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„Es gibt zu wenig Pflegepersonal im Land“

Lohmann lehrt an der Evangelischen Hochschule Berlin und im Diakonieverein Berlin-Zehlendorf, der bundesweit derzeit rund 550 Pflegeschüler ausbildet.

Wie steht es um die Pflege in Brandenburg?
Der Pflege in Brandenburg geht es so wie allgemein in Deutschland: Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung wächst, die Zahl der Pflegekräfte nimmt ab. Es gibt zu wenig Personal für die Arbeit, die geleistet werden muss. Wir haben einen immer höheren Bedarf an Pflegekräften. Schon 2007 hatte eine Studie davor gewarnt, dass jede dritte Pflegekraft in Brandenburg in den nächsten Jahren in das Rentenalter kommt.

Was heißt das für die Berufschancen von jungen Menschen, die in der Pflege tätig werden wollen?
Deren Chancen sind sehr gut. Wer sich heute im Pflegebereich ausbilden lässt, hat einen Arbeitsplatz so gut wie sicher. Dazu gibt es enorm viele Weiterbildungsmöglichkeiten, bis hin zum akademischen Studium etwa für Pflegemanagement oder Pflegewissenschaft.

Es gibt immer wieder den Ruf, Langzeitarbeitslose zu Pflegekräften zu qualifizieren. Kann jeder in die Pflege gehen?
Ich glaube, Pflege kann nicht jeder. Man muss für diesen Beruf geeignet sein und zum Beispiel mit Menschen umgehen können. Solche pauschalen Forderungen halte ich deswegen für verkehrt. Unter denen, die heute Hartz IV erhalten, gibt es sicher Menschen, für die der Wechsel in einen Pflegeberuf das Ende der Langzeitarbeitslosigkeit bedeuten könnte – aber es gibt sicher auch viele Menschen, die das besser nicht anfangen sollten.

Oft kam in den letzten Monaten auch die Forderung, Menschen aus Griechenland oder Spanien sollten zum Beispiel in Brandenburg die Lücken beim Pflegepersonal schließen.
In Spanien und Griechenland gibt es gut ausgebildete Pflegekräfte. Ich sehe da aber ein ethisches Problem: Wenn ich Leute, die Arbeit haben und im eigenen Land gebraucht werden, aus diesem Ländern abziehe – entsteht dann dort eine Lücke im System? Deutschland kann seinen Mangel an Pflegekräften nicht dadurch schließen, dass sich woanders neue Lücken auftun. Anders ist das mit den arbeitslosen Jugendlichen: Ihnen und uns könnte es tatsächlich helfen, wenn sie in Deutschland zu Pflegekräften qualifiziert und hier eingesetzt werden.

Wie ließe sich aus Ihrer Sicht der Notstand in der Pflege beheben?
Wir brauchen eine bessere Öffentlichkeitsarbeit für die Pflege. In den Köpfen gibt es viele Vorurteile und Mythen gegenüber dem Beruf der Pflegekräfte – als ob es nur um das Ausleeren von Bettpfannen ginge. Schon Ihre eigene Frage, ob eigentlich jeder in die Pflege gehen könne, zeigt doch, wie unser Beruf im Allgemeinen gesehen wird. Dabei sind Pflegekräfte keine Hilfsarbeiter, sondern hoch qualifizierte Fachleute, die unsere Gesellschaft dringend benötigt Und wir brauchen eine leistungsorientiertere Bezahlung. Im Gesundheitssystem fehlt das Geld, zum Beispiel auch, um flexiblere Arbeitszeitmodelle für Pflegekräfte zu ermöglichen. Ohne eine entsprechende Lobby für die Pflege und angemessene Bezahlung wird es aber nicht möglich sein, langfristig die Lücken auf dem Pflegemarkt zu schließen.

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