
| Gesundheitsserie: Neue Volkskrankheiten |
von Karin Koslik
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Wissen Eltern in der Universitätsstadt Greifswald mehr über Nuckelflaschenkaries als Eltern in der Arbeiterstadt Schwedt? „Gefühlt dachten wir, dass in der Akademikerstadt der Kenntnisstand deutlich höher sein müsste“, so Prof. Dr. Christian Splieth, Leiter der Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Universitätsmedizin Greifswald. Tatsächlich aber ergab die Untersuchung einer Greifswalder Doktorandin, dass auch die vermeintlich gebildeteren Eltern nicht mehr über das gefährliche Dauernuckeln an gesüßten Getränken, Zahnputztechniken und die Wirkung von Fluor-Tabletten wussten. „Die Kleinkinder in beiden Städten haben auch gleichviel Karies“, so Prof. Splieth. „Auch die Mittelschicht hat also diesbezüglich noch Informationsbedarf.“
Am effektivsten befriedigen lässt sich dieser dort, wo gleich eine größere Gruppe Kinder erreicht werden kann – also in Kindertagesstätten. „Eine aus Neubrandenburg stammende Doktorandin hat drei Jahre lang in Krippen ihrer Heimatstadt Eltern zu Zahn- und Mundhygiene beraten“, so Prof. Spielth, der auch diese Arbeit betreut hat. Allein dadurch sei es ihr gelungen, die Karieshäufigkeit bei den Ein- bis Vierjährigen um 30 Prozent zu senken.
Gruppenbehandlung in der Kita günstiger als Einzelbehandlung
„In Mecklenburg-Vorpommern geht etwa die Hälfte der Kinder der entsprechenden Altersgruppe in Krippen“, so Prof. Splieth. „In Nordrhein-Westfalen dagegen sind es nur etwa 15 Prozent. In Zukunft können wir aus dem Nordosten also Modelle für eine erfolgreiche Gruppenprophylaxe in der Kindertagesstätte dorthin liefern.“ Diese sei zudem auch noch deutlich kostengünstiger als Einzelberatungen in der Zahnarztpraxis: Nach Angaben des Greifswalder Mediziners erstattet die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege in Mecklenburg-Vorpommern eine Präventionsstunde mit Beratung, Mundhygieneunterweisung und Lokalfluoridierung für 30 Kinder mit maximal 36 Euro Sachkosten und gegebenenfalls 15 Euro Aufwandsentschädigung.
Würden 30 Kinder adäquat durch niedergelassene Zahnärzte beraten und versorgt, würde dies über die Kassenzahnärztliche Vereinigung mit 630 Euro vergütet werden. Zudem finge die Prophylaxe beim Zahnarzt nach den geltenden rechtlichen Regelungen erst ab einem Alter von zweieinhalb Jahren an – „wir arbeiten jetzt zusammen mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung daran, dass der Zahnarzt künftig schon vom Durchbruch des ersten Zahns an prophylaktisch tätig werden kann“, so der Greifswalder Mediziner.
Promblem, Eltern mit schlechtem Bildungsstand zu erreichen
Problematisch bleibe aber auch dann, Eltern aus bildungsfernen Schichten zu erreichen. Da sie ihre Kinder häufig nicht in einer Einrichtung betreuen ließen, werden sie mit der Gruppenprophylaxe nicht erreicht. Auch zum Zahnarzt gingen diese Eltern mit ihren Kindern häufig erst, wenn schon große Teile oder schlimmstenfalls das ganze Milchgebiss zerstört ist. „Dass die Zähne eines Kindes ein dreiviertel Jahr lang nicht geputzt und ihm gleichzeitig die Nuckelflasche gegeben wurde, ist Realität - und kein Einzelfall“, so Prof. Splieth.
Zwar sei es in der Tat so, dass diese Kinder mit den 28 „bleibenden“ Zähnen noch einen Joker besitzen würden. „Wichtig ist aber, dass der Platz dafür aktiv gehalten werden muss“, betont der Kinderzahnarzt. Wurzelreste reichten dazu nicht aus. Und auch die Frontzähne hätten keine Platzhalterfunktion. „Die wichtigste Rolle spielt hier der letzte Zahn, um ihn kämpfen wir ganz besonders“, so Prof. Splieth. Sei er völlig zerstört, würde mit Metallspangen oder auch mit speziellen Kinderprothesen alles getan, um Raum für das bleibende – und dann hoffentlich gesunde – Gebiss zu schaffen.
Teil 11: Rückenschmerzen
Teil 10: Krebs
Teil 9: Krank durch Umwelteinflüsse
Teil 8: Demenz
Teil 7: Burnout-Syndrom
Teil 6: Die Lungenkrankheit COPD
Teil 5: Mediensucht
Teil 4: Der Schlaganfall
Teil 3: Volkskrankheit Herzinfarkt
Teil 2: Das Metabolische Syndrom
Teil 1: Neue Volkskrankheiten im Visier|
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