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Bücher brennen auch im Nordosten

Die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 gingen als ein hochsymbolischer Akt kultureller Barbarei mit tief greifenden Folgen für das geistige Leben in Deutschland in die Geschichtsbücher ein. Ob Heinrich Mann, Carl Sternheim, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und andere betroffene Autoren, sie alle vertraten eine Freiheit des Geistes, die dem Ungeist der Nazis direkt im Wege stand.
Historische Filmsequenzen von der Aktion am späten Abend des 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz und Pressefotos aus weiteren Universitätsstädten wie Hochschulstandorten im Deutschen Reich zeigen brennende Bücher, angekarrt mit Lastwagen oder symbolträchtig auf Ochsenkarren. Zur politischen Inszenierung gehörten leuchtende Fackeln und uniformierte junge Männer, die die Bücher zuvor mit bellenden Feuersprüchen auf einen Scheiterhaufen geworfen hatten, aber auch Hassreden brauner „Hohepriester“.

Absichtliche Parallelen zur Inquisition

All das geschah unter großer Beteiligung der Bevölkerung und der Universitäts- und Hochschullehrer nach einem reichseinheitlich vorgeschriebenen Ritual. Es erinnerte nicht ohne Absicht an die volksfestartig inszenierten Schauprozesse der Glaubensgerichte in der Inquisitionszeit, als anders denkende Menschen und bereits auch Bücher verbrannt wurden.
Verantwortliche Akteure dieser studentischen, generalstabsmäßig geplanten „Aktion wider den undeutschen Geist“ in jenem verhängnisvollen Frühjahr 1933 kamen aus der „Deutschen Studentenschaft“. Nachdem Historiker Ende der 1960er Jahre erstmals Einsicht in die Akten dieser Massenorganisation genommen hatten, wurde allerdings klar, dass der Anstoß zur Aktion aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gekommen war.
In einigen Städten in Mecklenburg und Pommern brannten vor 80 Jahren ebenfalls Bücher: In Rostock am 10. Mai 1933 auf dem Universitätsplatz ebenso wie in der pommerschen Universitätsstadt Greifswald. Die „Greifswalder Zeitung“, damals die auflagenstärkste und einflussreichste Regionalzeitung in Pommern, berichtete am 11. Mai 1933 mit dem Aufmacher „Undeutsches Schrifttum lodert zum Himmel auf“. Polizei und SA bildeten am Vorabend eine Absperrkette. Studentische Vereine und Korporationen stellten sich im Innenraum des Greifswalder Marktes auf.

„Feuersprüche“ bei der Vernichtung

Zuerst schmetterten die Teilnehmer das Lied „Burschen heraus“. Studenten warfen danach Druckschriften, rote Fahnen, Transparente und andere bereits konfiszierte Insignien der Arbeiterbewegung in die Flammen. Die Werke von Philosophen, Wissenschaftlern, Lyrikern, Romanautoren sowie politischen Schriftstellern wurden, von „Feuersprüchen“ begleitet, den Flammen übergeben.
Sie schrien beispielsweise „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“, ehe viele Bücher im Feuer vernichtet wurden. Werke der deutschen National- wie der Weltliteratur gingen in Greifswald in Flammen auf. Zu den auf diese Weise verfemten Autoren gehörten fast alle bedeutenden deutschen Schriftsteller. Vor dem rituellen Verlesen der „Feuersprüche“ hatten nationalsozialistisch gesinnte Studenten und Hochschullehrer Ansprachen gehalten. Zum Abschluss sangen die Teilnehmer der Kundgebung das Deutschland-Lied, danach das Horst-Wessel-Lied.
In Neustrelitz brannten die Bücher drei Tage später als in anderen Hochschul- und Universitätsstädten des Deutschen Reiches. An jenem 13. Mai 1933 hatten Studenten des Strelitzer Technikums auf dem Paradeplatz vor der Neustrelitzer Orangerie eine Kundgebung unter dem Motto „Wider den undeutschen Geist“ organisiert. Im Karree hatten sich Verbände der SA und ihrer Reserve, der Hitlerjugend, des Stahlhelms und seiner Jugend aufgestellt. Auf den lodernden Scheiterhaufen in der Mitte des Platzes flogen Bücher aus den Bibliotheken des Staates, der Stadt und der Volksbücherei. Mit Musik. Die Ansprache hielt Arthur Faltz, Leiter des Deutschen Studentenbundes in Neustrelitz.
Laut Landeszeitung vom 15. Mai 1933 betonte er, „dass dieses Feuer ein Symbol sein solle für den feurigen Vernichtungswillen der NSDAP“. Er kündigte den Neuaufbau der deutschen Literatur und des deutschen Buchhandels an. Nach Aktenlage blieb der Bestand der Landesbibliothek von Mecklenburg-Strelitz von einer politisch orientierten Aussortierung zum Zwecke der Verbrennung verschont.

