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„Große Not im Denkmalschutz“

Landeskonservator Klaus Winands setzt sich dafür ein, dass Denkmalschutz mehr Beachtung findet.
Landeskonservator Klaus Winands setzt sich dafür ein, dass Denkmalschutz mehr Beachtung findet.

Herr Winands, Denkmalschutz im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern scheint eine Mammutaufgabe zu sein. Fühlen Sie sich ihr gewachsen?

Winands: Auf jeden Fall. Ich bin ja nicht frisch aus irgendeiner Ecke Deutschlands nach Schwerin gekommen, um etwas völlig Neues anzupacken. Seit 2006 leite ich im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege das Dezernat Bau- und Kunstdenkmalpflege. Dadurch kenne ich unser Bundesland ganz gut.

Dann sind Sie ein Nordlicht?

Nein, geboren bin ich in Aachen. Dort habe ich auch Bau- und Kunstgeschichte, Germanistik und Romanistik studiert. Damals war mein Blick gen Westen gerichtet. Mich faszinierten Frankreich und die französische Lebensart.

Wie wurde aus einem Frankophilen ein Mecklenburger?

Im Jahr 1991 bin ich mit einem Freund nach Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Das war so spannend und abenteuerlich. Mensch, haben wir gedacht, hier ist noch so viel zu tun, hier gibt es viel unverbaute historische Substanz. Ein Jahr später habe ich beim Landesamt für Denkmalpflege in Schwerin angefangen. Anfangs half ich dabei, die Denkmalliste zu überarbeiten. Viele Gebäude im Land waren überhaupt nicht erfasst. Einige Monate später wurde ich Gebietskonservator für Vorpommern. Mit der Eröffnung einer Außenstelle in Stralsund begann eine aufregende Zeit.

Sie erlebten, wie die Hansestadt ihr schmuddeliges Kleid abwarf.

Stralsund machte damals einen düsteren Eindruck. Die Straßenbeleuchtung war schlecht und überall roch es nach Kohlen. Die Altstadt war im Zustand der Verwahrlosung. Es gab viel Leerstand, Missstände und ungeklärte Eigentumsverhältnisse, wie anderswo auch.

Gab es ein Lieblingsprojekt?

Ganz klar die St. Jakobi Kirche in Stralsund. Die ist mir ans Herz gewachsen. Das von der Kirche aufgegebene Gebäude wurde als Baustofflager genutzt. Nach und nach entwickelte sich St. Jakobi zur Kulturkirche. Heute kümmert sich eine Stiftung um das Kleinod.

Wer legt eigentlich fest, ob ein Denkmal ein Denkmal ist?

Ein Denkmal muss Kriterien erfüllen, die wissenschaftlich begründet sind, beispielsweise einer abgeschlossenen Epoche zugehören. Mecklenburg-Vorpommern hat seit 1993 ein eigenes Denkmalschutzgesetz. Das Besondere daran ist, dass kein Denkmal in eine Liste eingetragen werden muss, um einen eigenen Schutz zu genießen. Von dem Zeitpunkt an, an dem man weiß, das ist ein Denkmal, ist es in MV geschützt.

Eine abgeschlossene Epoche ist auch die DDR.

In Neubrandenburg haben wir jetzt den ersten Plattenbau (WBS70) aus den 1970er-Jahren unter Schutz gestellt. Wertvoll sind ebenso die DDR-Wandgemälde in Rostock-Evershagen oder auf Rügen, wo sich richtige Bilder an den Fassaden der Plattenbauten befinden.

Gibt es Denkmäler, die ihnen Kopfzerbrechen bereiten?

Ein schwieriges Unterfangen ist Prora auf Rügen, wo wir große Kompromisse machen müssen, um das Ganze zu erhalten. Ein zweites Problem ist der Strukturwandel auf dem Land. Wenn Eigentümer ihre alten Fachwerkhäuser vernachlässigen, bekommen wir zu hören: „Ihr müsst da etwas tun“. Das ist leicht gesagt. Denn wenn die Eigentümer kein Geld haben...

Beraten Sie auch persönlich in Sachen Denkmalschutz?

Wer ein Denkmal sanieren möchte, wendet sich am besten an die jeweilige untere Denkmalschutzbehörde in Stadt und Landkreis. Dort werden auch die Genehmigungen erteilt. Die Konservatoren des Landesamtes, so auch der Landeskonservator, werden aber am Genehmigungsverfahren beteiligt und sie beraten vor allem bei wichtigen Projekten. Ich denke zurzeit darüber nach, wie es uns gelingt, die Akzeptanz für die Denkmalpflege bei den Menschen im Land zu erhöhen. Ich kann allen nur raten, keine Angst vor dem Besitz eines Denkmals zu haben. Denn es ist schön, in einem Haus mit Stuckdecke, alten Türen und Fußböden zu leben.

Welches Denkmal würden Sie gern unbedingt vor dem Verfall bewahren?

Brenzlig ist die Situation für das Schloss Divitz bei Barth im Landkreis Vorpommern-Rügen. Es ist im Kern mittelalterlich, mit barocken Anbauten. Ein wichtiges Baudenkmal für Region und Kunstgeschichte. Wir hoffen, dass wir demnächst eine Lösung finden.

Ist das eine Aufgabe, der Sie sich als Landeskonservator von Mecklenburg-Vorpommern stellen?

Die hätte auch sonst auf meinem Schreibtisch gelegen. Für mich ändert sich nicht viel. Hinzu gekommen sind als Landeskonservator die repräsentativen Aufgaben, etwa die Landesdenkmalpflege nach außen zu vertreten. Ansonsten konzentriere ich mich im Dezernat Bau- und Kunstdenkmalpflege gemeinsam mit meinem Team aus Kunsthistorikern, Architekten und Restauratoren weiterhin auf Fachaufgaben. Wir beraten Landesbehörden, Landkreise, Gemeinden und Städte, die Landeskirchen sowie private Bauherren und Architekten. Wir haben leider zahlreiche Stellen verloren, sodass die Personaldecke zu dünn ist für die vielen Aufgaben. Es gibt bei uns im Land große Not im Denkmalschutz.

Welche Spuren möchten Sie selbst als Landeskonservator hinterlassen?

Wir haben ein gutes Verhältnis mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die in den vergangenen 20 Jahren unglaublich viel im Land getan hat. Mit anderen Stiftungen würde ich mir eine bessere Zusammenarbeit wünschen. Alle Institutionen im Land, die sich für Denkmale einsetzen, müssen endlich an einem Strang ziehen und eine gemeinsame Plattform finden. Nehmen wir den Tag des offenen Denkmals. Diese Veranstaltung sollte schon bei der Planung auf breiteren Füßen stehen. Ein Forum wäre gut, bei dem wir darüber reden, was wir an diesem Tag machen wollen.