Februar 2, 2012
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Bibliotheken von Esther Stosch

Bücherbus fährt durchs Land

Blau und rund 20 Jahre alt: Die Fahrbibliothek scheint für MV das perfekte Werkzeug für den Bildungsauftrag auf dem Land. Doch oft sind nicht nur die Fahrzeuge altersschwach. Die Situation der Bibliotheken im Land ist Anlass für die Linksfraktion, am Freitag im Landtag die Erarbeitung eines Entwicklungskonzeptes zu fordern.

Marion Pröll
Alle drei Wochen kommt Marion Pröll in den Bücherbus. Hier leiht die gesamte Familie ihre Medien aus.
Foto: E. Stosch
Grevesmühlen (nk)  

An der Bushaltestelle in Drieberg steht ein kleines Grüppchen. Fünf Personen in dicken Jacken und ein Dackel mit gestricktem Wintermäntelchen warten. Schon einige Meter vor dem Haltehäuschen drückt Ralf Lietz die Hupe. Durchdringend, laut und lange –  fünf Sekunden. Er lenkt den blauen Bus in die Schleife. Kaum steht das Gefährt, geht die Tür an der Seite auf. Pffft. Mit den Besuchern zwängt sich ein Kältehauch ins Innere der Fahrbibliothek. Der Dackel bleibt draußen.

Der Bücherbus des Kreismedienzentrums Nordwestmecklenburg Grevesmühlen ist einer von fünf, die noch in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs sind. 1996 waren es 16, 2010 noch sechs mobile Bibliotheken. Auch die Zahl der Haltepunkte sinkt seit Jahren. Hielt der Grevesmühlener Bücherbus im vergangenen Jahr knapp über 30-Mal, so fährt Ralf Lietz gemeinsam mit der Bibliothekarin Gabriele Gramenz jetzt nur noch 25 Orte und 27 Haltestellen an.

Orte haben sich verändert

„Ich habe gerade ein neues Buch von einer  Thüringer Kräuterfrau“, sagt Gabriele  Gramenz. Sie weiß oft, was ihre Kunden wollen. Seit 1994 ist der Bücherbus ihre Welt. Sie erinnert sich noch daran, als es in fast jedem Ort einen Konsum gab, oder Bäckereien. Heute jedoch „fahren die Leute weit“. Sei es für Lebensmittel oder eben für Bücher.

Während der Busfahrer hinter einer der Ausleihen Platz genommen hat, berät sie die Bewohner von Drieberg. „Sie müssen mir nachher ein Formular mitgeben“, sagt Marion Pröll zu der Bibliothekatrin, während sie stapelweise Bücher aus einer Plastiktasche nimmt. Sie und ihre Familie sind vor einigen Jahren in den Ort gezogen und seitdem ist sie eine der eifrigsten Leserinnen der mobilen Bibliothek. „Machen Sie noch diesen Kreativkurs?“, fragt Gabriele Gramenz. „Nein. Wieso?“, antwortet Marion Pröll. „Weil ich hier zwei Bücher für Sie habe“, sagt die Bibliothekarin und hält zwei Bücher hoch: Thema Stricken. Sie hat den Geschmack genau getroffen. Lachend nimmt Marion Pröll ihr die Lektüre aus der Hand.

Viele Leser sind Stammkunden

Wie so häufig. Viele der Leser sind Stammkunden. Aber ganz sicher kann Gabriele Gramenz nie sein, ob das empfohlene Buch auch passt. „Manche fragen mich auch, was ich als letztes gelesen habe“, erzählt sie. Doch das gefalle nicht immer dem Frager, fügt sie hinzu und lächelt. Egal ob der neue Jo Nesbo, die Beststeller-Trilogie von Stieg Larson, das aktuelle Stiftung Warentest Heft oder ein Buch über das iPad. Gabriele Gramenz ist stolz auf ihren Bestand. 5000 Medien sind auf den angeschrägten Regalen getürmt und „immer aktuell“. Sie erinnert sich noch genau daran, als Harry Potter herauskam. Ob sie ein Buch oder zwei kaufe, für sie war es keine leichte Entscheidung. Aber die Investition von zwei Exemplaren habe sich gelohnt.

Eine Traumsituation, um die sie sicher manche Bibliothek im Land beneidet. Nicht nur der Bestand ist auf dem neuesten Stand, auch die Technik.  Die Medien sind nicht nur elektronisch erfasst. Kein Piepen mit dem Lesegerät über den Barcode. Jedes Buch, jede CD, jedes Spiel sind mit einem Transponder markiert, der nur noch über ein schlichtes Pad gezogen werden muss und schon sind alle Medien gebucht.
Marion Pröll blättert durch einen Stapel Bücher über Tischdeko. Sie tragen Titel wie „Die perfekte Gastgeberin“. Schnell schrumpft die Auswahl der Bibliothekarin auf ein kleines Häufchen zusammen. Von den 20 Minuten Haltezeit sind bereits 15 vorbei.

