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Die kleinste Galerie Brandenburgs

In einem alten Trafo-Häuschen ist die wohl kleinste Kunstgalerie Deutschlands untergebracht. Alle sechs Wochen werden die Ausstellungen gewechselt.
In einem alten Trafo-Häuschen ist die wohl kleinste Kunstgalerie Deutschlands untergebracht. Alle sechs Wochen werden die Ausstellungen gewechselt.

Wer zufällig durch den abgelegenen Falkenhagener Ortsteil Regenmantel kommt, vermutet eher ländliche Idylle statt professioneller Kunst. Doch genau die gibt es seit einem Jahr in Brandenburgs wohl kleinster Galerie – auf 3,27Quadratmetern.
In einem stillgelegten, acht Meter hohen Trafoturmhäuschen, gleich neben dem von Froschquaken erfüllten Dorfteich, wechseln alle sechs Wochen die Ausstellungen. „Trafo 1“ nennt Michael Pommerening sein Kunst-Projekt, das er zur 18. Brandenburger Landpartie im vergangenen Jahr eröffnet hat.

Was von Außenstehenden spontan mit „niedlich“ oder „hübsch“ kommentiert wird, betrachtet der 60-jährige Berliner in seinem gut 50 Einwohner zählenden Zweitwohnsitz Regenmantel viel ernsthafter. „Es geht hier nicht um Hausfrauen-Keramik, sondern um wirkliche Kunst“, sagt er.

Über 2000 Besucher waren schon da

Eigenen Angaben zufolge kennt der Fernsehjournalist durch seine langjährige Arbeit „jede Menge prominente Künstler“. Und die sind laut Pommerening im „Trafo 1“ willkommen. Der in Ostbrandenburg bekannte Maler Harald K. Schulze war der erste, gefolgt von der Berlinerin Andrea Weidmann. Angeblich hat auch der bekannte Berliner Installationskünstler Jonathan Meese bereits Interesse bekundet. „Ich fordere ihn, der es gewohnt ist, in riesigen Hallen auszustellen, heraus, es nun auch mit der deutschlandweit kleinsten Galerie aufzunehmen“, sagt Pommerening lächelnd.

Der bisherige Erfolg gibt dem Journalisten Zuversicht. Mittlerweile wird er von Künstlern abgesprochen, die im „Trafo 1“ ausstellen wollen. „Wir sind bereits ausgebucht bis Sommer 2014“, sagt er stolz. Über 2000 Passanten haben seinen Angaben nach bisher vorbeigeschaut. „Das waren nicht nur Berliner und Brandenburger, sondern auch Touristen aus Österreich und Bayern.“ Einige seien auch gezielt wegen der kleinsten Galerie nach Regenmantel gekommen.

Abwechslung am Wegesrand

365 Tage im Jahr und quasi rund um die Uhr sind die Kunstwerke im „Trafo 1“ zu sehen. Pommerening hat ebenso einen Schlüssel wie Nachbar Ingo Cornelius. Der war von Anfang an überzeugt davon, dass das ungewöhnliche Kunstprojekt auch in der ländlichen Abgeschiedenheit funktionieren kann. „Die Galerie bietet Abwechslung am Wegesrand – vor allem für Radwanderer. Für große Museen fehlt ihnen die Zeit“, sagt der 58-Jährige, selbst passionierter Radler.

Was im „Trafo 1“ ausgestellt ist, erfasst der Besucher mit einem Blick – auch bei geschlossener Tür. Die hat ein Sichtfenster, darunter einen „Spendenschlitz“. Zudem prangt an der in Terrakotta gestrichenen Außenmauer ein Schalter für Licht und Musik, sodass die Kunstwerke tatsächlich jeder Zeit stimmungsvoll betrachtet werden können.

Das Häuschen sollte abgerissen werden

Angetan von der Idee war auch der Energiekonzern EON Edis, dem das Trafohäuschen noch bis vor kurzem gehörte. „Eine ausgefallene Nutzung, wenn sie angenommen wird – und dass scheint ja so“, sagt Unternehmenssprecher Horst Jordan.

Ursprünglich sollte die 1936 erbaute Turmstation mit der inzwischen veralteten Technik seinen Angaben nach abgerissen werden. Seit 2012 steht direkt daneben ein unscheinbarer, aber moderner Trafo-Beton-Block. Doch gerade die charakteristischen Turmstationen würden regelmäßig neuen Nutzungen übergeben. „Normalerweise sind das bevorzugte Nistplätze für Schleiereulen“, sagt Jordan, der bestätigt, dass das Unternehmen für die Umnutzung sogenannte Anschubfinanzierungen bereitstellt.

1000 Euro gab es für das Trafohäuschen in Regenmantel, sagt Pommerening, der vor gut zwei Jahren vom drohenden Abriss erfuhr. „Ich appellierte an die Gemeindevertreter, das nicht zu zulassen.“ Die übernahmen das Turmhäuschen unter der Voraussetzung, dass ihnen daraus keine Kosten entstünden. „Ich will mit der Galerie kein Geld verdienen“, versichert Pommerening, der die Anschubfinanzierung nutzte, um die Außenhülle zu sanieren und im Inneren für Platz zu sorgen.

Auch in Polen könnte es bald Minigalerien geben

Pommerening träumt von einem Verbund an ungewöhnlichen Kunst-Galerien: „Radfahrer könnten – von einem möglicherweise als Landstreicher kostümierten Ortskundigen – auf eine 35 Kilometer lange Kunst-Tour geführt werden, inklusive der Begegnung mit den Künstlern und natürlich regionalem Essen.“

Seine Idee könnte sogar zu einer grenzüberschreitenden werden: Von polnischen Kunstinteressierten sind ihm bereits ein Trafohäuschen und eine alte Wassermühle angeboten worden.

Ob Regenmantel tatsächlich bald ganz offiziell Brandenburgs oder Deutschlands kleinste Galerie besitzt, bleibt erst mal Spekulation. Pommerening hat allerdings recherchiert und nichts ähnlich Kleines gefunden. „Eine Galerie muss begehbar sein, man muss eintreten können – was bei uns der Fall ist. Noch kleiner geht eigentlich gar nicht“, sagt er überzeugt.

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