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Im Cockpit saß ein Mörder

Das Flugboot BV 138 im Zweiten Weltkrieg im Einsatz.
Das Flugboot BV 138 im Zweiten Weltkrieg im Einsatz.

Nachdenklich steht Ole Mikkelson am Sonnabend vor der Alten Schule in Dranske. Sein Blick ruht auf einem mannsgroßen Propeller. Es ist die verbogene Luftschraube eines Flugbootes, das nur vier Tage vor Kriegsende vor Dranske in die Ostsee stürzte. Der Flugzeugführer war Oles Schwiegervater. „Ich habe ihn ja nie kennengelernt, aber es ist gut, dass es nun dieses Denkmal gibt“, sagt der aus Kopenhagen angereiste Däne. Seine Frau, die Tochter des Piloten, hätte diesen Moment gern erlebt. Leider sei sie vor nicht allzu langer Zeit gestorben, sagt Ole.

27 Jahre ist es her, als DDR-Marinetaucher und Hobby-Unterwasserarchäologen beim Schnorcheln nordwestlich von Dranske in drei Metern Wassertiefe das Trümmerfeld eines Flugzeuges entdeckten. Im Umkreis von 40 Metern hatte das Team Bruchstücke von Tragflächen, Kraftstofftanks, drei Motoren und Behältnisse mit Maschinengewehr-Munition gefunden. Einer der Taucher war damals Thomas Förster, heute Unterwasserarchäologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Meeresmuseum. „Der Munitionsbergungsdienst hatte seinerzeit fünf Zentner Munition geborgen“, erinnert er sich. Als die Taucher auch noch eine deutsche Signalpistole und eine Bierflasche der Stettiner Elysium Brauerei vom Ostseegrund holten, vermutete man, auf die Reste einer deutschen Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen zu sein.

Alteingesessene erinnern sich vage an den Absturz

„Im Sommer darauf hoben wir mit Hilfe eines luftleeren Traktorreifens den 200 Kilogramm schweren Aluminium-Propeller. Dann recherchierten wir in historischen Typenbüchern, bis klar war: Es handelte sich um ein Flugboot BV-138 B/C der deutschen Luftwaffe, gebaut von Blohm & Voss in Hamburg.“ Weil das Armeemuseum in Dresden seinerzeit kein Interesse an dem Fund hatte, wurde die Schraube 1989 vor dem Dransker Haus der Armee ausgestellt.

Erst mit der Wende boten sich neue Möglichkeiten, über die Umstände des Absturzes nachzuforschen. Die Hobbytaucher nahmen Kontakt zu ehemaligen Fliegern und Flugingenieuren in den alten Bundesländern auf, die den Einsatz der BV-138 noch miterlebt hatten. Und auch Alteingessene aus Dranske erinnerten sich vage an einen Flugzeugabsturz kurz vor Kriegsende. Doch erst die Bekanntschaft mit Flugkapitän Karl Born aus Oldenburg brachte Klarheit. Der inzwischen verstorbene Born war von Oktober 1944 bis zum 5. Mai 1945 Kommandeur der Seenotgruppe 81 auf Rügens Halbinsel Bug.

Tödlicher Zwischenfall bei Streit um Hitlergruß

Als Born 1992 zu einem Besuch nach Dranske zurückkehrte, gab er Bericht über eine schicksalhafte Begebenheit, die sich nur Stunden vor dem Absturz des Flugbootes zugetragen hatte: „In den letzten Kriegstagen befand sich neben den Flugzeugen meiner Einheit ein Flugboot BV-138 im Fliegerhorst …“, gab Born zu Protokoll. „Am Vormittag des 4. Mai 1945 kam es zwischen dem Piloten, einem jungen Leutnant, und einem Oberarzt auf dem Horstgelände zu einem schwerwiegenden Vorfall.“ Fünf Tage, nachdem sich Hitler im Bunker seiner Reichskanzlei das Leben genommen hatte, grüßte der junge Leutnant den Hauptmann mit dem Hitlergruß. „Der Arzt dagegen legte nur die Hand an die Kopfbedeckung. Es kam zu einem Wortwechsel, welcher Gruß nach Hitlers Tod zu gelten habe.“ Weil der Arzt darauf bestand, dass der Gruß der deutschen Wehrmacht zu leisten sei, zog der Leutnant seine Pistole und erschoss ihn. „Für mich war das glatter Mord“, sagte Born, der den Leutnant verhaften und einsperren ließ.

Doch irgendwie gelang dem offenbar eingefleischten Nazi Stunden später die Flucht. „Möglicherweise hatte er ja seinen Bewachern angeboten, sie kurz vor der Kapitulation noch nach Kopenhagen auszufliegen“, mutmaßt Förster. Auf jeden Fall startete er die mit elf Passagieren überladene Maschine noch am gleichen Nachmittag. Der rechte Seitenmotor qualmte, das Flugzeug verlor an Höhe, streifte in Dranske ein Dach oder einen Baum und stürzte in die Ostsee. Alle Insassen kamen beim Aufprall der sich überschlagenden Maschine ums Leben. Auch der Mörder des Oberarztes im Cockpit starb. „Beide waren – mir unvergesslich – am Abend dieses aufregenden Tages in der Flugzeughalle nebeneinander aufgebahrt“, erinnerte sich Born.

Die geborgene Luftschraube wurde nach der Wende vor dem Offiziersheim des Marinefliegergeschwaders 5 Kiel-Holtenau aufgestellt. Mit dem Umzug des Geschwaders nach Nordholz gelangte der Propeller zurück nach Dranske. Das kleine Marinehistorische und Heimatmuseum dort widmet den Flugbooten eine Ausstellung. Ein Hinweis auf den ermordeten Hauptmann fehlt bislang.

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