
| Geschichte |
von Jürgen Tremper
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Am 12. Januar 1917 erschien in der Morgenausgabe der „Vossischen Zeitung“ unter der Rubrik „Persönliches“ eine nüchterne Kurzmitteilung. „Im Alter von 57 Jahren ist gestern die verwitwete Frau Professor Martha Fritsch, die einzige Tochter Theodor Fontanes, gestorben. Jeder Leser der Familienbriefe weiß, wie nahe die jetzt Verstorbene seinem Herzen gestanden hat und wie er nicht bloß Familienangelegenheiten, sondern häufig auch künstlerische und literarische Fragen eingehend mit ihr zu erörtern pflegte.“ Einen sonnigen Wintertag später luden um halb vier Uhr die Glocken der Warener Kirche St. Marien die kleine Trauergemeinde ihrer Verwandten und Freunde zum würdigen und pietätvollen Begräbnis ein.
Pastor Gustav Starck würdigte in der Friedhofskapelle eindrucksvoll die Verstorbene. Sechs Männer trugen den Sarg mit Blumenschmuck hinaus auf den Friedhof der Müritz-Stadt. Sie fand neben ihrem Ehemann Professor Dr. Ing. Karl Otto Emil Fritsch ihre letzte Ruhe. Friedhofsgärtner Ulrich Priep pflanzte später an der Grabstätte Nummer 18 eine Edelkiefer, um eine Neubelegung der Grabstätte zu verhindern. Als die mit Efeu bewachsenen Hügel allmählich unansehnlich wurden, pflanzte die Stadt Waren eine Lebensbaumhecke. Seit etwa 20 Jahren erinnert eine kleine Platte mit den Lebensdaten an Martha Fritsch, geborene Fontane.
Was war die einzige Fontane-Tochter für ein Mensch? Warum ging sie in den Freitod? Welches Verhältnis hatte sie zum Vater?
Theodor Fontane war Apotheker in Neuruppin, der seit September 1849 statt von der Apotheke von der Dichtkunst leben wollte. Dieser Sprung und sein literarischer Elan waren immer wieder von privaten Sorgen und vor allem vom seelischen Druck ehelicher Spannungen begleitet. Ein jahrzehntelanger Briefwechsel zwischen Vater und Tochter belegt eindrucksvoll: Fontane hing mit allen Fasern seines Herzens an seiner Tochter Martha, genannt Mete. Sie gilt als Urbild mehrerer seiner Romanfiguren. So die Gestalt der Corinna Schmidt im Roman „Frau Jenny Treibel“. Zugleich litt Martha unter Überreiztheit. Zeitgenossen schilderten sie als bequem, nicht sehr regsam, auf bedrückende Weise passiv. Ganz im Gegensatz zu Fontanes Söhnen, zu denen der Vater allerdings kein so inniges Verhältnis hatte.
"Mecklenburger Saison"
Martha Fontane wurde am 21. März 1860 in Berlin geboren. Sie lebte schon als Schulkind in der Dichterfamilie ein ganz eigenes Leben. So verbrachte sie Jahr für Jahr vier Monate bei den mit ihrem Vater befreundeten Kaufleuten Anna und Friedrich Witte in Rostock und Warnemünde. Die „Mecklenburger Saison“, so nannte sie diese Zeit, spiegelt sich im Briefwechsel mit dem Dichtervater. Nach dem Besuch der höheren Mädchenschule absolvierte sie eine Ausbildung als Lehrerin. Martha fand 1880 ihre erste Anstellung als Gouvernante bei Familie von Mandel im Gutshaus des brandenburgischen Klein Dammer. Nach einjähriger Tätigkeit kehrte sie in die Potsdamer Straße nach Berlin zurück, wo sie bis zum Tod des Vaters wohnte.
Ihr Leben balancierte zwischen Reisen, Kuraufenthalten und Besuchen bei befreundeten Familien. Fontane notierte in seinem Tagebuch, wie sehr beide „schöne, stille sommerliche Tage“ genossen haben. Sie liebte und verehrte ihn, er schätzte ihren rücksichtsvollen Umgang und die intellektuellen Gespräche. Martha Fontane las Entwürfe und fertige Publikationen ihres Vaters, lobte und kritisierte. Der Dichter entdeckte früh Metes „Anlage und Vorliebe für absolutes Chaiselongue-Leben“ und deren Lebensspannungen zwischen Traum und Wirklichkeit. Dennoch wurde die Beziehung immer fester und dauerte bis zu Fontanes Tode.
