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Die Fußballkanzlerin

Die Kanzlerin ist ganz aus dem Häuschen: Angela Merkel (CDU) bejubelt das 1:0 (4:2) der deutschen Mannschaft gegen Griechenland bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. [KT_CREDIT] Foto: Marcus Brandt
Die Kanzlerin ist ganz aus dem Häuschen: Angela Merkel (CDU) bejubelt das 1:0 (4:2) der deutschen Mannschaft gegen Griechenland bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. [KT_CREDIT] Foto: Marcus Brandt

VonAndreas Herholz

Die Arme hochgerissen, die Fäuste geballt: Spielt das deutsche Nationalteam, ist Angela Merkel kaum zu halten. Die Bundeskanzlerin ist Fußballfan – wer hätte das gedacht. Doch wem drückt sie eigentlich im Finale der Champions League die Daumen?

Berlin.Es war das Jahr 2006, in dem für viele Deutsche die Menschwerdung von Angela Merkel begann. Deutschland und das schwarz-rot-goldene Sommermärchen, und Bilder von einer Kanzlerin wie man sie bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Merkel in ausgelassener Jubelpose auf den VIP-Tribünen der Stadien – die Fußballkanzlerin scheinbar ganz in ihrem Element.
Kein deutscher Politiker war damals beim „Sommermärchen“ so oft im Stadion wie Angela Merkel. Die Bilder von der entfesselten Kanzlerin, die bei Torerfolgen der deutschen Mannschaft aufsprang, die Arme hochriss, jubelte und ihre männlichen Kollegen alt aussehen ließ, gingen um die Welt. Und als am Ende in Stuttgart die Medaillen für den undankbaren dritten Platz an Klinsmanns Kicker verliehen wurden, drängte sich Merkel entgegen dem Protokoll sogar am damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vorbei, um schneller bei Ballack & Kollegen und im Fernsehbild zu sein.
Seit der Fußball-WM gehört das Fußballfieber fest zum Wahlkampfrepertoire der Regierungschefin. Fliegt sie hin oder nicht? Samstagabend wird Merkel auch beim Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund live im Stadion dabei sein.

Frauenbesuch in
der Umkleidekabine
Überraschungsbesuch bei den Mannschaften in der Kabine nach dem Spiel des Jahres nicht ausgeschlossen. „Präsident Platini hat die Bundeskanzlerin eingeladen, und die wird hinfahren“, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert das Geheimnis gelüftet. Pikanterie am Rande: Merkel dürfte im Londoner Wembley-Stadion auch auf Bayern-Präsident Uli Hoeneß treffen. Bilder mit dem prominenten Steuersünder, mit dem die Kanzlerin in der Vergangenheit auch Politik gemacht und vor neun Monaten noch eine Initiative zur Integration von Migranten vorgestellt hatte, dürften nicht in ihre Wahlkampfstrategie passen.
Anders als die CDU-Chefin, die als Bayern-Anhängerin gilt, wird Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beim deutsch-deutschen Finale nicht live dabei sein. Und das, obwohl der SPD-Mann bekennender BVB-Fan ist und im Aufsichtsrat des Clubs sitzt. Wahlkampf daheim, statt Reise nach London. Verkehrte Welt beim Traumfinale, die politische Farbenlehre wird für 90 Minuten auf den Kopf gestellt.
Während Merkel wohl zumindest insgeheim den Roten, den Bayern den Sieg gönnt, drückt Steinbrück vor dem Bildschirm Schwarz-Gelb die Daumen. Offiziell betont die fußballbegeisterte Kanzlerin allerdings ihre Neutralität. Sie freue sich auf ein schönes Spiel, heißt es aus dem Kanzleramt. Für welche Mannschaft drückt sie am Ende die Daumen? „Ich bin deutsche Bundeskanzlerin und sage: Deutschland“, so die Regierungschefin.

Kanzlerin schaut
auch Frauenfußball
Angela Merkel ist bekennender Bayern-Fan und Ehrenmitglied von Energie Cottbus – verfolgt anders als ihre Amtsvorgänger auch den Frauen-Fußball. „Unsere Frauen sind im Fußball absolute Spitze“, lobt Merkel die DFB-Kickerinnen. Das Runde ins Eckige – für die CDU-Chefin längst keine Männerdomäne mehr. „Ich kenne viele Frauen, die genauso begeistert dabei sind“, sagt sie.Bereits als Oppositionsführerin knüpfte Angela Merkel enge Kontakte zum DFB, bereitete ihr Fußball-Netzwerk sorgfältig vor. Anrufe und SMS auf dem Handy von Bundestrainer Jogi Löw und Manager Oliver Bierhoff gehören ebenso dazu wie Besuche im Trainingslager der National-Elf oder Einladungen ins Kanzleramt.
Was Angela Merkel am Fußball fasziniert? „Die Spannung oft bis zur letzten Minute, dass sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben, dass man mit ganz unterschiedlichen Mannschaften gewinnen kann“, sagt sie. Etwas, was sie auch an der Politik fasziniere.

Politik und Fußball als
wichtige Verbindung
Kondition und Ausdauer brauchten Fußballer genauso wie Politiker. „Immer wieder ergeben sich neue Möglichkeiten, die man nutzen muss.“ Fußball und Politik - seit Konrad Adenauer eine wichtige Verbindung. Wenn König Fußball regiert, wollen Regierungschefs, Minister und Abgeordnete nicht abseits stehen, versuchen publikumswirksam mit dabei zu sein. Fußballfan Merkel – auch ihre Vorgänger Gerhard Schröder und Helmut Kohl nutzten die Begeisterung für die schönste Nebensache der Welt, um im Wahlkampf zu punkten.
Dass der SPD-Kanzlerkandidat und Merkel-Herausforderer Peer Steinbrück am Samstagabend nicht die große Fußball-Bühne beim Endspiel in London nutzt, sondern wohl im Abseits stehen wird, sorgt auch in den Reihen der Sozialdemokraten für viel Kopfschütteln.

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