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Der Eichenflüsterer kann ins Innere der Bäume sehen

Die dicke, alte Eiche am Fürstenwalder Goetheplatz trägt in 2,50 Metern Höhe einen seltsamen Gürtel mit 13 blauen Kästchen. „Das sind Schallsensoren, anhand derer wir sozusagen in das Bauminnere schauen, ohne den Stamm anbohren zu müssen“, sagt Bernd Gustke. Der promovierte Biologe aus dem Barnim zeigt auf einen tragbaren Computer, der mit den Sensoren verbunden ist. Das Gerät wertet die Schallwellen aus – auf dem Monitor entsteht eine grafische Darstellung des Stammquerschnitts.

Gustkes Assistentin Jutta Blankenburg steht auf einer Leiter, schlägt mit einem filigranen Hammer auf Messstifte neben den Kästen. Die hochpräzisen Sensoren erfassen die Laufzeiten der Schallimpulse. Da die Schallwellen Hohlräume oder faulige Stellen umrunden müssen, brauchen sie entsprechend länger. „Picus“, lateinisch für Specht, nennt sich das Gerät, das der Eberswalder Baumgutachter vor gut 13 Jahren entwickelt und seitdem rund 500 Mal weltweit verkauft hat. Und natürlich arbeitet er selbst mit dem Schalltomographen – im Auftrag von Kommunen wie Fürstenwalde, Prenzlau, Schwedt oder Eberswalde sowie anderen großen Kunden, wie der Deutschen Bahn. „Für die untersuchen wir die auf und an Bahnhöfen stehenden Bäumen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.“

Meist bleibt das Agieren der Baumuntersucher nicht lange unbemerkt. „Messen Sie hier den Blutdruck?“, fragt eine Passantin interessiert.

Anwohner beobachten seine Arbeit misstrauisch

Eine andere befürchtet, dass Gustke und seine Assistentin im nächsten Moment die Säge aus dem Auto holen.

Um die Eiche und ihre nur wenige Meter entfernte Baumnachbarin ist ein Kampf entbrannt. Im Zuge der Straßensanierung sollen beide Gehölze weichen, die Anwohner wollen die beiden jeweils etwa 25 Meter hohen Baumriesen jedoch nicht missen. „Das Problem, was wir in Fürstenwalde haben, sind sandige Böden und ein hoher Grundwasserspiegel“, erklärt Thomas Prenzel vom Grünflächenamt. Dadurch wurzeln Bäume meist sehr flach. Bei Straßenausbauarbeiten werden die Wurzeln dann notfalls gekappt.

Diese leidvolle Erfahrung hatte laut Gustke bereits die zweite der beiden alten Eichen machen müssen. „Der Baum ist an der Wurzel vom Lackporling befallen. Derartige Pilze setzen sich dort fest, wo der Baum Wunden hat.“ Der Fachmann hatte die Bäume bereits 2010 und 2012 mit dem „Picus“ untersucht. „Beide Eichen sind von Pilzen befallen, die Fäule verursachen“, sagt er und klopft mit einem Gummihammer an den Baumstamm der ersten Eiche. Es klingt unverkennbar hohl. „Wir messen nun zum dritten Mal, wie weit die Fäule in den Stamm geht.“ Laut Gustke wächst der Baum weiter, der Pilz aber baut Holz ab. Solange sich beide Prozesse die Waage halten, sei alles in Ordnung. Überwiege hingegen die Fäule, sei Gefahr im Verzug. Nicht immer seien Fäulnis und morsches Holz quasi das Todesurteil für einen Baum, sagt Gustke. „Ein kräftiger, noch nicht zu alter Baum kann diesen Schadstellen auch davonwachsen. Das muss allerdings jährlich kontrolliert werden“, sagt er.

Einmal brauchte er sogar Polizeischutz

Irgendwann habe jeder Baum seine Lebenserwartung erreicht. „Die Kronen sind in der Vegetationsperiode voll und grün, der Baum trotzdem nicht mehr stand- und verkehrssicher“, meint Gustke, der Kummer mit allzu rabiaten Baum-Verfechtern gewohnt ist.

Einmal, so erzählt er, hat er sogar unter Polizeischutz arbeiten müssen, weil Anwohner gegen ihn handgreiflich werden wollten. „Wenn wir kommen, ist es für Proteste häufig zu spät. Die Bürger müssten statt dessen im Vorfeld dafür sorgen, dass der Baum nicht verletzt wird“, sagt der Baumgutachter.

Tatsächliche Anerkennung habe er bisher nur im Ausland erlebt.

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