Ihre wechselnden Stimmungen und Launen blieben: Martha war hochbegabt, jedoch von „nervöser Konstitution“, wie es damals hieß. Theodor Fontane litt unter der Trübsinns-Apathie seiner Tochter. Zugleich quälten sie Magersucht, Angstanfälle, Depressionen, später auch Alkoholabhängigkeit. Sie hatte mit wachen Augen die Welt erlebt und doch viel Angst vor ihr.
Depressive Phasen nehmen zu
Ihr Konflikt war wohl, sich nach Freiheiten zu sehnen, auf der anderen Seite aber eine sichere Existenz und ein von der Gesellschaft anerkanntes Leben zu brauchen. „Ich halte es für das schönste und beneidenswerteste Glück, Papas Frau sein zu können“, schrieb die 21-Jährige ihrer Mutter. Solche und andere Zitate aus ihrem Briefwechsel führten schon in ihren Lebzeiten zu Spekulationen über eine erotisierte Vater-Tochter-Beziehung. Bewiesen ist, dass Martha ihrem Vater eine vorzügliche Gesprächspartnerin war. Sie nahm an seinen Diskussionsrunden teil und äußerte in den Zirkeln selbstbewusst ihre Meinung.
Im Januar 1899, dreieinhalb Monate nach dem Tod des Vaters, heiratete die 39-Jährige Martha den 60-jährigen väterlichen Freund und gesellschaftlich hoch angesehenen Architekten Karl Emil Otto Fritsch (1838–1915). Das Ehepaar Fritsch erwarb die Villa Meta in Waren an der Müritz, im Ortsteil Ecktannen in der Villenstraße. Weihnachten 1900 verlebte das Ehepaar erstmals im eigenen Haus am Müritzufer. Am 4. Januar 1901 schwärmte Martha in einem Brief an ihre Stieftochter Annie: „Einfach märchenhaft schön, und eine Farbenpracht wie noch nie. Der See ist fest zu und wir beobachten Segelschlitten und Schlittschuhläufer mit größter Bequemlichkeit vom warmen Zimmer aus. Jedenfalls ist der Tag noch fern, wo es uns hier zu einsam oder zu monoton wird.“
Die Villa wurde in den ersten Jahren ein Treffpunkt für Verwandte und Freunde, die betreut und beköstigt wurden. Dazu gehörten Ausflüge nach Burg Schlitz, Güstrow, Malchin, Malchow und Plau. Auch Segeltouren nach Röbel zählten oft zum Programm.
Nach der Heirat verstärkten sich Marthas depressive Phasen. Zudem trank sie immer mehr Alkohol, heutzutage eine gesicherte Erkenntnis. Mit der Hochzeit war sie aller materiellen Sorgen enthoben, litt aber unter psychosomatischen Krankheiten und Depressionen. Im letzten überlieferten Brief schrieb sie im Oktober 1916 an ihre Stieftochter, dass sie bis aufs Äußerste erschöpft ist. „Es ist doch ein Wunder, daß ich lebe, d. h. ich lebe ja gar nicht …“
Letzte Zweifel bleiben
Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes nahm sich Mete Fritsch 56-jährig höchstwahrscheinlich durch einen Sturz vom Balkon ihres Hauses das Leben. Der Freitod wurde bereits im Januar 1917 angenommen. Die Umstände ihres Todes werden bis heute in der Forschungsliteratur zwischen Unfall und Freitod gedeutet. Es hatte damals den Anschein, dass man auch in der Familie darum wusste, doch wurde Stillschweigen gewahrt. Eindeutige Beweise gibt es bis heute nicht. Ihren Tod meldete die Totenkleiderin Bertha Adam dem Standesamt Waren.Demnach starb Martha am 10. Januar 1917 „nachmittags um eineinhalb Uhr“.
Letzte Zweifel bleiben. Das Bild ihres wahren Lebens und die Umstände ihres Todes sind noch immer rätselhaft und unvollständig. Wie stark die Dichtertochter war, schilderte Justizrat Paul Meyer Jahrzehnte nach ihrem Tod. „Martha Fontane ist eine der interessantesten Frauen, die mir im Leben begegnet sind. Keine Schönheit, aber von guter Figur, mit lebendigen, geistvollen Augen und von großer körperlicher und geistiger Beweglichkeit, und zwar diese in einem Maße vereinigt, daß die Anregung, die von ihr ausging, immer wohltuend und reizvoll war.“ Übrigens, schon als 17-jährige hatte sie schon am 6. November 1877 über ihr Lieblingsmotto geschrieben, „es ist alles vorbei.“