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Endstation Fünfeichen: Plötzlich war der Vater weg

Als Zwölfjährige suchte Margot Lehmann (links) ihren Vater und ihre Schwester Ingeburg (rechts) in Fünfeichen.
Als Zwölfjährige suchte Margot Lehmann (links) ihren Vater und ihre Schwester Ingeburg (rechts) in Fünfeichen.

„Drei Jahre, drei Monate und 14 Tage dauerte die Haft nach Kriegsende“, weiß Ingeburg Lehmann aus Wesenberg noch ganz genau. Die fast 90-Jährige hat viele Erinnerungen an ihre Zeit im Speziallager Nr. 9 in Fünfeichen bei Neubrandenburg, wo sie und ihr Vater mit Tausenden Mithäftlingen bis 1948 unschuldig einsaßen. Doch was machten die Angehörigen in jener Zeit der Ungewissheit? Dieser Frage widmet sich ein Filmprojekt der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. „Wir wollen die Erinnerungen der Angehörigen festhalten“, erklärt die Leiterin des Projekts, Rita Lüdtke. Sie hat mit Familien gesprochen, die bundesweit verstreut sind, und „die unglaublichsten Dinge erfahren“. Ein Neubrandenburger Filmteam wird nun Frauen und Männer befragen.

„Es wird höchste Zeit dafür, wir beginnen damit an diesem Samstag“, sagt Lüdtke. An dem Tag trifft sich die Arbeitsgemeinschaft in Neubrandenburg und an der Gedenkstätte Fünfeichen zu ihrem traditionellen Jahresgedenken. Es ist bereits das siebte Filmprojekt der AG, und es soll eine Lücke in der Geschichtsschreibung schließen.

Mit Viehwaggons monatelang auf Irrfahrt

Fünfeichen war eines der größten stalinistischen Internierungslager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD auf deutschem Boden. Angehörige von NKWD-Häftlingen hatten oft Probleme, Arbeit zu bekommen. Manche mussten ihre Häuser räumen, wurden enteignet und mussten zusehen, wie sich Günstlinge der kommunistischen Machthaber darin einquartierten. So rückt unter anderem das Schicksal von Ingeburg und ihrer Schwester Margot Lehmann – wenige Tage nach Kriegsende – in den Mittelpunkt des Interesses. „Am 14. und 17. Mai 1945 wurden Ingeburg und Vater verhaftet, am 9. Juni 1945 mussten wir das Haus räumen, Wesenberg wurde mit einem Bretterzaun geteilt“, erzählt die 79-jährige Margot Lehmann.

Da unklar war, wo Schwester und Vater geblieben waren, ging die damals Zwölfjährige zu Fuß nach Fünfeichen. Ihren Vater und ihre Schwester konnte sie dort wenigstens sehen: „Das gab uns schon Halt.“ Kurz danach wurden Frauen, deren Männer verhaftet waren, samt Kindern auf einen Transport geschickt, zusammen mit Angehörigen von enteigneten Adelsfamilien. „Wir gehörten da gar nicht hin, waren aber trotzdem mit Viehwaggons monatelang auf Irrfahrt, aber niemand wollte uns“, erinnert sich Margot Lehmann. Viele Betroffene seien von Thüringen aus in den Westen gegangen, sie kehrte mit ihrer Mutter nach sieben Monaten nach Wesenberg zurück. Nach vielen Entbehrungen – ihr Haus blieb beschlagnahmt, Arbeit gab es kaum – gelang es der Familie wieder Fuß zu fassen.

Auf einem Friedhof versteckt, um den Vater zu suchen

Weitere Erlebnisse sollen in den etwa 30-minütigen Film einfließen. „Es gab auch Jugendliche, die sind extra aus Berlin gekommen, um ihren Vater in Fünfeichen zu suchen“, sagt Lüdtke. So habe ein 82 Jahre alter Berliner beschrieben, wie er sich 1946 auf einem Friedhof bei Fünfeichen versteckt hatte. „Als die Arbeitskolonne vorbeikam, schmuggelte er sich unter die Leute und zog mit in den Wald“, erzählt Lüdtke. Das sei nicht aufgefallen, weil ja viele Häftlinge mit Kindern verhaftet worden waren. So konnte der damals 15-Jährige mit seinem Vater reden, und schmuggelte sich beim Rückmarsch wieder hinaus. Es war das letzte Wiedersehen: Der Vater starb im September 1946.

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