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Indien macht Jagd auf Wilderer

Viele Touristen wollen im Bandhavgarh-Nationalpark den Dschungelkönig einmal mit eigenen Augen sehen.
Viele Touristen wollen im Bandhavgarh-Nationalpark den Dschungelkönig einmal mit eigenen Augen sehen.

Die rot-weiße Schranke ist zu. Kein Einlass möglich. Touristen, die im Spätsommer vergangenen Jahres in den indischen Bandhavgarh-Nationalpark wollten, wurden enttäuscht. Per Gerichtsbeschluss war kurzerhand allen Gästen der Besuch der Reservate verboten worden – zum Schutz der noch in Indien lebenden Tiger. Es sind wenige, nur etwas mehr als 1500 sollen es sein.

Auch Rekha und Vivek Sharma mussten bereits gebuchte Reisen absagen. Für den Ausfall hat sie niemand entschädigt. Die Touristenführer sind seit Jahren im Naturschutz aktiv. Vivek Sharma ist in seiner Heimat einer der angesehensten Tiger-Experten und -Fotografen. „Immer wieder gibt es neue Bestimmungen und Regeln“, sagt Rekha Sharma, während sie die Pässe ihrer Reisegruppe einsammelt.

Anfang April war das Besuchsverbot zwar schon wieder passé, dafür wurde jedoch die Zahl der erlaubten Tagesgäste in den Tiger-Reservaten reduziert. Auch muss jeder, der in den Nationalpark will, sich zuvor mit seinem Pass ausweisen und registrieren lassen – täglich aufs Neue.

Der König des Dschungels symbolisiert Kraft, Wachsamkeit und Ausdauer

Um das indische Wappentier mit eigenen Augen und in freier Wildbahn zu sehen, pilgern neben Ausländern auch immer mehr Inder in die Tiger-Reservate. Der König des Dschungels symbolisiert schließlich die Kraft, Wachsamkeit und Ausdauer der indischen Nation. Diese Eigenschaften wurden ihm schon zugeschrieben, als seine Existenz noch nicht bedroht, die Jagd auf ihn noch erlaubt war. 1901 lebten auf dem heutigen Staatsgebiet noch geschätzte 100000 Bengalische Tiger. „Dann kam der große Schock in den 1970er Jahren“, weiß Rekha Sharma. Weniger als 2000 Raubkatzen waren noch übrig.

Sie hatten Glück im Unglück. Premierministerin Indira Gandhi war eine engagierte Naturschützerin. Die Hatz wurde verboten, das „Tiger Projekt“ gegründet und die ehemaligen Jagdreviere der Maharadjas zu Reservaten erklärt. Heute gibt es im ganzen Land mehr als 40 davon. Die ursprüngliche Idee: Nichts innerhalb der so genannten Kernzone der Parks soll die Natur stören – weder Forstmaßnahmen, noch Weidetiere oder gar Menschen.

Trotz Verbots entstehen Hotels in der Schutzzone

Daran hat vergangenen Sommer der indische Umweltschützer Ajay Dube erinnert, der durch eine Klage vor Gericht die vom Aussterben bedrohten Tiere vor Kommerz und lärmenden Touristen bewahren wollte. Denn in einigen Staaten wurden in den vergangenen Jahren trotz eines Verbots Hotels, Wildtier-Ressorts und Geschäfte innerhalb der Kernzone der Tiger-Reservate gebaut.

„Normalerweise befinden sich die Touristenunterkünfte in der Puffer-Zone der Nationalparks,“ weiß Rekha Sharma. Sie kennt sich aus, seitdem ihr Mann zusammen mit dem Niederländer Ysbrand Brouwers am Rande des Bandhavgarh-Nationalparks eine Lodge gebaut hat. Ysbrand Brouwers ist Gründer und Geschäftsführer der länderübergreifenden Naturschutzstiftung „Artists for Nature“ (AFN). Seit Mitte der 1990er Jahre bereist er Indien. Brouwers glaubt, dass nur langfristiges Engagement im Naturschutz Bestand hat.

Von den ständig wechselnden Reglementierungen in den Tiger-Reservaten hält er wenig: „Man kann die Natur und die Tiere nur schützen, indem man die Bevölkerung mit einbezieht“, erklärt der 65-Jährige. Deshalb will er das Engagement seiner Stiftung in Indien weiter ausbauen. Das Geld dafür erarbeitet „Artists for Nature“ unter anderem in Kooperation mit Künstlern: Sie können kostenlos in der Lodge wohnen, um das Leben bedrohter Tiere zu studieren und sie auf Leinwänden, als Skulpturen oder in anderer Form zu verewigen.

Der Erlös ihrer verkauften Werke kommt zur Hälfte der Stiftung zugute. „Mit ihren Arbeiten erreichen die Künstler außerdem eine breite Öffentlichkeit in der ganzen Welt und machen dadurch auf das Aussterben der Tiger aufmerksam“, sagt Brouwers.
Dank Artists for Nature können Kinder aus dem nahe liegenden 700-Seelen-Dorf Parasi in der Lodge unter der Leitung von Vivek Sharma an Naturschutzprojekten und Kreativ-Workshops teilnehmen. „Außerdem hält Vivek in der Schule Vorträge und zeigt Dorfbewohnern, wie sie auf Solarkochern ihr Essen zubereiten können“, erklärt Brouwers.

