug. Er mag an dem Comic-Roman vor allem die Verknüpfung historischer Fakten mit einer fiktiven Geschichte. Besonders freut er sich auf den 11. Mai. Dann wird Jaroslav Rudis die Schau präsentieren und dabei von ihrem geschichtlichen Hintergrund, von seiner Recherchearbeit und Alois Nebels Entstehung erzählen.
Gezeigt werden dabei auch persönliche Eisenbahn-Devotionalien von Jaroslav Rudis – wie eine alte Signallampe, Fahrpläne und -karten. „Ich sammele auch andere Eisenbahn-Accessoires. Früher wollte ich auch bei der Bahn arbeiten. Aber dann habe ich eine Brille bekommen und bin Schriftsteller geworden. Und darüber bin ich heute ziemlich glücklich“, scherzt Jaroslav Rudis.

Großvater erzählte von einer Zeit voller Leid

Mit Alois Nebel hat der 40-jährige Rudis seinem Großvater ein kleines Denkmal gesetzt. Im nordböhmischen Turnov nahe der Grenze zu Deutschland und Polen geboren, ist Jaroslav mit den Geschichten seines Großvaters Alois Rudis aufgewachsen. Der ehemalige Weichensteller aus der Region um Liberec, dem früheren Reichenberg, erzählte immer wieder auch von Krieg und Vertreibung, Hass und Verrat und einer Zeit, die viel Leid mit sich brachte. Klein Jaroslav fand das spannend. Schließlich wurde über das Schicksal der Sudetendeutschen in der damals sozialistischen Tschechoslowakei meist geschwiegen.
„Eisenbahn und Geschichte gingen im letzten Jahrhundert ja Hand in Hand. Ohne Eisenbahn wäre unsere Geschichte kaum vorstellbar, und deshalb ist die Eisenbahn auch immer noch ein großes Hobby von mir“, sagt Rudis. Nach dem Abitur hat er Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert.
Als er dann endlich Anfang 2000 die Erinnerungen eines Bahnwärters zwischen deutscher, tschechischer und polnischer Vergangenheit in einen Roman packen wollte, kam sein Freund Jaromir Svejdik, ein Zeichner und Musiker, mit der Comic-Idee. Den Durchbruch mit seinem Erstling „Der Himmel unter Berlin“ hatte Jaroslav Rudis damals schon hinter sich; er wurde in seiner Heimat bereits als erster tschechischer Pop-Literat gefeiert.

Expressive Zeichnungen in Schwarz-Weiß

Rudis und Svejdik, der in der Szene Jaromir 99 genannt wird, weil er alles zu 99 Prozent macht, legten los: Rudis lieferte die Texte, Jaromir 99 sorgte für die raue, holzschnittartige Grafik. Dabei wirken die schwarz-weißen Zeichnungen dynamisch und expressiv, niemals statisch oder abgedroschen. So bekamen die Tschechen ein großes Geschenk – ihren ersten komplexen Comic-Roman, auch Graphic Novel genannt.
Das 360 Seiten starke Werk liest sich nicht nebenbei. Der Leser muss sich konzentrieren, wenn ihm die deutsch-tschechische Geschichte unter die Nase gerieben wird. In Tschechien, das keine Comic-Tradition hat, war Alois Nebel dennoch ein Riesenhit.
Offenbar ist die Zeit reif, um mit dem Schweigen zu brechen: In der tschechischen Gegenwartsliteratur ist die deutsch-tschechische Geschichte und ihre Aufarbeitung gerade sehr präsent. Rudis kann das bestätigen: „Das deutsche Thema ist einfach so lange tabuisiert worden, dass es heute wieder spannend ist, darüber zu schreiben und zu lesen.“

Ausstellung Alois Nebel:

1. Mai bis 13. Juni, Buchhandlung „Sequential Art“ im Peter-Weiss-Haus, Doberaner Straße 21, 18057 Rostock. Am Sonnabend, 11. Mai, ist Jaroslav Rudis zu Gast.

www.nebel-in-rostock.de
 

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