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Moderne Kunst in der Idylle „festgepinnt“

Die Riesenpinne im Skulpturenpark Katzow schuf der Lette Glebs Pantelejevs. Auf dem weitläufigen Areal mit der Kulturscheune wird im Juni ein internationaler Bildhauerworkshop geboten.
Die Riesenpinne im Skulpturenpark Katzow schuf der Lette Glebs Pantelejevs. Auf dem weitläufigen Areal mit der Kulturscheune wird im Juni ein internationaler Bildhauerworkshop geboten.

Dass die Flößerstadt Lychen zugleich die weltweit bedeutsame „Pinne-Geburtsstadt“ ist, kommt nach und nach unter die Leute. Dem Lychener Uhrmacher Johann Kirsten, der die Reißzwecke um 1900 erfand, hat die uckermärkische Kleinstadt mehrfach ein Denkmal gesetzt. Zum einen thront auf einer hohen Stahlsäule am Hotel Lindenhof eine vom Künstler Werner Kothe geschaffene, überdimensionale Pinne. Zum anderen weisen im Stadtbild 16 Pinnen aus Metall mit Texten und Abbildungen auf Sehenswürdigkeiten und historische Bedeutsamkeiten hin.

Weltbekannte Reißzwecke wirbt für die Kleinstadt

Geschaffen hat sie der Lychener Metallbauer Siegfried Kienast 2004, nachdem Teilnehmer eines Workshops darüber gegrübelt hatten, wie man die weltweit bekannte Pinne stärker in ein touristisches Informations- und Leitsystem einbinden könnte. Was der geschäftstüchtige Otto Lindstedt – er kaufte Uhrmacher Kirsten die Pinne-Erfindung ab – 1904 mit dem Patent für die „Heftzwecke“ amtlich machte, unterließ Siegfried Kienast aus Kostengründen. Er hätte für seinen Pinne-Wegweiser ein „Geschmacksmuster“, also den Designschutz beim Europäischen Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (HABM) beantragen müssen. Zum stolzen Preis von 499 Euro!
So ist es nicht verwunderlich, dass seit vergangenem Jahr an der mecklenburgischen Küste, genauer im Skulpturenpark Katzow bei Wolgast, eine Super-Pinne nach Lychener Vorbild auf sich aufmerksam macht. Außergewöhnlich ist sie. Und verdächtig, ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen. Sie misst drei Meter im Durchmesser, ihr „Piekser“ ist 150 Zentimeter lang und sie ist rund eine Tonne schwer. Der lettische Künstler Glebs Pantelejevs hat sie aus Stahl während des 19. internationalen Bildhauer-Workshops geschaffen.
Fast könnte man meinen, der Begründer und Initiator des Skulpturenparks, der studierte Metallgestalter Thomas Radeloff, hatte bei diesem Kunstwerk seine Finger im Spiel oder war zumindest geistiger Pate. Schließlich ist ihm die Umgebung von Lychen und Feldberg mit ihren Wäldern und Seen von zahlreichen Aufenthalten ans Herz gewachsen. Und auch die Lychener Pinne kennt er, was aber nicht heiße, so meint er, dass er der Ideengeber der Super-Pinne war. „Schließlich haben auch die Letten Internet, und da ist unter Lychener Pinne allerhand zu finden“, sagt er schmunzelnd.

Werke aus Metall, Holz, Stein und Kunststoff

Die Idee des aus der Nähe der lettischen Hauptstadt Riga stammenden Künstlers Pantelejevs, Professor an der lettischen Kunstakademie, war, die Atmosphäre des weitläufigen Landschaftsparks mit den fast 100 großformatigen Kunstwerken aus Metall, Holz, Kunststoff und Stein und die ihn umgebende Naturidylle am Boden „festzupinnen“, sagt Radeloff. Das habe ihm sofort gefallen.
Da der Heftdorn der Reißzwecke aus dem Kopf ausgeschnitten und herausgebogen wurde, entstand eine Öffnung. Sieht man durch sie hindurch, kann man zahlreiche im Park stehende Kunstwerke betrachten. Teilweise recken sich die Skulpturen 18 Meter in die Höhe und bilden einen Kontrast zur ruhigen Landschaft zwischen Greifswald und Wolgast.

Einmaliges Zentrum moderner Skulptur

Der Skulpturenpark zwischen Katzow und Pritzier erlebt im Juni die 20. Auflage des Bildhauerworkshops. Das ist Thomas Radeloff zu verdanken. 1965 in Demmin geboren, ging er nach der Berufsausbildung mit Abitur in Neustrelitz und einem Praktikum am Zentrum für Bildende Kunst in Neubrandenburg an die Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Er studierte Metallplastik. Zunächst war er in Katzow freischaffend, bis er 1991 den Skulpturenpark gründete und ihn seit 1992 durch einen jährlichen Bildhauer-Workshop ausgestaltet. 1993 wurde der Förderverein gegründet. Enge Kontakte bestehen zu Künstlern Osteuropas.
Mit jährlich stattfindenden Bildhauerworkshops erwarb sich der Park internationale Anerkennung. So beteiligten sich Künstler aus Japan, Taiwan, England, Österreich, USA, Ungarn, Polen, Norwegen, Kroatien, Lettland, Schweden, Bulgarien, Deutschland und von der Insel Vanuatu. Damit ist der Kunstort in den neuen Bundesländern einmalig als Zentrum der modernen Skulptur. Er wächst stetig durch neue Plastiken und es erweitern sich die Möglichkeiten für Tourismus, Naherholung und künstlerische Anregung.

www.skulpturenpark-katzow.eu
 

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