
| EHEC-Ausbruch vor einem Jahr |
von Karin Koslik
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Bauchkrämpfe, blutiger Durchfall, Bluthochdruck – aus heiterem Himmel wurden bis dahin kerngesunde, überwiegend junge Menschen binnen weniger Stunden zu Schwerkranken. Mit schweren Komplikationen wie Nierenversagen und Gerinnungsstörungen – dem Hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) –, mit hämmernden Kopfschmerzen und neurologischen Ausfallerscheinungen mussten Hunderte auf Intensivstationen behandelt werden. Fast 4000 Menschen in Deutschland infizierten sich letztlich im vergangenen Frühsommer mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC, 53 starben.
Gut zwei Monate lang dominierte EHEC – die Abkürzung steht für Enterohämorrhagische Escherichia coli– die Schlagzeilen. Vor allem in Norddeutschland grassierte der Erreger. Und vor allem hier ist er auch heute noch nicht in Vergessenheit geraten.
„Symptome passten nicht zusammen“
„Ich erinnere mich noch genau an unsere allererste Patientin: Es war eine Kollegin hier aus dem Haus, eine Mutter von drei Kindern, die an einem Sonnabend aufgenommen wurde“, blickt Prof. Dr. Dr. Andreas Podbielski auf den 14. Mai 2011 zurück. Damals ahnte noch niemand, was der Patientin fehlte. „Eine Assistenzärztin hatte Präsenzdienst, sie rief mich an und schilderte die Symptome“, erinnert sich der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Rostocker Universitätsklinik. „Irgendwie passten diese Symptome nicht zusammen. Wir dachten anfangs in Richtung Hantaviren, aber für einen Ausbruch wäre es noch zu früh im Jahr gewesen.“
Auf EHEC wäre man in Rostock von allein nicht ohne Weiteres gekommen, gibt Prof. Podbielski zu. Doch aus Hamburg, wo zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Tagen Patienten mit den gleichen Krankheitssymptomen behandelt wurden, kam schließlich der entscheidende Hinweis.
EHEC ist kein unbekannter Erreger. Bereits im Jahr 2001 hat das Robert-Koch-Institut (RKI) die Meldepflicht für den Erreger eingeführt. Schon fünf Jahre zuvor, 1996, hatte in Japan ein Escherichia coli-Stamm eine Epidemie mit 10 000 Erkrankten ausgelöst, acht Menschen starben.
„Deutschlandweit werden jährlich durchschnittlich 900 Erkrankungsfälle registriert“, so Prof. Dr. Emil Reisinger, Dekan der Rostocker Universitätsmedizin und Direktor der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten. Die Verläufe waren allerdings bislang nie so dramatisch wie im vergangenen Jahr. „Es handelte sich diesmal mit O 114 aber auch um einen anderen Escherichia-Stamm als in den Vorjahren“, so Professor Reisinger.
Betroffen waren diesmal überwiegend gesundheitsbewusste Frauen. Fieberhaft wurde nach der Quelle des Erregers gesucht. Erst gerieten ganz allgemein rohe Tomaten, Gurken und Salate ins Visier, schließlich warnte das Hamburger Hygiene-Institut gezielt vor spanischen Salatgurken. Noch heute leiden Gemüseproduzenten unter den Folgen, Schadenersatzklagen sind anhängig – denn letztlich wurden Sprossen und aus Ägypten importierte Bockshornkleesamen als Quelle für die Infektion ermittelt.
Bis an die Grenze der Leistungskraft
In Rostock wie in vielen anderen deutschen Städten kämpften derweil Ärzte, Schwestern und Pfleger um das Leben der EHEC-Patienten – bis an die Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit. „Am Wochenende gibt es hier nur einen Bereitschaftsarzt, der wurde regelrecht überrannt und hatte bis tief in die Nacht zu tun“, erinnert sich Dr. Sebastian Koball, Oberarzt auf der Dialysestation am Rostocker Uniklinikum. Schwestern und Pfleger blieben freiwillig länger, Dienste wurden doppelt besetzt, zusätzliche Rufbereitschaften eingeführt. „Wir waren an der Grenze des personell und technisch Machbaren“, so Dr. Koball. „Schließlich lief ja auch noch der normale Stationsbetrieb weiter.“ Das Schlimmste sei gewesen, dass der Patientenanfall nicht kalkulierbar war, „wir hatten zwar Dienstpläne aufgestellt, aber immer neue Notfälle wirbelten die immer wieder durcheinander.“
„Jeder, der einen normalen Darminfekt hatte, war plötzlich verdächtig. Die Hausärzte waren übervorsichtig und wiesen lieber einmal mehr als zu wenig ins Krankenhaus ein“, erinnert sich Prof. Podbielski. Auch in seinen Labors wurden deshalb Überstunden geschoben und die Dienste an den Wochenenden aufgestockt.
24 Patienten in Rostock, darunter sechs Kinder
„Besonders schwierig war es in den ersten Wochen, als es noch keine offiziellen Empfehlungen für die Behandlung schwerer EHEC-Fälle gab“, erinnert sich Dialyse-Oberarzt Dr. Koball. Auf kurzem Wege hätten die Rostocker sich mit Kollegen in Hamburg und Hannover über ihre Erfahrungen ausgetauscht. Schließlich kamen auch neue immunologisch wirksame Substanzen wie monoklonale Antikörper zum Einsatz.
Am Ende waren es in Rostock 24 Patienten, die behandelt werden mussten, darunter sechs Kinder. „In ganz Mecklenburg-Vorpommern wurden 117 Fälle gemeldet“, so die Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Anja Neutzling. „Dazu kamen 38 HUS-Fälle, die rein formal meldetechnisch keine EHEC-Fälle sind.“ Ein Mensch – eine 87-jährige Frau aus Parchim, die die typischen Erkrankungssymptome zeigte – verstarb. „Ihre Freundin, die auch erkrankt war, wurde hier in Rostock behandelt“, erinnert sich Prof. Emil Reisinger. „Ständig fragte sie nach, wie es denn ihrer Freundin ginge. Wir konnten ihr die Wahrheit einfach nicht sagen, die hätte sie nicht verkraftet. Das war schon alles sehr tragisch…“
Der Spuk endete Anfang Juli vergangenen Jahres ebenso schnell, wie er gekommen war. Bei keinem der Patienten, die in Rostock behandelt wurden, blieben Spätfolgen zurück. Anderenorts sind EHEC-Patienten bis heute wegen neurologischer Ausfallerscheinungen in Behandlung.
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