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Für Hesse war die Ehe ein Graus

In dem schlossähnlichen Palazzo Casa Camuzzi in Montagnola lebte Hermann Hesse von 1919 bis 1931.
In dem schlossähnlichen Palazzo Casa Camuzzi in Montagnola lebte Hermann Hesse von 1919 bis 1931.

An Mia Bernoulli-Hesse und ihren 50. Todestag erinnert man offiziell wohl nur in Gaienhofen am Bodensee.Vor einem knappen Jahr beging die Welt den 50. Todestag von Hermann Hesse und Mia fand Erwähnung als seine erste Ehefrau, Mutter seiner drei Söhne und als die Frau, die viele Jahre in Irrenhäusern zugebracht habe, wie Hesse selbst, wider besseren Wissens, behauptete. Am 13. Mai 1963 ist sie 95-jährig gestorben.

Hesse ließ sich dreimal „den Ring durch die Nase“ ziehen. Zeit seines Lebens tönte er, dass er nicht heiraten wolle, dass dies für sein Schaffen hinderlich sei, dass er Nähe nicht ertragen könne. Dass die Frauen seiner Kreativität abträglich waren, stimmt so nicht, Mia und Ninon hielten ihm den Rücken frei und die dritte, Ruth, inspirierte ihn zu literarischen Sehnsuchtsfiguren, wie in „Klingsors letzter Sommer“. Er indes schnürte seine Angetrauten ein, drängte sie in eine Rolle, die sie sich nie als „Frau Hesse“ vorgestellt hatten. Aber Mitleid ist fehl am Platze – alle taten es sehenden Auges und hatten manche Neiderin.

Mia frischt eingerostete Liebeskünste auf

Maria Bernoulli stammt aus einer betuchten Familie in Basel. Sie lernt mit ihrer Schwester das fotografische Handwerk. Die beiden eröffnen in Basel als erste Fotografinnen in der Schweiz ein Atelier und betrachten Fotografie als Kunst. Eine damals neue Auffassung. Da schneit in ihren Laden ein hagerer, linkischer Mann, kurze Haare, runde Brillengläser – der Buchhandelsgehilfe Hermann Hesse.

Eins kommt zum anderen. „Seit kurzem aber halte ich allabendlich einen entzückenden schwarzen wilden Schatz im Arm“, schreibt er und dass sie so küsse, das er fast ersticke und dass er seine eingerosteten Liebeskünste mit Erfolg wieder auffrische. Er ist Ende 20, sie Mitte 30. Maria, ab jetzt Mia, hat die Ehe mit ihm fest im Lebensplan. Aber ihre Familie sagt nein dazu. Ein mittelloser Schriftsteller! Hesses Familie ist froh über die Aussicht auf Ehe, wüssten sie doch ihr Sorgenkind „Hemmer“ in besten Händen. Am 5. August 1904 teilt er seiner Familie mit: „Ihr Lieben, nur in Eile viel schöne Grüße und die Mitteilung, daß wir also am Dienstag getraut wurden.“

Er hat sein „ein unbestimmtes Grauen“ vor der Ehe beiseite geschoben. Nun wollen sie ein „ländliches, einfach-aufrichtiges natürliches, unstädtisches und unmodisches Leben“ führen, beschreibt Mia. Der Ort dafür finden sie in Gaienhofen am Bodensee. Heute gibt es dort das Hermann-Hesse-Haus, ein Privathaus, das aber nach Voranmeldung besichtigt werden kann und einen Verein, der sich in diesem Jahr besonders mit dem Andenken von Mia Hesse beschäftigt.

Hesse beginnt literarisch erfolgreich zu werden – „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ erscheinen. Mias Eltern, versöhnt mit dem Schwiegersohn, schießen Geld zu. Hesse nimmt sein ganzes Leben von Mäzenen. Mia wird nach der Scheidung eine selbstständige Frau. Aber noch haben sie eine Zeit im Glück. Das Haus wird hergerichtet – sogar mit einer Dunkelkammer für Mia.

Als der erste Sohn geboren wird, fährt Hesse nach Klosters. Mia schreibt lange Briefe, schickt ihm etwas zu Essen und fügt hinzu. „sorge Dich nicht um den Hotelpreis – deine Nerven sind schon 9 Franken am Tag wert!“. Hesse fährt nach Italien und nach Ascona zur berühmten Kolonie „Monte Verita“, wo er sich den Alkohol abgewöhnen will. So geht es fort.

Hesse ist unterwegs, Mia stemmt den Alltag in Gaienhofen. Der geht ungefähr so: Tomaten bestellt, Rosenkohl gepflanzt, Kater tot, Sohn Heiner zu Geigenstunden gebracht, Hesse bekommt ein Paket mit Brustpulver zum Abführen sowie Gerste für eine Schleimsuppe. Dazu noch Post sortiert und Wichtiges an ihn weitergeleitet. Darunter befinden sie pikanterweise schon die Briefe von seiner dritten Frau Ninon Ausländer. 1910, da ist sie 14 Jahre alt und hat „Peter Camenzind“ gelesen, schreibt sie ihm einen ersten Fan-Brief.