Aufruf an die Neubrandenburger

In Neubrandenburg, wo es keine vergleichbar hohe Bildungsanstalt wie in Rostock, Greifswald oder Neustrelitz gab, hatte die Ortsgruppe der NSDAP die Verbrennung der Bücher organisiert. Bereits am 14. Mai 1933 wurde in der „Neubrandenburger Zeitung“ ein Aufruf an die Bevölkerung veröffentlicht, bis zum 20. Mai 1933 in der Geschäftsstelle der NSDAP in der Stargarder Straße Bücher abzuliefern. Sie sollten auf einer Kundgebung am
31. Mai öffentlich verbrannt werden. Am 1. Juni verwies die „Neubrandenburger Zeitung“ eingangs des Berichtes „Der Flammentod des undeutschen Geistes“ ausdrücklich auf die historischen Bezüge einer öffentlichen Verbrennung wie die Hexenprozesse und die Reformation.
An jenem letzten Mai-Abend 1933 waren um 21 Uhr diverse nationalsozialistische Formationen auf dem Marktplatz aufmarschiert. Trotz Regens hatte sich „eine riesige Menschenmenge“ eingefunden und „auf den großen Scheiterhaufen mit geistigem Schund, untermischt mit flammenfördernden Kistenbrettern“ geschaut.
Die Hauptrede hielt Ortsgruppenführer Wilhelm Hornd, ab Juni 1933 Vorsteher der Stadtverordneten im Neubrandenburger Parlament. Es folgte eine verspätete Nachahmung des üblichen Rituals. Zuerst wurden Fahnen der Eisernen Front, des Reichsbanners und der Kommunistischen Partei Deutschlands dem Feuer übergeben, danach Schriften, Aufrufe, Flugblätter und Plakate Andersdenkender. Als die Bücher brannten, intonierte die Kapelle „Deutschland, Deutschland über alles“. Der Zeitungsbericht vermerkte, dass nach etwa 45 Minuten „das Hauptzerstörungswerk vollendet war“.

„Bücherhinrichtungen“ vom März bis Oktober

Was bleibt aus der Rückschau im Gedächtnis? In der von der Deutschen Studentenschaft geplanten und durchgeführten Aktion vor 80 Jahren wurden Zehntausende Bücher auf ritualisierten Kundgebungen öffentlich verbrannt. Die erste Bücherverbrennung fand am 7. März 1933 in Dresden, die letzte am 9. Oktober 1933 in Rendsburg statt. Hans Mayer deckte in seiner Rede am 10. Mai 1948 die Symbolik dieser „Bücherhinrichtung“ auf. „Kaum ein anderes Ereignis aus der Geschichte des Dritten Reiches, besonders aus seinen Anfängen, ist gleichermaßen geeignet, das Wesen dieser Hitler-Herrschaft, nämlich den Rückfall in die Barbarei, deutlich zu machen.“
Heinrich Heines Vorsehung sollte sich mehr als ein Jahrhundert danach mit einem Massenschicksal namens Holocaust in Auschwitz und anderswo tragisch erfüllen. „Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ schrieb Heine 1821 in seiner Tragödie „Almansor“.
Des Dichters Worte bezogen sich auf eine Verbrennung des Koran während der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter. So bleiben die demonstrativ zerstörten Bücher vor acht Jahrzehnten eine ernste Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen“.

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