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Land-Regionen sterben aus

Die Debatte über den demografischen Wandel kommt auch beim Regierungsgipfel langsam in Fahrt.  FOTO: Patrick Pleul
Die Debatte über den demografischen Wandel kommt auch beim Regierungsgipfel langsam in Fahrt. FOTO: Patrick Pleul

VonChristiane Jacke

Verwaiste Dörfer, überlastete Sozialsysteme, fehlende Fachkräfte: Was durch die Alterung der Gesellschaft droht, bereitet Sorgen. Auch nach dem
Demografiegipfel der Bundesregierung fehlen konkrete Lösungen.

Berlin.Der Begriff demografischer Wandel kommt etwas schwammig bis harmlos daher. Doch die Fakten und ihre Folgen sind sehr konkret und bedenklich. Deutschland verliert Einwohner, und die Bevölkerung wird immer älter. Gesundheits- und Sozialkassen steuern auf Strapazen zu. Immer weniger Junge müssen immer mehr Rentner finanzieren.
Vor allem ländliche Regionen haben es schwer: Ihnen laufen die jungen Leute davon; in einigen Teilen müssen Schulen und Kitas schließen, Familien und Firmen suchen ihr Glück anderswo, Supermärkte, Bankfilialen, Arztpraxen, Post und Bürgerämter machen dicht.
Die Bundesregierung widmet dem Thema zum zweiten Mal in wenigen Monaten einen ihrer Gipfel. Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und das halbe Kabinett sind dabei, dazu Vertreter aus Ländern und Kommunen, aus der Wirtschaft und von Sozialverbänden.
Im Oktober traf sich die Runde zum ersten Mal. Damals gab es viele warme Worte. Neun Arbeitsgruppen begannen, sich Gedanken über die Probleme und Lösungen zu machen. Sieben Monate später legen sie nun erste Ergebnisse vor. Viel Konkretes ist aber nicht dabei. Wieder werden große Ziele ausgegeben: mehr für Familien tun, für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, für ländliche Regionen und dafür, dass Ältere länger am Arbeitsleben teilnehmen können.
CDU-Vize Armin Laschet warb vor dem Gipfel für eine Kursänderung, um mehr qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen – vor allem aus Nicht-EU-Staaten. Friedrich reagiert wenig begeistert. „Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten den demografischen Wandel allein durch Zuwanderung lösen.“ Vorrang habe das Potenzial im Inland und anderen EU-Staaten. Ungesteuerte Zuwanderung komme ohnehin nicht infrage.

Opposition: Nichts als
eine Show-Veranstaltung
Die Kanzlerin und CDU-Chefin positioniert sich zurückhaltender. Sie wirbt für mehr Zuwanderung und mehr Mobilität auf dem EU-Arbeitsmarkt. Mit kategorischen Äußerungen hält sich Merkel aber zurück. Der Union stehen in der Frage noch einige Debatten bevor.
Die Opposition spottet lautstark. Die Regierung habe den demografischen Wandel verschlafen, habe keinerlei Konzept und wolle mit dem Gipfel nur das eigene Nichtstun übertönen, kritisieren SPD, Linke und Grüne. Nichts als eine „Show-Veranstaltung“ sei das.
Während die Arbeitsgruppen auf der Bühne über ihre bisherigen Beratungen berichten, vermisst auch mancher im Publikum greifbare Resultate. Ein Mann meldet sich zu Wort: Der Gipfel sei ja ganz nett, aber der entscheidende Punkt werde nicht angesprochen. Es gebe so wenig Nachwuchs, weil Kinderlose bei der Steuer belohnt würden und Familien bestraft. „Wenn wir das nicht ändern, ist alles andere nur eine neue Lackierung und keine wirkliche Lösung“, klagt er. Was Merkel dazu meint, will er wissen. Doch da ist die Kanzlerin längst weg.

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