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Riss in der Geschichte

Dieses Bild zeigt Bewohner des Warschauer Ghettos vor ihrem Abtransport in ein Vernichtungslager. Das Viertel war das größte der Ghettos im besetzten Polen, mit zeitweise bis zu 460 000 Menschen auf einer Fläche von etwa drei Quadratkilometern.
Dieses Bild zeigt Bewohner des Warschauer Ghettos vor ihrem Abtransport in ein Vernichtungslager. Das Viertel war das größte der Ghettos im besetzten Polen, mit zeitweise bis zu 460 000 Menschen auf einer Fläche von etwa drei Quadratkilometern.

Alles riecht neu hier. Die Wände sind frisch gestrichen. Den Möbeln entströmt der chemische Duft fabrikneuer Kunststoffe. Es sind seltsam unpassende Gerüche für ein Museum, das eine 1000 Jahre alte Geschichte erzählen will. Draußen vor der Tür steht das Ghetto-Mahnmal, wo der deutsche Kanzler einst niederkniete.

Warschau bekommt nach langer Verzögerung ein „Museum der Geschichte der polnischen Juden“. Am Wochenende öffnet das Haus seine Türen, 70 Jahre nach jenem
19. April 1943, als sich die Juden im Ghetto mit ein paar Pistolen in den abgezehrten Händen den Nazis entgegenwarfen. Lieber wollten sie im Kampf sterben, als sich wie Schlachtvieh ins Vernichtungslager Treblinka abtransportieren zu lassen.

„Der Holocaust ist nicht die ganze Geschichte“

„Der Massenmord war ein Riss in der Geschichte“, sagt Museumssprecher Piotr Kossobudzki. Die gewaltige Empfangshalle soll diesen Bruch symbolisieren. Die geschwungenen Wände reichen über mehrere Stockwerke hinweg bis hinauf zum Dach. Weit oben führen zwei Brücken über den Abgrund. Auch sie sind Sinnbilder, Zeichen einer Kontinuität. „Der Holocaust ist nicht die ganze Geschichte“, sagt Kossobudzki. „Wir wollen von einem Jahrtausend jüdischen Lebens in Polen erzählen, nicht nur vom Sterben nach 1939.“

Noch allerdings lässt die Erzählung auf sich warten. Die Dauerausstellung wird erst ab 2014 zu sehen sein. „Wir starten aber bereits jetzt mit Workshops, Konzerten und Debatten. Es gibt in Polen wenig Wissen über jüdische Kultur. Das zu ändern, ist unsere Mission“, erklärt Kossobudzki und versichert: „Wir wollen niemanden traumatisieren.“ Zu viel Tod ist nicht gewollt.

Wer dem Projekt Böses wollte, könnte auf einen tückischen Gedanken verfallen: Werden in diesem nagelneuen Bau womöglich die Geschichte und das jüdische Sterben in Kunststoffe verpackt und vom Leben getrennt? Es wäre das Gegenteil dessen, was dieses Museum eigentlich will.

Heute nur noch wenige Juden in Warschau

Im Warschau des Jahres 2013 gibt es wenig Wissen über jüdische Geschichte und Kultur. Und nur noch wenige Juden. Vor dem Krieg wohnten in der Stadt rund 400 000, heute leben in ganz Polen nur noch etwa 20 000.

Die „Kinder des Holocaust“, ein Verein von Überlebenden, trifft sich jede Woche in der einzigen von einst 100 Synagogen in Warschau. Die 81-Jährige Krystyna Budnicka ist eine der Überlebenden, die über das, was vor 70 Jahren geschah, erzählt.

„Die Geschichte meines Lebens ist eine Geschichte von Verlusten“, hebt sie an und rechnet vor: „Ich war sieben Jahre alt, als der Krieg begann, das jüngste Kind von acht Geschwistern.“ Als Budnicka 1943 die Flucht aus dem Ghetto überlebt, bleibt sie ohne Familie zurück. Die einzige Schwester, die sechs Brüder und die Eltern werden in Treblinka vergast, oder sie sterben während des Aufstandes an Hunger, Krankheit, durch Verrat oder im Kampf. Bis heute spürt Budnicka „eine diffuse Schuld“, überlebt zu haben.

"Als der Aufstand tobte, haben die Nazis alles angezündet"

Anfang 1943 bauen die Brüder einen Kellerbunker im Ghetto, der über einen Tunnel mit der Kanalisation verbunden ist. „Dort habe ich neun Monate lang im Untergrund gelebt“, berichtet sie. „Als der Aufstand tobte, haben die Nazis alles mit Benzin übergossen und angezündet. Im Bunker saßen wir wie in einem Steinofen. In die Kanäle konnten wir nicht fliehen, weil die Deutschen Gasgranaten hineinwarfen.“

Erst im Herbst 1943, als der Ghetto-Aufstand schon längst niedergeschlagen ist, schleppen Helfer das Mädchen in einem Kartoffelsack „auf die arische Seite“, wie es Budnicka formuliert. Dem Hass auf die Deutschen verweigert sich Krystyna Budnicka dennoch. „Rachedurst führt ins Nichts“, sagt sie.

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