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Dichterin rettet Kind

An einer Sammlung von Anekdoten arbeitete sie zuletzt. „Die Frau von der Antike bis zum 20. Jahrhundert“ – das Werk blieb unvollendet, denn die seit Jahren schwerkranke Urheberin verstarb am 24. April 1963 in Schwerin. Karla König hat sich zeitlebens in verschiedenen Tätigkeiten versucht: Journalistin, Kritikerin, Pressereferentin, Redakteurin, Herausgeberin und Kulturfunktionärin. Eigentlich hatte sie wohl immer als freie Schriftstellerin leben wollen.
Zu diesem Start wollte ihr Alfred Biese (1856–1930) verhelfen. Der Gymnasialdirektor, Autor literarischer Texte und Verfasser einer „Deutschen Literaturgeschichte“ hatte stets das Schrifttum seiner norddeutschen Heimat im Blick. In der damals nicht unbedingt der Moderne zugeneigten Kulturzeitschrift „Westermann Monatshefte“ verwies Biese 1926 auf Karla König als „lyrische Dichterin in Pommerland“.

Frühe Gedichte offenbaren ihr großes Talent

In einer „verworrenen Zeit“ mit „verzerrtesten Gestaltungen“ biete sie „echte Lyrik ohne ungesunde Überreiztheit“, weshalb sie es „wohl verdient, über die Grenzen der pommerschen Heimat bekannt zu werden“. Es folgten Texte, worauf Biese resümierte: „Alle diese – noch ungedruckten – Gedichte zeugen sicherlich von starkem, urwüchsigem Talent, denn ein jedes ist selbst ein lebendiger Organismus, in dem äußere Form und innere Seele eins geworden sind.“
Später verwies er auf den bereits 1912 erschienenen ersten Band „Gedichte“ von Karla König: „Da schaut uns ein keckes Mädchengesichtchen entgegen, das mit Witz und Ironie die Seminaristinnenjahre, die Prüfungen, Konflikte, Zeugnisse und – Staub, Staub durchhechelt; dann aber folgen Verse mit leuchtenden und dunkleren Farben der Naturstimmung und mit ungewöhnlicher Klangfülle.“ Der zweite Gedicht-Band „Einsame Feuer“ wurde 1918 gedruckt. Einige Texte daraus vertonte der in Stettin lebende Kirchenmusiker Ulrich Hildebrandt, der sich später auch mit zwei weiteren Lyriksammlungen von Karla König beschäftigte.
Von den Einnahmen konnte die zeitlebens unverheiratete Frau nicht leben. Auch an eine Unterstützung durch ihre Familie war nicht zu denken. 18-jährig hatte sie ihren „über alles geliebten“ Vater verloren, danach begann für die 1889 in Stettin Geborene „der harte Lebenskampf“. Sie musste das Lehrerinnenseminar verlassen um als Volontärin bei der „Stettiner Abendpost“ anzufangen. Von 1919 bis 1924 war sie Pressereferentin am Oberpräsidium.
Vorausgegangen war ihr Bekenntnis zum neuen deutschen Staatswesen. So sollten sich auch andere Frauen einbringen, wie sie 1919 in ihrer Broschüre „Wie arbeitete ich politisch? Ein parteiloses Wort an die deutsche Frau“ forderte. Bis 1927 wirkte Karla König als Feuilletonredakteurin. Nebenher soll sie den Roman „Am Rundfunk des Lebens“ geschrieben haben, der in Fortsetzungen in Zeitungen erschien. Sie arbeitete auch als Autorin und Herausgeberin von Büchern über Pommern. Dabei war sie in das kulturelle Stettiner Netzwerk eingebunden.
Der Machtantritt der Nationalsozialisten veränderte die Bedingungen. Vermutlich in Sorge um ihre Existenz wurde Karla König 1938 Mitglied der NSDAP. Als 1943 die Anthologie „Land am Meer“ mit damals genehmer Dichtung erschien, war darin allerdings kein Text von ihr.
Bei der sowjetischen Besetzung von Stettin 1945 und der folgenden polnischen Übernahme verlor sie ihr Archiv. In Ueckermünde wagte Karla König einen Neuanfang. Sie half, im Landratsamt die Kultur- und Schulabteilung aufzubauen und hatte auch Arbeitseinsätze zu leisten. Es folgte ein Zwischenspiel in Stralsund, dann kam sie 1947 auf Anraten des Schriftstellers Ehm Welk nach Schwerin. Welk war in der neuen Landeshauptstadt Direktor der Volkshochschule, zudem führend im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ tätig.
Dort übernahm Karla König eine hauptamtliche Funktion. Mit dem als „geliebten Freund“ bezeichneten Welk mühte sie sich, Menschen „langsam, aber mit Erfolg wieder einzugliedern in das tatenfrohe, glückende Leben der neuen Zeit“. Zusammen habe man „über unseres Volkes Not so manche Nacht gegrübelt und geweint.“ Die Arbeit beim Kulturbund endete im Herbst 1949. Sie begann erneut eine Existenz als freie Schriftstellerin und hatte mit ihren 60 Jahren viele Pläne.

Eine Erzählerin von Anekdoten

Auf Anregung des damals in Schwerin ansässigen Schriftstellers und kommunistischen Politikers Willi Bredel brachte sie 1949 das Buch „Der große Goethe in kleinen Anekdoten“ heraus. Als Erzählerin von Historie hatte sie sich erstmals 1940 ausgewiesen, als sie „Friedrich der Große und Pommern“ schrieb. 1955 veröffentlichte sie das ebenfalls erfolgreiche Buch „Das Spiel des Lebens, Anekdoten und kleine Geschichten um Friedrich Schiller“. und ihre letzte derartige Sammlung: „Die unvergängliche Kette, Anekdoten und kleine Geschichten“.
Sie selbst wurde offenbar nicht zum Gegenstand von Anekdoten oder einer größeren Lebensdarstellung. Ihr hauptsächlich aus der Nachkriegszeit stammender Nachlass in der Schweriner Landesbibliothek fand bisher wenig Beachtung. Ungeklärt sind daher auch die Folgen des denkwürdigen Ereignisses, das Karla König im Januar 1923 hatte. Sie rettete unter Einsatz ihres Lebens „einen Knaben aus den Fluten der Oder“, dessen Herkunft nicht festgestellt werden konnte.

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