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Vom Neonazi zum Philosophie-Studenten

Steven Hartung war jahrelang Kameradschaftsleiter in Thüringen. Sein Weltbild bröckelte, als er die Argumente seines „Feindes“ widerlegen wollte.  FOTOs: Michael Reichel
Steven Hartung war jahrelang Kameradschaftsleiter in Thüringen. Sein Weltbild bröckelte, als er die Argumente seines „Feindes“ widerlegen wollte. FOTOs: Michael Reichel

VonChristiane Jacke

Über Jahre steckte Steven Hartung tief in der rechten Szene – bis die großen Zweifel kamen. Die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein. Auch durch den NSU-Prozess. Einer der Angeklagten ist
ein alter Bekannter.

Berlin/Jena.Steven Hartung ist gerade mal 25, aber er hat schon ein erstes Leben hinter sich. Kameradschaften, rechte Aufmärsche, ideologische Kämpfe – das war seine alte Welt. Heute studiert er Philosophie in Jena und versucht, die Vergangenheit abzuschütteln. Das ist nicht einfach.
Hartung kommt aus einem kleinen Dorf in Thüringen. Bei der Feuerwehr oder im Fußballverein bekam er oft rechte Sprüche zu hören. Den ersten richtigen Kontakt zur Szene hatte Hartung mit 13, als ihm jemand an der Schule eine CD in die Hand drückte. Anfangs hörte er rechte Musik mit Freunden, mit 15 nahm ihn ein Kumpel zu einer Kameradschaft mit. Dort stieg er ein – und schnell auf: Mit 17 war Hartung selbst Leiter der Kameradschaft, organisierte Vorträge, Demos und Konzerte und lockte Nachwuchs an.
„Damals war ich komplett vereinnahmt“, sagt er. „Ich habe meine Ersatzfamilie in der Szene gefunden. Ich dachte, nur wir kennen die Wahrheit.“ Zu den tumben Schlägern gehörte Hartung weniger, eher zu den Ideologen und Propagandisten. Er las viel, diskutierte, agitierte. Seine Eltern waren hilflos. „Sie haben versucht, dagegen zu argumentieren, aber irgendwann haben sie es nicht mehr geschafft“, sagt er. „Sie hatten zwar keinen Einfluss mehr auf mich, aber sie haben mich nicht aufgegeben.“
Nach ein paar Jahren fingen die Zweifel an. Hartung beschäftigte sich viel mit den Argumenten seiner „Feinde“. Eigentlich, um sie zu entkräften, doch stattdessen geriet sein eigenes Weltbild ins Wanken. Die Leute in seiner Kameradschaft verstanden ihn nicht mehr. Und dann tauchte eine junge Frau in seinem Leben auf: eine Antifa-Aktivistin, die er von der Schule kannte. Anfangs diskutierten die beiden nur, dann verliebten sie sich.
Vor drei Jahren zog sich Hartung aus der Kameradschaft zurück, brach den Kontakt zur Szene ab und suchte Hilfe beim Aussteigerprogramm Exit. Die Initiative hilft seit 13 Jahren Menschen, die sich gegen den Rechtsextremismus und für ein neues Leben entscheiden. Seit 2000 hat die Initiative mehr als 500 Leuten beim Ausstieg aus der rechten Szene geholfen, überwiegend jungen Männern zwischen 22 und 32 Jahren.
Hartung ergriff damals die Initiative, verließ sein Heimatdorf, ging nach Jena. Seine rechte Vergangenheit ist ihm nicht mehr anzusehen – zumindest nicht auf den ersten Blick. Er kommt alternativ daher: mit Wollmütze, langen Haaren, Kapuzenpulli und roten Turnschuhen. Aber unter den Klamotten sieht es anders aus.
Sein Körper erzählt von früher. Hartung hat noch viele Tätowierungen – rechte Symbole und Parolen. „Ich habe mich damit selbst gebrandmarkt“, sagt er. „Heute bereue ich das unglaublich.“ An den Beinen hat er angefangen, die Zeichen übertätowieren zu lassen: „Inzwischen bin ich so weit, dass ich in kurzen Hosen rumlaufen kann.“ Der Rest soll nach und nach verschwinden. Ein paar Drohungen hat Hartung nach seinem Ausstieg bekommen per Mail oder SMS. In rechten Internetforen schrieben frühere Kumpane, er sei „zum Abschuss freigegeben“. Passiert ist nichts. Mit seiner Adresse und Telefonnummer geht er aber immer noch vorsichtig um.
Die Debatten über V-Leute in der Neonazi-Szene, über ein NPD-Verbot oder die rechtsextreme Terrorzelle NSU verfolgt Hartung heute aus der Ferne. Als das Terrortrio aus Thüringen Ende 2011 aufflog, sei er so ahnungslos gewesen wie die meisten anderen, sagt er. Einige in der Szene hatten über den Widerstand aus dem Untergrund geredet, „aber ich hielt das immer für Maulheldentum“.
Dann kam der 4. November 2011 und die düstere Erkenntnis, dass die Bande jahrelang unerkannt gemordet hatte. „Ich war schockiert, dass es so etwas gibt“, sagt Hartung. Dabei war der Terror näher als er wusste. Mitdem damaligen NPD-Funktionär Ralf Wohlleben war Hartung früher gut befreundet. Heute sitzt Wohlleben auf der Anklagebank.
Vomhetzenden Neonazi zum besonnenen Philosophiestudenten? Manch einer glaubt Hartung die Kehrtwende nicht. Linke Aktivisten werfen ihm vor, er spiele nur den Bekehrten. Bei Diskussionen an der Unversität wurde er mehrfach rausgebeten. Auch bei der Studentenvertretung wollten sie ihn nicht
haben. „Viele denken: einmal Nazi, immer Nazi“, sagt er. „Aber Menschen können sich ändern.“

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