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„Unser Feind war der Krieg“

Die sterblichen Überreste eines sowjetischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg werden im Oderbruch freigelegt. Zehntausende Gefallene sollen noch ohne Grabstein in der Erde Brandenburgs liegen.
Die sterblichen Überreste eines sowjetischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg werden im Oderbruch freigelegt. Zehntausende Gefallene sollen noch ohne Grabstein in der Erde Brandenburgs liegen.

Kraniche kreisen über den Äckern. Die Sonne schimmert durch den Morgendunst. Es ist der erste warme Frühlingstag des Jahres. Doch die Männer um Heinz Mutschinski haben keinen Blick für das Erwachen der Natur. Die Aktiven des Hamburger Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) suchen am vergangenen Wochenende im Oderbruch vermisste Soldaten der Weltkriegsschlacht von 1945.

Mutschinski zeigt ihnen frühere Schützengräben und Stellungen. Vor 68Jahren hockte der Zugtruppenführer hier selbst in einem Erdloch. „So idyllisch wie heute war es damals nicht. Wir kauerten hier in der Nacht vom 9. zum 10.März 1945 bei minus fünf Grad“, erinnert sich der heute 88-Jährige.

Ein letzter Dienst für die gefallenen Kameraden

Die Truppen der 8. Gardearmee von Wassilij Tschuikow lagen keine 100 Meter entfernt. Den folgenden dreistündigen Granathagel überlebten nur zwei Mitglieder von Mutschinskis Kompanie: er selbst und sein Melder. „Das Letzte, was ich für meine toten Kameraden tun kann, ist, ihnen zu einer würdigen Bestattung zu verhelfen“, sagt der Zeuthener.

Der gebürtige Fürstenberger unterstützt ein 30-Mann-Team des VBGO bei der Opfersuche im kleinen Weiler Klessin bei Podelzig (Märkisch-Oderland). Bis Sonntagabend können die sterblichen Überreste von 40 Rotarmisten geborgen werden.
Die Gebeine sollen in den nächsten Tagen dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge übergeben werden. Anhand von Erkennungsmarken will man die Toten identifizieren. „Wir wollen Opfern einen Namen geben. Dabei geht es uns nicht darum, wer Freund oder Feind war, ob Wehrmachtsangehöriger oder Rotarmist“, so VBGO-Chef Albrecht Laue. „Unser gemeinsamer Feind war der Krieg. Uns geht es hier um Menschen“, mischt sich Heinz Mutschinski ins Gespräch ein. In den kommenden Wochen sollen die aufgefundenen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs seinen Worten nach auf dem Soldatenfriedhof Lebus ehrenvoll bestattet werden.

Dann läuft der rüstige Rentner zu einer Grabungsstelle, in der Männer in oranger Schutzkleidung auf der Erde hocken. Mit Spachteln, Pinseln und sogar Tortenhebern legen sie ein Skelett frei. „Bei unserer Aktion sind neben Deutschen auch Helfer aus Russland, der Ukraine, Polen und der Schweiz dabei“, sagt Wolfgang Ockert aus Ludwigsburg. Alle Vereinsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Normalerweise würden bei VBGO-Einsätzen Tiefensonden und Metalldetektoren zum Einsatz kommen. Doch bei der Aktion in Klessin helfen Hinweise von Zeitzeugen, wie Heinz Mutschinski.

Wolfgang Ockert berichtet indes von seinem Vater, der als Kriegsflüchtling mit 16 Jahren ins Oderbruch kam. Wie viele andere auch sei er damals verpflichtet worden, Kriegsopfer zu begraben. Doch für eine pietätvolle Bestattung blieb damals oft keine Zeit. Deshalb liegen Schätzungen zufolge noch heute Zehntausende Gefallene des Zweiten Weltkriegs ohne Grab- oder Erinnerungsstein unter märkischer Erde.

Auch das Staatsfernsehen aus Moskau ist gekommen

Der von der Russischen Botschaftin Berlin unterstützte VBGO zieht auch das Interesse russischer TV-Teams auf sich. Laut Albrecht Laue sind drei Sender vor Ort, darunter das russische Staatsfernsehen aus Moskau. Laue, der über die Suche nach seinem vermissten Großvater zum Verein kam, berichtet über weit mehr als 100 Sucheinsätze, bei denen über 7000 Kriegsvermisste geborgen werden konnten. Einem Reporter erklärt der Hamburger, dass der Verein Brücken zwischen früheren Feinden bauen will: „Unsere Generation soll über Kriegsgräben hinweg wieder zusammenfinden“, sagt der Norddeutsche auf Russisch.

Heinz Mutschinski steht nur ein paar Meter daneben und nickt. Seine Stellung, die im März 1945 mitten auf einem Feld lag, befindet sich heute in einem Akazienwäldchen. Der Witwer ist oft zornig, wie er sagt. Dies sei Wut auf die, die dieses Leid zu verantworten haben. „Ich selbst war damals gerade 19 Jahre alt und als Unteroffizier Zugtruppenführer“, beschreibt Mutschinski die erdrückende Verantwortung. Umso mehr bestürzt es den Fahnenjunker noch heute, dass das Inferno außer ihm nur ein Kamerad überlebte. „Ich träume heute noch von diesen Kriegstagen.“ Mutschinski beschreibt, wie er und sein Melder damals schwer verletzt den Hauptverbandsplatz Niederjesar erreichen. Nach der französischen Kriegsgefangenschaft kehrt Mutschinski 1948 in das sowjetisch besetzte Ostdeutschland zurück. In der DDR studiert er später Finanzökonomie.

Dann zeigt Heinz Mutschinski einem Moskauer die Stelle, an der sein Schützengraben lag.

Schon seit Jahrzehnten streut der Märker am Rand des Akazienwäldchens im März Vergissmeinnicht und andere Blumensamen, wo vor 68 Jahren seine Kameraden fielen. Mutschinskis Mahnung: „Wenn wir die Kriegstoten vergessen, sterben sie ein zweites Mal.“

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