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Von Ost über West nach Paraguay

Jürgen Pahl hat als einstiger DDR-Fußballer Karriere im Westen gemacht. Viele Erfahrungen und sein kritischer Blick prägen seine Sicht auf die Welt.
Jürgen Pahl hat als einstiger DDR-Fußballer Karriere im Westen gemacht. Viele Erfahrungen und sein kritischer Blick prägen seine Sicht auf die Welt.

Eine Saison lang feiert sich der deutsche Elitefußball. 50 Jahre Bundesliga, das sind Titel, Tore, Temperamente und Anekdoten. Anekdoten werden besonders gern erzählt, denn die Bundesliga ist heute vor allem eins: Unterhaltung. Zu den weniger amüsanten Kapiteln der Bundesligageschichte gehört das der „von drüben“ gekommenen Spieler: Gut ein halbes Dutzend Bundesligakicker waren bis 1989 aus der DDR in die BRD geflüchtet, um dort ihr Glück zu suchen. Am bekanntesten ist wohl Lutz Eigendorf, weil der Unfalltod des einstigen Spielers vom BFC Dynamo 1983 mutmaßlich von der Stasi arrangiert wurde. Auch Falko Götz, Dirk Schlegel (beide BFC), der Dresdner Frank Lippmann sowie Jürgen Pahl und Norbert Nachtweih (beide HFC Chemie) hatten sich einst in den Westen abgesetzt.
Pahl und Nachtweih waren die ersten DDR-Fußballer, denen nach der „Republikflucht“ eine Karriere in der Bundesliga gelang. Der Torhüter und der Mittelfeldspieler aus Halle waren 1976 bei einer Länderspielreise in die Türkei geflüchtet. Andert- halb Jahre später starteten sie ihre Fußballerkarriere in Frankfurt/Main neu.
Doch danach verschwanden beide aus dem Rampenlicht. Norbert Nachtweih ist heute Trainer in Frankfurt. Zu Jürgen Pahl hat er kaum noch Kontakt, denn der lebt mittlerweile in Paraguay. Vor der WM 2006 war Pahl noch mal in der deutschen Presse präsent. Viele staunten damals, dass der Ex-Fußballer nicht den Anekdotenaugust gab. Pahl kritisierte seinen einstigen Berufsstand und die „miefige, verlogene“ kapitalistische Gesellschaft, in der nur der Macher und Materialist gefragt sei: „skrupellos ohne Visionen, außer sein Konto betreffend“. Damit wollte er nichts mehr zu tun haben. Viele Fans erfuhren bei dieser Gelegenheit, dass der Ex-Keeper nun einfacher Obstbauer in Paraguay sei.

Ein Foto bringt ihm den Spitznamen ein

„Die Obstbäume, ach ja“, sagt Jürgen Pahl hinterm Lenkrad seines Bullis und schaut auf die mickrigen Bäume am Straßenrand. Kurz darauf biegt er zu seinem Grundstück ab. Es liegt im Departamento Guairá, einer Provinz im Landesinneren von Paraguay. Das Anwesen ist nicht sehr groß und fast naturbelassen. Immergrüne Sträucher, kniehohe Schraubenbäume und dürre Urwaldbäume stehen um ein kleines Haus mit Strohdach. Von Obstbäumen ist nichts zu sehen. Vor einigen Jahren habe ihn ein Journalist besucht, sagt Pahl. Damals führte er eine Pension, zu der 5000 Quadratmeter Garten gehörten. „Da stand ich fürs Foto zwischen Obstbäumen und zack, war ich der Obstbauer.“
Wenn man das als Synonym nimmt für jemanden, der denkbar weit entfernt ist von dem, was Jürgen Pahl früher einmal machte, könnte man es beim Obstbauern sogar belassen. Es spielt keine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zu dem, was er 2006 gesagt hat. Dazu stehe er, sagt Jürgen Pahl. Doch glaubt er, dass ihm der damalige Artikel eher geschadet habe. „Wahrscheinlich gelte ich als Spinner, weil ich nicht im Mainstream mitschwimme.“
Aus seinem Häuschen holt er ein abgewetztes Fotoalbum. Die Bilder zeigen ihn als Jugendfußballer, als Bundesligaprofi beim Training, bei Spielen und Feiern. Als fröhliches Mitglied eben jener „miefig verlogenen“ Fußballgesellschaft, zu der auch er früher gehörte. „Was soll’s, alles kommt wie es kommt“, sagt Pahl und erzählt von den vielen Richtungswechseln in seinem Leben.
Eigentlich sei er gar kein DDR-Gegner gewesen, sagt der 56-Jährige, „in Staatsbürgerkunde hatte ich sogar eine Eins“. Doch da waren „diese kleinen Mittelchen“, die sie in der Kinder- und Jugendsportschule nehmen sollten. Dazu das Kontrastprogramm bei den Reisen mit der Juniorenauswahl in den Westen. In Monte Carlo ging er mit seinen 20 D-Mark Taschengeld in ein Casino, das er mit zehnfachem Gewinn wieder verließ. „Irgendwann fragte ich mich, was mir nach zehn Jahren Fußball in der DDR blüht? Ganz klar: richtig arbeiten müssen, nicht unabhängig sein und vielleicht sogar mit 27 noch zur Armee. Im Westen würde ich vielleicht gar nicht arbeiten müssen, wenn ich genug verdiene.“ Eine verlockende Aussicht, der er eine Chance geben wollte. Kommen sollte sie bei einem Länderturnier in Österreich. „Eigentlich wollten wir zu dritt abhauen. Als wir aber drei Monate früher ein Länderspiel in Bursa hatten, habe ich zu Norbert Nachtweih und Burkhardt Pingel gesagt: So, jetzt geh ich!“ Er hatte einen Amerikaner kennen gelernt, der einen Kontakt zur US-Botschaft machte. Während der Rest des DDR-Teams einen Basar besuchte, fuhren die drei Hallenser nach Istanbul zum Treffpunkt. Burkhard Pingel überlegte es sich letztlich anders. Für seine Freunde begann eine achttägige Odyssee via US-Botschaft, BRD-Botschaft, türkischer Geheimdienst und konspirativer Wohnung. Nach der Ausreise und einem Aufenthalt beim BND in Pullach ging es ins Aufnahmelager Gießen.
In den Zeitungen sahen sie sich als Helden gefeiert, als die ersten geflohenen DDR-Auswahlfußballer. Sie gingen nach Frankfurt/Main, wo sie nach der 16-monatigen Sperre im Frühjahr 1978 endlich ihre Bundesligakarriere starten konnten. Die Träume vom Westen wurden Realität.