Krallen, Knochen und Tigerfell sind heiß begehrt

DieLandbewohner schlagen normalerweise Holz, um zu bauen oder zu kochen. Dadurch schrumpft der Wald. Zudem wächst das bevölkerungsreichste Land stetig und die Menschen brauchen immer mehr Wohn-, Weide- und Anbauflächen. „Und das ist die größte Bedrohung für die Tiger, denn sie verlieren ihren Lebensraum. Zusätzlich setzt ihnen auch die Wilderei sehr zu“, ergänzt Brouwers. Das Fell, die Krallen und Medizin aus den Knochen der Dschungelkönige sind vor allem bei den Chinesen gefragt.

Absatzmärkte sind laut WWF Deutschland vor allem Schwarzmärkte in der Grenzregion zwischen Birma, Thailand und China. Die Wilderer schrecken vor nichts zurück: Sie schießen und vergiften die Großraubkatzen oder töten sie mit Stromkabeln, die sie zuvor auf dem Boden ausgelegt haben.

„Die Anwesenheit von Touristen in den Tiger-Reservaten wirkt abschreckend auf Wilderer“, erklärt Vivek Sharma. Die Jeeps mit Wildhütern und Touristen, die den Bandhavgarh-Nationalpark durchkreuzen, glichen einer unbewaffneten Schutzpatrouille. Die neuesten Pläne der Regierung, nur noch 20 Prozent eines jeden Reservats zugänglich zu machen, sieht Vivek Sharma jedoch mit Besorgnis: „Das macht die restlichen 80 Prozent zu einem sicheren Hafen – für Wilderer.“

„In den meistbesuchten Tiger-Reservaten ist die Tiger-Dichte inzwischen am höchsten“, erklärt die indische Vereinigung „Reiseveranstalter für Tiger“. Wenig besuchte und ungeliebte Wildtierparks hingegen hätten all ihre Dschungelkönige durch Wilderer verloren.

Dem will der Bandhavgarh-Nationalpark vorbeugen. Das Tiger-Reservat gilt dank seiner unbestechlichen Verwaltung als vorbildlich. Besucher müssen, wenn sie hinein wollen, noch vor Sonnenaufgang aufstehen. Punkt 6.30 Uhr darf dann der erste Jeep für nur drei Stunden hinein – immer besetzt mit einem Fahrer und einem so genannten „Spotter“. Diese meist gut ausgebildeten Männer erkennen am Alarmruf des Dschungels, wenn sich der König nähert und erklären den Touristen zudem die heimische Flora und Fauna.

„Schade, dass so viele Menschen nur kommen, um mal einen Tiger mit dem Handy zu fotografieren“, so Ysbrand Brouwers. Der Hobby-Ornithologe ist in Indien nur selten ohne sein Fernglas unterwegs: Mehr als 22 verschiedene Säugetiere, und über 250 Vogelarten können Touristen im ehemaligen Jagdrevier des Maharajas von Rewa sehen. Hinzu kommen Hanuman-Languren und Rhesus-Affen, sowie Hyänen und Leoparden.

Eine Millionen Menschen ziehen für Artenschutz um

Immerwieder siedeln die Behörden auch Dörfer um, damit den Tieren der Lebensraum erhalten bleibt. Im zentralindischen Bundesstaat Madyha Pradesch, in dem Bandhavgarh liegt, mussten weit mehr als eine Million Ureinwohner den Tigern Platz machen. Laut Medienberichten sei dabei häufig Gewalt im Spiel. So wurden schon Felder und Häuser von Ureinwohnern von Forstbeamten oder der Polizei niedergebrannt. „Wer dem Tiger weichen muss und dabei alles verliert, der wird nichts für seinen Schutz tun“, weiß Vivek Sharma. Das ist auch ein Grund, warum die Nationalpark-Verwaltung von Bandhavgarh den Dörflern aus der Umgebung einige Flächen im Randbereich als Weideland überlässt. „Ohne die Unterstützung und Mitarbeit der Leute von hier können wir die Tiger nicht vor dem Aussterben bewahren“, so Vivek Sharma.

Er versucht das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und ihnen zu erklären, wie wichtig sie für den Schutz der Dschungelkönige sind. So brauche der Nationalpark gut ausgebildete Wildhüter, und auch in den Hotels und Lodges können die Menschen aus der Umgebung Arbeit finden. Vivek Sharma sagt: „Die Herausforderung für Tiger-Reservate wie Bandhavgarh besteht darin, ökologisch einwandfrei zu arbeiten und dabei gleichzeitig den Menschen hier Verantwortung und eine finanzielle Lebensgrundlage zu bieten.“

Informationen zum Engagement für die Tiger in Indien unter www.artistsfornature.com

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