Stopplänge hängt von Nutzern ab

Wie lange die Fahrbibliothek stoppt hängt von den Nutzerzahlen in den jeweiligen Orten ab, erklärt Gabriele Gramenz. In manchen sind es  nur noch zwei Familien. Doch wirklich vertrackt wird es, wenn jemand aus dem Nachbarort bei dem blauen Vehikel etwas ausleihen möchte, weil er dort nicht hält. Dann dürfe sie keine Medien rausgeben, sagt sie, da viele  Gemeinden die Ausgaben hierfür gestrichen hätten.
Die Stimmung in Drieberg ist gut. Die Besucher lachen und unterhalten sich darüber, was im Dorf los ist. „Wir müssen los“, sagt Ralf Lietz.  Eilig schaufelt Marion Pröll ihre neuen Bücher in die Plastiktasche. Pffft. Hinter ihr schließt sich die Tür und der Bus startet.

Es quietscht und ruckelt. An vielen Stellen klappert es. So modern der Bus eingerichtet ist, so alt ist er auch. Baujahr 1992. Dies ist Standard in MV, wie bei so vielen seiner Kollegen.  Waren sie vor 20 Jahren noch eine Innovation, so werden sie heute in Zweifel gezogen. Frank Pille vom Landesverband hat zu den fahrenden Bibliotheken eine geteilte Meinung. „In der Fläche sind sie besser als gar nichts“, sagt er. Aber in der Regel seien die Bestände sehr alt und die Fahrzeuge würden inzwischen einen hohen Wartungsaufwand haben. Er spricht davon, dass neue Konzepte gefragt sind, allerings gebe es noch kein nachhaltiges Programm. Davon, das Bibliotheksnetz mit den fahrenden Händlern zu kombinieren, hält er nichts. In der Digitalisierung könnte eine Lösung, auch für ein Flächenland wie MV liegen. Doch auch in diesem Szenario würde dann eine fachkundige Person „ganz ausgeschaltet“.

Bus fährt noch zwei Monate

Doch einen neuen Bücherbus würde es wohl auch in Grevesmühlen kaum geben. „Viel zu teuer“, sagt Gabriele Gramenz. 2002 stand er schon einmal vor dem Aus. Nur mit wenigen Worten schildert sie, wie der Bus einen neuen Anstrich bekommen sollte und beinahe ganz gestrichen worden wäre. Sie schweigt.  Das durchdringende Hupen unterbricht das Geruckel. Ralf Dietz steuert den nächsten Haltepunkt an: Dragun. Zwei Frauen warten an der Haltestelle. Sofort ist Gabriele Gramenz wieder bei der Sache und steht bereit. Pfff.

Doch lange wird sie ihre Kunden nicht mehr beraten. Noch ungefähr zwei Monate  fährt sie mit dem Bücherbus mit, dann hört sie auf. Die 60-Jährige geht in Altersteilzeit. „Der Bus wird mir fehlen“, sagt sie gedehnt. Besonders solche Gespräche wie eben. Da ging es um die große Politik, den Euro, mit welchen unterschiedlichen Maßstäben in der Wirtschaft gehandelt werde, und darum dass Vampire einfach zu gruselig sind. Dafür unterhalte aber so ein schöner Historienroman richtig gut. „Auf meine Schreibtischarbeit kann ich gut verzichten“, sagt die Bibliothekarin lächelnd. Aber der Kontakt zu den Menschen mache sie jetzt schon ein bisschen wehmütig.

Keinen Nachfolge für ihren Posten

Privat könne sie sich immer noch in Buchgeschäften auf dem Laufenden halten.  Noch gebe es keinen Nachfolger für ihren Posten. Die Stelle sei noch nicht ausgeschrieben, Gabriele Gramenz scheint aber zuversichtlich. Nach Auskunft der Fachstelle Öffentliche Bibliotheken in Rostock sind rund 60 Prozent der Mitarbeiter in den Bibliotheken älter als 50 Jahre. Fachpersonal wird auch hier allmählich Mangelware. Pro Jahr würden nur noch 20 Azubis ausgebildet. Meist erhalten sie eine befristete Anstellung – für lediglich ein Jahr. Von den Fahrbibliotheken sind zwei mit ausgebildeten Bibliothekaren besetzt. Die Fachstelle biete zwar Fortbildungen an, doch dies könne den Qualifikationsrückstand nur teilweise auffangen.

Die letzte Station von Gabriele Gramenz ist an diesem Tag vor der Schule in Mühlen Eichsen.  Autos fahren vorbei und in dem Haus gegenüber läuft ein Fernseher. Hier steht der blaue Volvo 30 Minuten. Nach knapp fünf Minuten kommt die erste Besucherin. Gefolgt von einem Lehrer der Schule.  Ob sie das Buch von Adler-Olsen da habe. „Welches?“ Ja welches, der Titel ist nur ein Wort. Gabriele Gramenz zählt mehrere auf, und weiß genau, dass  „Schändung“ ausgeliehen ist. Aber beim nächsten Halt in drei Wochen wird sie es ihm mitbringen.  Solche Wartezeiten seien nichts für jeden, sagt die Bibliothekarin, doch die meisten kämen damit klar. Pffft.

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