Die Entscheidung zur Flucht war richtig

Doch der Horizont des Fußballprofis Jürgen Pahl änderte sich allmählich. Anteil daran hatte der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen, im Hauptberuf Kanzler der Frankfurter Universität. „Er war ein hochintelligenter Mann, der von meinen Mitspielern oft belächelt wurde“, erinnert sich Pahl. „Mich hat er sehr geprägt, denn wir hatten viele interessante Gespräche über die wesentlichen Dinge in der Welt.“
Vom Mauerfall erfuhr der Anhaltiner in einem Hotel in Istanbul. „Wir waren die ersten DDR-Fußballer, die abgehauen sind und es in der Bundesliga geschafft haben. Darüber haben sich viele Fans im Osten gefreut, weil wir damit auch die Prophezeiungen der DDR-Politkader widerlegten, dass wir im Westen kaputt gehen würden. Dass wir uns dort durchsetzen konnten, hat Leute wie Lutz Eigendorf oder Falko Götz sicher ermutigt, unserem Schritt zu folgen.“ Trotzdem habe er oft darüber nachgedacht, ob die Fluchtentscheidung richtig war. „Sie war es“, sagt er, „trotz aller Widrigkeiten. Ich habe die Welt kennen gelernt und tausende Menschen. Meine Erfahrungen von heute hätte ich sonst nicht.“
Zu denen gehört auch seine Zeit nach der Wende. Er hatte sein Elternhaus gekauft und in Weißenfels eine Fensterbaufirma gegründet. Lange lief die gut, aber nicht ewig. Warum er überhaupt wieder in den Osten ging? Falten legen sich auf seine Stirn. „Das war wahrscheinlich ein Fehler.“ Doch sofort folgt ein „wobei“. „Im Leben gibt’s keine Fehler. Ich war einfach nostalgisch. Ich habe die Wende genauso euphorisch gesehen wie alle. Ich war ein fanatischer Anhänger des kapitalistischen Systems, überzeugter CDU-Wähler und Fan von Helmut Kohl.“
1995 stieg er aus dem Fensterbaugeschäft aus. Ausgebrannt. Ein Brasilianer nahm ihn mit nach Paraguay. Dort gefiel es ihm so gut, dass er seine Zelte in Deutschland abbrach. Er mag die einfachen Leute, zu denen er sich selbst zählt. Pahl findet es gut, dass man in einem Land wie Paraguay nicht alles durchplanen kann und mit Überraschungen leben muss. Er betrieb ein Lokal, dann eine Pension, nebenbei leitete er eine Fußballschule. Außerdem trainierte er den Verein Deportivo Independencia, mit dem er von 2001 bis 2006 viermal Meister der Mennoniten-Liga wurde. Momentan führt er ein kleines Restaurant und hat eine kleine Fußball-Akademie gegründet.
Die 50. Saison der Bundesliga verfolgt Jürgen Pahl via Internet. Das Jubiläum und die Anekdoten interessieren ihn weniger. An eine aber kann auch er sich bestens erinnern. Das vom Fernsehen nie aufgezeichnete „Jahrhundert-Eigentor“. Auf beeindruckend skurrile Weise hatte sich ein Torwart im Bundesligaspiel gegen Bremen im Dezember 1982 den Ball selbst ins Netz geworfen. „War ein blödes Ding“, sagt Jürgen Pahl und lächelt milde. Der Torwart war er.

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