Nordkurier.de

Kreideweiß und Buchengrün

Dirk Steffens und „Jastor“ vor der Kamera.
Dirk Steffens und „Jastor“ vor der Kamera.

Der Film über das Paradies von Rügen spielt auf einem Streifen Ödland. Ein Mann kniet vor einem riesenhaften Stein. Seine Kamera will nur den Brocken und das Himmelsblau aufs Bild bringen – nicht die grellen Werbetafeln im Hintergrund, keine Hochspannungsleitungen und nicht die Zufahrt zum Hafen Sassnitz/Mukran. An einem tristen Straßenrand thront der wichtigste Zeuge der letzten Eiszeit auf Rügen. „Jastor“, ein 91-Tonnen-Monolith, wurde vor 13 000 Jahren von einem Gletscher herbeigerollt und 2002 bei Baggerarbeiten im Hafenbecken ans Licht geholt.

Heute Mittag macht er Filmkarriere. Hoch oben auf des Findlings krummen Rücken sitzt Dirk Steffens. Der Wissenschaftsjournalist, bekannt als Moderator der ZDF-Sendung „Terra X“, sagt seinen Text. „Hat ja auch lange genug gedauert. Was hier nach der letzten Eiszeit geschieht, ist wirklich einzigartig. Ein ganzer Lebensraum wird wieder bewohnbar, und die Karten in der Natur werden völlig neu gemischt.“ Dreimal spricht er die Sätze, solange, bis Kameramann, Tontechniker und Regisseur zufrieden sind.

Herbstbunte Kathedrale des hohen Küstenwaldes

Das Team ist für einen letzten Drehtag auf der Insel Rügen unterwegs – mal wieder. Im letzten Sommer schwelgte es in Kreideweiß und Buchengrün. Es filmt die herbstbunte Kathedrale des hohen Küstenwaldes und kehrte zurück im Winter, als Schnee die Felsen gepudert hatte. Nun lässt der Frühling endlich die Buschwindröschen wachsen. Die Zeit drängt, letzte Bilder einzufangen.

Um Herkunft und Majestät der Alten Buchenwälder zu zeigen, hat das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl eine Dokumentation in Auftrag gegeben – „Die Wanderung der Alten Buchenwälder“. Nein, es ist kein Rechtschreibfehler, das A großzuschreiben. Es ist das Signal, dass es um etwas wahrhaft Altes, Altehrwürdiges geht, den ursprünglichen Buchenwald, der sich einst nordwärts über den Kontinent ausgebreitet hat. Ein unverfälschter Teil davon ist im Nationalpark Jasmund an der Kreideküste erhalten, die Unesco verlieh ihm vor zwei Jahren den Status Weltnaturerbe.

Sogar in Großbritannien haben sie Einzug gehalten

„Kamera läuft.“ Regisseur Carsten Gutschmidt gibt das Zeichen. Dirk Steffens steht auf „Jastor“, die Sonne im Rücken, und dreht den Kopf gemächlich von links nach rechts und wieder zurück. Auf der Leinwand soll es wirken, als blicke er über endlose Eisfelder. Carsten Gutschmidt hat die perfekten Drehorte im Nationalpark gefunden. Was Dirk Steffens sagt, ist von Wissenschaftlern geprüft und abgenickt. „Jeder Satz“, betont er. Der Anspruch: Fachlich korrekt und dabei unterhaltsam und verständlich.

Dafür sind bisweilen Tricks nötig. So auch, wenn sich nach Ende der Eiszeit wieder Leben regt auf der nackten Erde. Flechten, Moosen und Gräsern folgten Strauchwerk, Büsche und erste Bäume. Langsam wächst ein Mischwald heran. Sein Werden und Vergehen bereitet nach und nach den nährstoffreichen Boden, den die Buche liebt. Aus dem Süden Europas wandert sie heran, erobert das Terrain und zwingt andere Bäume zur Kapitulation. „Die Buche duldet nichts neben sich, außer eine andere Buche“, sagt Regisseur Gutschmidt. Erst als der Mensch begann, den Wald zu bewirtschaften, war der Triumphzug beendet.

Die letzten Rückzugsräume der Buche erscheinen der Unesco so wertvoll, dass sie europaweit nach ihnen suchen lässt, nachdem fünf deutsche Buchenwälder im Jahre 2011 zum Welterbe erhoben wurden. Ulf Steiner, Geschäftsführer der gemeinnützigen Nationalpark-Zentrum Königstuhl GmbH, hatte die Walddetektive erst kürzlich zu Gast. „Elf kleinere Gebiete haben sie bereits aufgespürt“, sagt er. „Auf Sizilien und in Schweden. Die Buchen haben sogar den Sprung über die Ostsee nach Großbritannien geschafft.“

Das Wort Buche klingt, als würde Ulf Steiner über eine Geliebte sprechen. Seit zwei Jahren arbeitet er an der Idee von einem Film für die Besucher im Nationalpark. Finanzielle Unterstützung erhielt er vom Land Mecklenburg-Vorpommern und von der Lübzer Brauerei, den idealen Partner fand er in Dirk Steffens. „Er war der einzige, der das Thema sofort verstanden und ideale Worte dafür gefunden hat.“

„Diese Buchenwälder sind ein Relikt“

In der Drehpause lässt Dirk Steffens sein Loblied hören auf „diese ikonische Landschaft, auf der jetzt auch noch ein Unesco-Welterbe thront. Diese Buchenwälder sind ein Relikt, in dem wir spüren können, wie einst die Germanen den Wald erlebt haben.“ Kein Baum habe tiefere Wurzeln ins kollektive Gedächtnis und Herz geschlagen als die Buche. „Sie ist in 1500 Ortsnamen deutschlandweit zu finden“, sagt er. Worte wie Buch oder Buchstabe erinnerten daran, dass Runen in Buchenstäben die ersten Schriftzeichen waren.

Der Regisseur bläst zum Aufbruch. „Du bist fertig für heute“, sagt er und verabschiedet den Moderator. Vor Dirk Steffens liegen noch etliche Tage Arbeit im Studio, bevor der halbstündige Film Anfang Juni zum ersten Mal im Nationalpark-Zentrum läuft. Als Vorpremiere. Der Journalist macht sich auf den Heimweg, die letzten Frühlingsszenen im späten Nachmittagslicht auf Rügen dreht die Filmcrew ohne ihn. Nun wieder mitten im Paradies, an der Kreideküste unter den hohen Kronen seiner Majestät, des Buchenwaldes.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×