Die Psychoanalyse verbessert die Lage nicht

Hesseist stets psychisch und physisch angegriffen. Vielleicht verstärkt die Psychoanalyse, die gerade sehr in Mode ist und der er sich jahrelang unterzieht, seinen labilen seelischen Zustand gar als dass er ihn bessert. Auch Mia unterzieht sich auf Drängen ihres Mannes der Analyse. Heiner Hesse, derzweitgeborene Sohn, erinnerte sich 2002 in einem Interview, dass seine Mutter als sie aus einer Sitzung kam, in einem Wutanfall versuchte den kleinen Bruder zu erwürgen. Mias Kraft ist aufgebraucht. Sie macht dementsprechend verrückte Dinge. Einmal lädt sie einen Obdachlosen ins Haus, verehrt ihn wie einen Heiligen mehrere Tage lang. Da tickt Hesse aus. Die Kinder wurden mehrmals zu Freunden gegeben oder in Heimen untergebracht. Mia kämpft, als sie schon geschieden sind, hart gegen Hesse um ihre Söhne.

1923 wird die Ehe nach fast 20 Jahre juristisch geschieden – und doch wird diese Beziehung bis zum Tode Hesses eine freundschaftliche bleiben. Im Laufe der Jahre wird Hesse milder, ruhiger, ein richtiger Opa, der die Enkel liebt. Aber Ninon Hesse, seine dritte Frau, versucht die „andere“ Familie fern zu halten. 1953 muss Hesse gar auf Ninos Geheiß die Hilfe seiner Söhne ablehnen: „Wir hätten herrlich miteinander arbeiten können, aber Ninon hat nun mal das Laster der Eifersucht in hohem Grad...“
Mia ordnet nach der Scheidung beherzt ihr Leben neu und beide bleiben in herzlichem Kontakt. Sie zieht nach Ascona, gibt Klavierstunden, begleitet musikalisch Stummfilme,beschäftigt sich wieder mit Fotografie und vermietete Fremdenzimmer in ihrem Haus. Dort ist sie doch ein wenig in der Nähe von Hesse, der inzwischen in dem idyllischen Dorf Montagnola lebt.

Ruth verzweifelt an der Unnahbarkeit

Nochin der Ehe von Mia und Hermann bahnt sich eine neue Beziehung an, auch die dritte Ehe ist quasi in Vorbereitung, denn Ninon Ausländer steht mit Hesse teilweise in engem Briefkontakt. Böse Zungen sprechen heute von einer Art frühen Stalkerin. Aber zunächst lernt Hesse 1919 Ruth Wegner kennen. Er ist 20 Jahre älter als sie, was der heftigen Liebe keinen Abbruch tut. Aber Hesse hält sie auf räumlichen Abstand, nie ziehen sie in eine gemeinsame Wohnung, sind nie längere Zeit beieinander. Das ist nach Hesses Vorstellungen.

Drei Jahre hält Ruth diese Liebe und diese Schmerzen aus. „Du lässt meine Liebe auf Dich herunterregnen. Aber Duhältstkaum die Hände auf,um sie zu empfangen“, ist sieverzweifelt. Über die Scheidung ist er ein wenig sauer, aber Ruth hat eine neue Liebe gefunden. 1994 stirbt sie 97-jährig in Weimar.

Ninon wacht über ihn und lebt eigentlich allein

Ninon,die dritte im Bunde, plant über die Vorgängerinnen hinweg und wissend um Hesses Beziehungsallergie zielstrebig diese Verbindung. 1927, Hesse ist noch mit Ruth verheiratet, kommt Ninon, ebenfalls noch verheiratet, zum kranken Hesse nach Baden, um ihm nicht mehr von seiner Seite zu weichen. Sie war, so sagen die Bewohner von Montagnola, eine strenge und unnahbare Frau, grüßte nicht mal. Sie ließ niemanden zu Hesse vor, bestimmte wer ihn wann und wie lange sprechen durfte. Sie bestimmte sein Leben auf merkwürdige Art und kam doch dabei selbst zu seelisch zu Schaden.

Immer wieder träumte sie davon, ihr Studium abzuschließen, reiste viel zu archäologischen Stätten, aber immer allein. Dass sie Hesse schließlich zum dritten Mal „den Ring durch die Nase ziehen“ konnte, lag auch an einem Mäzen, der ein großes Haus in Aussicht stellte. Hesse konnte einer solchen Bequemlichkeit nicht widerstehen. Er, der immer noch Nähe scheute, ließ das Haus als zwei Doppelhaushälften bauen. Sie kümmerte sich bis zu seinem Tod um ihn und danach um seinen Nachlass. Ninon starb 1966, vier Jahre nach Hermann Hesse. Sie ist wohl im gleichen Grab wie er auf dem Friedhof von Gentilino beigesetzt, doch sind sie nicht auf dem gleichen Grabstein vermerkt. In gebührendem Abstand liegt verschämt ein kleiner Stein mit ihrem Namen. Zuviel Nähe geht einfach nicht.

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