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Gebrüder Grimm erhalten Hilfe aus Neubrandenburg

Markttage in Neubrandenburg zeigt ein Gemälde von Walter Koschwitz Ende des 18. beziehungsweise im 19. Jahrhundert.
Markttage in Neubrandenburg zeigt ein Gemälde von Walter Koschwitz Ende des 18. beziehungsweise im 19. Jahrhundert.

Die Viertorestadt kann der Liste ihrer bedeutenden Söhne und Töchter einen klangvollen Namen hinzufügen: Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach – Jurist, Literaturwissenschaftler und Sammler des 19. Jahrhunderts. In der Allgemeinen Deutschen Biografie von 1895 ist nachzulesen:„Er war am 6. Juni 1781 zu Neu-Brandenburg geboren, verlebte seine Jugend auf dem Familiengut Bockstädt in der goldenen Aue.“
Die bekannte Mecklenburg-Strelitzer Heimatforscherin Annalise Wagner spricht in einem Aufsatz vom Aufwachsen des Freiherrn auf Schloss und Gut Vockstedt bei Artern, wo sein Vater im Dienst des Fürsten von Anhalt-Zerbst stand.
Voigtstedt, Bockstädt, Vockstedt oder Neubrandenburg? Dreimal verweisen ähnlich klingende Quellen nach Thüringen. Eine Anfrage an das Neubrandenburger Stadtarchiv ergab dann, dass die Familie von Meusebach weder in den von 1679 bis 1918 geführten Bürgerbüchern noch in den Kopulations-Registern nachweisbar ist. Warum also sollte der Angehörige eines Geschlechts aus dem thüringischen Uradel ausgerechnet in Mecklenburg geboren worden sein?
Christine Hinz liefert eine Erklärung. Die Familie von Meusebach habe nur wenige Jahre in Neubrandenburg gelebt. Der Vater, ein Jurist, habe hier zwischen 1780 und 1785 Erbschaftsangelegenheiten zu den mecklenburgischen Gütern Dahlen, Beseritz, Treppersdorf (Disley) sowie der Herrschaft Seeburg im Mansfeldischen aus dem Besitz derer von Hahn zu regeln gehabt.
„Die Hähne“ waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie die Fliegen gestorben. Am 6. September 1779 ereilte dieses Schicksal auch den letzten männlichen Spross der Rempliner Linie, den unter Vormundschaft stehenden geisteskranken Erblandmarschall Claus Ludwig von Hahn. Der berühmte Astronom Friedrich II. von Hahn und dessen ebenfalls wegen geistiger Schwäche unter Vormundschaft stehender Bruder Detlev gehörten wie die Thüringer Adelsfamilien von Meusebach, von Witzleben und von Geusau zu den Erbberechtigten.

Meusebach bringt Erbstreit nach Neubrandenburg

Der Prozess der Erbauseinandersetzung war kompliziert und zog sich über mehrere Jahre hin. Zumal am 30. April 1780 auch Anna Hedwig von Geusau, geborene von Hahn, die „Furiosa“, Schwester des Claus Ludwig von Hahn gestorben ist. Zudem verstarb am 3. Juli 1780 ihr einziges sie überlebendes und ebenfalls wahnsinniges Kind, Wilhelm von Geusau.
Karl Hartwig Gregor von Meusebachs Vater Christian Karl (1734– 1802) war ein fähiger Jurist. Er wurde von den Erben mit der Regulierung des Nachlasses und dem Verkauf der Güter beauftragt. „Der Gotha“, das Genealogische Handbuch des Adels bestätigt in der Ausgabe von 1861, das sich Christian Karl von Meusebach mehrere Jahre mit seiner Familie in Neubrandenburg aufhielt.
Er kam mit seiner Frau Benigna Friderike, Tochter des Königlich Schwedischen Kammerherrn Andreas von Nordenflycht, einer in Mecklenburg-Strelitzer Landen bekannten Forstfachmann-Familie sowie zwei kleinen Kindern in die Viertorestadt.

Zweite Ehe mit einer Kammerfrau

Das älteste Kind, Friedrich, wurde 1777 geboren, die Schwester Amelie zwei Jahre später. Und in Neubrandenburg stellte sich am 6. Juni 1781 mit Karl Hartwig Gregor weiterer Nachwuchs ein. Doch nachdem das Nesthäkchen kaum das vierte Lebensjahr vollendet hatte, starb die Mutter. Der Vater heiratete daraufhin Christine Tugendreich Viedmar, die Kammerfrau seiner ersten Gemahlin.
Die „Annalen des Vereins für Nassausche Altertumskunde und Geschichtsforschung“ zitieren aus den Gedenkbüchern des Sohnes in ihrem Band 1889: „In seinem Hauswesen herrschte die größte Ordnung und einfache Sitte. Wie er selbst ein Ehrenmann war und sein Gesinde mit Milde und Sorgsamkeit behandelte, so setzte er auch in dasselbe das Vertrauen einer entsprechenden Treue und Redlichkeit, das ihn nicht täuschte.“
Nach der Regelung der Erbschaftsangelegenheiten übernahm Christian Karl die Bewirtschaftung des umfangreichen Familienbesitzes in Voigtstedt, da der ältere Bruder Beamter wurde. Christian Karl von Meusebach wird von Zeitgenossen als origineller, geistreicher Mann geschildert. Neben dem materiellen fiel auch dieses Erbe auf seinen Sohn Karl Hartwig. Der heiratete 1804 Ernestine von Witzleben, Tochter des kurfürstlich hessischen Staatsministers und damit wohl ein weiteres Stück des Hahnschen Erbes.

Meusebach wird zum Gehilfen der Grimms

Den letzten Beweis seiner Geburt in Mecklenburg liefert Karl Hartwig von Meusebach selber. 1830 schrieb er an die Grimms: „In Neubrandenburg bin ich geboren, in der güldenen Aue bin ich ein kleiner und auch ein Schuljunge, in Göttingen und Leipzig ein Student gewesen, in Nassau Auditor und Assessor, im Bergischen verfolgte ich mit Lust und Liebe die Verbrechen.“
Doch warum ist Freiherr von Meusebach so besonders für die Neubrandenburger Stadtgeschichte? Meusebach zählt zu den wenigen in Mecklenburg-Vorpommern verwurzelten Helfern der Brüder Grimm.
Die Märchen „Der alte Großvater und der Enkel“, 1812 in die Sammlung aufgenommen, und „Der gläserne Sarg“, 1837 erstmals erschienen, stammen aus Büchern der Meusebachschen Bibliothek, die 36000 Bände umfasste und nach dem Tod des Freiherrn vom preußischen Staat aufgekauft und in der königlichen Bibliothek in Berlin aufgestellt wurde. Zudem machte Meusebach die Grimms darauf aufmerksam, dass „Der Kluge Knecht“, ein Schwank, der 1837 erstmals zu lesen war, auf Auslegung eines Psalms durch Martin Luther zurück geht.

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