Nordkurier.de

Die Hirten feiern ihr Arbeitsjahr

„To Pingst’n, ach wie scheun, wenn die Natur so greun und all’ns no but’n geiht, dat is een wohre Freud!“ Wie dieser Liedtext aus der Zeit des Straßengesangs verkündet, zog es die Menschen seit jeher ins Grüne auf Märkte und Wiesen zum Feiern. In Stadt und Land. Pfingsten wurde früher in erster Linie als kirchliches Fest begangen, 50 Tage nach Ostern als Fest der Ausgießung und Sendung des Heiligen Geistes. Bis 1650 wurde es vier Tage lang gefeiert. Danach wurde die Festzeit auf drei Tage beschränkt. 1744 wurde der dritte Feiertag in Mecklenburg durch ein herzogliches Edikt abgeschafft.
„Rostock, wie et weent und lacht“ zählt zu den Liedern, die direkt auf den Rostocker Pfingstmarkt zugeschnitten waren. In den Städten zählten diese Märkte zu den bedeutendsten Ereignissen des Jahres. Der Rostocker Pfingstmarkt gehörte als einer der ältesten zu den sinnenfreudigsten Vergnügen in Norddeutschland. Seit 1390 wurde diese Verkaufsmesse der Hansestädte alljährlich acht Tage vorm Pfingstsonntag eröffnet. Ein dänischer Reisender notierte 1782: „Wir fanden an den Ufern längs dem Warnen-Fluss große Bewegung, den großen Markt und verschiedene Straßen mit Kranbuden besetzt, auf allen Plätzen große Frachtwägen, Marktschreier, Schauspieler, Riesen und Zwerge, Schattenspiele. Die meisten Edelleute und Gutsbesitzer des Landes finden sich hier ein, um ihre Geldumsätze zu machen, ihre Frauen zu vergnügen und ihre Töchter zu zeigen.“
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der berühmte Markt von einer Warenmesse zum Volksfest. Rundkarussells, Wiener Rad, Berg- und Tal-, Geister- und Achterbahn bereicherten nach 1850 das Angebot. Es gab auch durchaus Anspruchsvolles. Schauspieler- und Gesangsgruppen präsentierten Lustspiele, komische Opern und Ballett. Werke von Lessing, Schiller, Shakespeare und Molière kamen zur Aufführung. Straßensänger boten Lieder dar, begleitet von Lauten, Geigen oder Drehorgeln.

Pferdehirten „ballerten“ das Fest ein

Auf dem Land feierten Dorfbewohner gemeinsam, beschreibt beispielsweise der Volkskundeforscher Richard Wossidlo. Eine aktive Rolle spielten dabei die Pferdehirten. Alljährlich zu Pfingsten eröffneten sie die Weidesaison. Vorab hatten sie ein Stück Brachland eingehegt, mit Sträuchern abgesteckt und mit einer Tanne markiert. Damit hatten sie ein Zeichen gesetzt, dass Ochsen-, Kuh- oder Schafhirten diese Weide nicht betreten durften. Zwei Pferdehirten holten vor Pfingsten aus dem nächsten Wald Grünes. Sie errichteten auf der Hege eine Hütte, eingerichtet mit Tischen und Bänken.
Schon Wochen vor dem Fest übten die Pferdehirten mit Peitschen und Riemen das Knallen. So „ballerten“ sie das Pfingstfest ein, berichtet beispielsweise Hinstorffs Kalender von 1866. Am Pfingstsonntag brachten sie ihre Pferde vor Sonnenaufgang in die „Pfingsthege“.
Nach der Flurbereinigung im 18. und 19. Jahrhundert und der Abschaffung der Pferdehirten änderten sich die Bräuche in den Dörfern Mecklenburgs. Mit dem Anstieg der Milchviehherden war die Zahl der Kuhhirten gewachsen. So betraten sie mit Knechten und Mägden die Bühne des ländlichen Brauchtums zu Pfingsten. Die Feierplätze verlagerten sich immer stärker in die Dörfer. Zumeist in der Dorfmitte schmückte ein von Knechten und Mägden errichteter Pfingstbaum, mit Girlanden geschmückt, den Festplatz. Dort lud eine „Pfingstlaube“, mit Blumen und Eiern verziert, zum Essen, Trinken und Spielen ein. Zumeist war sie Feierort für die Unverheirateten. Beliebt waren Gesellschaftsspiele wie „Mann und Frau“, Leinenverkauf, Ringsuchen oder Talerwandern, bei denen das Küssen nicht zu kurz kam.

Gutes Essen und Trinken als Anerkennung

Für die Kuhhirten war Pfingsten der Höhepunkt im Arbeitsjahr. Oft wurden sie von den Viehmägden mit Kuchen beschenkt. Die Hütearbeit wurde mit anerkennenden Worten, gutem Essen und Trinken sowie Tanz geehrt. Volkskundliche Quellen erzählen, dass in Neukalen die Ehrung von den unmittelbaren Arbeitskollegen und in Teterow von den Kuhbauern und ihren Familien ausging. Lange hielten sich in Mecklenburgs Dörfern Reiterspiele der Pferdeknechte und Bauern wie das Tonnenabschlagen, Ringreiten und Kranzstechen.
Brauchtumsforscher schildern, dass die Häuser und Zimmer mit grünen Birkenreisern geschmückt wurden. In einigen Gegenden wurden Kalmus und Blumen vor die Tür gelegt. In anderen Landstrichen wurde zu Pfingsten das Haus weiß angestrichen. Aus den Schweriner Gefilden schrieb ein junger Mann 1358 nieder, am Pfingstmorgen muss man stillschweigend vor Sonnenaufgang einen Apfel verzehren, um stets gesund zu bleiben.
Vogelschießen am zweiten Pfingsttag war in allen mecklenburgischen Städten Sitte. In den Chroniken finden sich auch Berichte über den Pfingstochsen. Er wurde am Donnerstag oder Freitag vor Pfingsten von Schlachtern vor allem durch kleinere Städte in Mecklenburg geführt. Mit einem Blumenkranz ums Haupt, die Hörner mit Gold- und Silberschaum belegt.
Die Überlieferungen mecklenburgischer Pfingstbräuche zeigen, dass früher große Gemeinschaftsfeste in Stadt und Land gefeiert wurden. In farbiger Vielfalt. Am Brauchtum lässt sich gut ablesen, dass die Bräuche dem Vergnügen als auch der gegenseitigen Erziehung dienten.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×