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Tödliche Bürokratie: Kranke trauen sich nicht zum Arzt

Krank ohne Chance auf angemessene Behandlung – so geht es praktisch täglich Menschen überall in Deutschland. Oft sind es Ausländer ohne klaren Status. Die Ärzte machen die Regierung dafür verantwortlich.  FOTO: Bernd Weissbrod
Krank ohne Chance auf angemessene Behandlung – so geht es praktisch täglich Menschen überall in Deutschland. Oft sind es Ausländer ohne klaren Status. Die Ärzte machen die Regierung dafür verantwortlich. FOTO: Bernd Weissbrod

VonBasil Wegener

Arm, ausländisch und auf der Hut – Hunderttausende in Deutschland wollen nichts mit Ämtern oder Ärzten zu tun haben. Das kann tödlich sein. Nun fordern die Mediziner sinkende Hürden für die Behandlung.

Berlin.Die 35-jährige Mazedonierin kam spät zum Arzt. Sie hatte innere Blutungen. Der Frauenarzt in Freiburg erkannte einen verschleppten Gebärmutterhalskrebs. „Bei deutschen Patientinnen müsste es die Krankheit so nicht mehr geben“, sagt er.
So wie in diesem Fall geht es vielen Ausländern in Deutschland, die den Gang zum Doktor oft aus gutem Grund scheuen. Deutschlands Ärzte fordern nun die Bundesregierung zu aus ihrer Sicht humaneren Regeln auf. Ulrich Clever konnte der Krebspatientin aus Mazedonien in seiner Praxis nicht helfen, sie musste ins Krankenhaus. Selbst Mutter von vier Kindern hatte sie sich in Freiburg als Haushaltshilfe um die drei Kinder einer deutschen Familie gekümmert. Angemeldet war sie nicht. „Die Familie hatte Angst, dass es auffliegt“, sagte der Arzt. Und die Kranke wollte aus Rücksicht gegenüber der Familie anonym bleiben. Doch wer sollte unter den Umständen die 20000 Euro aufbringen für die angezeigte Bestrahlung? Niemand fand sich. „Die Gespräche mit der Frau, dass sie nach Mazedonien zurück muss, gingen an die Nieren“, sagt Clever. Die Therapie blieb aus. „Nach einem halben Jahr bekamen wir die Nachricht, dass sie gestorben ist.“

Viele Kranke schutzlos trotz Genfer Gelöbnis’
Hunderttausende Menschen in Deutschland sind im Krankheitsfall erst einmal schutzlos, obwohl die Ärzte laut dem Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes alle ohne Rücksicht auf Abstammung und Herkunft versorgen müssen. 200000 bis 600000 Menschen sollen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, also irregulär, in Deutschland sein.
Viele Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern leben im Land, ohne eine Anstellung zu haben. Asylbewerber und Geduldete kommen dazu. Viele ersehnen eine Arbeitserlaubnis. Oft fehlt eine Krankenversicherung.
Schon seit 2009 gibt es eine Verwaltungsvorschrift, nach der die Daten der Betroffenen nicht am Ende bei den Ausländerbehörden landen sollen. „Doch das gilt nur für Notfälle.“ Wer etwa schwarz auf dem Bau arbeitet und dort einen schweren Unfall erleidet, bei dem liegt die Einstufung als Notfall nahe.
Doch in der Realität hilft laut Ärztekammer nicht mal das. Denn viele Ärzte und Praxishelfer wüssten nichts von den komplizierten Regeln und auch die Sozialämter, die Krankenscheine für die Behandlung ausschreiben müssten, zeigten sich oft kenntnislos und engstirnig. Behandlungen würden nicht genehmigt oder die Daten landeten oft doch bei der Ausländerbehörde.

Kein Untergraben der
ärztlichen Schweigepflicht
Ärzte fordern deshalb: bürokratische Hürden beseitigen, Mediziner nicht an Behandlungen hindern, ärztliche Schweigepflicht nicht untergraben, nichtversicherten EU-Bürgern solidarisch helfen.
Es ist ein Brandbrief der angesehenen obersten Standesorganisation der deutschen Ärzteschaft vor allem an CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich. Die Vertreter der Bundesärztekammer meinen, in anderen EU-Ländern gebe es großzügigere Regeln. In Deutschland dominierten lähmender bürokratischer Hickhack zwischen Sozialämtern, Arbeitsagenturen und Ausländerbehörden sowie Kleinherzigkeit.

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