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Nackt zwischen Speerspitzen tanzen

Züchtig gekleidet - beim Tennisturnier in Bad Doberan
Züchtig gekleidet - beim Tennisturnier in Bad Doberan

Sport treiben und fit sein – das ist keine Erfindung unserer Zeit. Nachdem die Olympischen Spiele 1894 von Pierre Baron de Coubertin wieder ins Leben gerufen worden waren, erfuhr der Sport um die Jahrhundertwende verstärkt Aufmerksamkeit. Damals meldeten sich Vertreter der unterschiedlichsten Stände zu Wort. Einer von ihnen war Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg-Schwerin (1873 bis 1969). Sein bebildertes Büchlein „Treibt Sport“ erschien 1908 „als ein Weck- und Mahnruf an Deutschlands Jugend“. Darin fasste Adolf Friedrich seine Gedanken zur sportlichen Betätigung zusammen und stellte die vor einem Jahrhundert gebräuchlichen Sportarten vor.
Sport sei die Möglichkeit, Freundschaft und frohe Geselligkeit zu pflegen und ein Gefühl von Solidarität – wie etwa im Ballspiel oder beim Rudern – zu vermitteln. Zugleich lägen sportliche Betätigung und militärische Parade nahe und beiden wohne die stark machende Einigkeit inne. Der Verfasser wertete den Sport als die Chance, den Körper zu kräftigen, Gesundheit als Fülle des irdischen Glücks zu erfahren und mit „ernster Leibeszucht“ auf Eitelkeit zu verzichten.
Bei einem kurzen Ausflug in die Geschichte hob der Verfasser hervor: „Die germanischen Jünglinge übten ihren Mut und ihre Gewandtheit, indem sie nackt zwischen Schwert- und Speerspitzen tanzten. Das Mittelalter brachte die Ausübung der Jagd zur höchsten Blüte, und die Glanzzeit des Rittertums wurde durch die Turniere verkörpert. Wohl übte man sich noch um die Mitte des 17. Jahrhunderts im Ringelrennen und Ringelstechen, im Speerwerfen zu Pferde ..., aber mit der allgemeinen Verbreitung der Schusswaffen sank allmählich die Wertschätzung körperlicher Kraft und Tüchtigkeit.“ Erst Männer wie Turnvater Jahn hätten Sport zu neuem Leben erweckt; zugleich bemängelte der Herzog die Intoleranz der Gesellschaft im 19. Jahrhundert gegenüber dem Sport der Damen. Um 1850 erregte es in Berlin unliebsames Aufsehen, als die gefeierte Sängerin Henriette Sonntag Schlittschuh lief.
Bei der Vorstellung der Sportarten standen die bereits im Altertum bekannten klassischen griechischen Sportarten (Leichtathletik und Gymnastik) im Vordergrund, gefolgt vom Fechten – die „Kunst der Waffenführung als Vorrecht des freien Mannes“. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Rasenspiele als moderne Sportarten wie Tennis, Fußball, Golf und Hockey. Den Faustkampf bewertete der Herzog als brutalen Sport.
Dem als guten Segler bekannten Adolf Friedrich lag der Wassersport besonders am Herzen. Er bezeichnete das Schwimmen als „die älteste von allen Sportkünsten vielleicht“ und unterstrich, dass das zu „Unrecht gelästerte Angeln“ gleichwohl eine Sportart sei.

Hundert Jahre zuvor wurde bereits in Deutschland der Grundstein für eine breitere sportliche Entwicklung gelegt, vor allem an höheren Schulen war das ein Thema. Um die körperliche Beweglichkeit neben der geistigen zu steigern, begann man mit Leibesübungen. Dazu gehörten solche Tätigkeiten wie Kriechen, Laufen, Hüpfen, Springen, Steigen, aber auch Schieben, Ziehen, Stoßen, Werfen und vor allem Klettern. Hierbei musste der ganze Körper eingesetzt werden – Arme, Beine, Schenkel, Hände, um an glatten Stangen, an Seilen oder auf Bäume zu gelangen. In einer „Encyclopädie“ von etwa 1800 war zu lesen: „Das Baum-Klettern ist daher eine sehr gute Uebung der Kräfte; auch thut die Jugend nichts lieber als dieses“, auch um alle Früchte abzunehmen.
Erinnert sei an das Baden.1793 war das erste deutsche Seebad in Heiligendamm eröffnet worden, und sein Initiator Prof. Dr. Vogel (1750 bis 1837) hatte erfolgreich für das Baden und Schwimmen in der offenen See geworben. Der gleichen Ansicht war der Pädagoge Johann Guts Muths ( 1759 bis 1839), der Mitbegründer der Turnkunst und des Schulturnens. Er sagte über das Baden: „Ich halte das kalte Baden für einen Haupt-Punct einer guten physikalischen Erziehung, und glaube, dass eine Bade-Anstalt für öffentliche Schulen und Erziehungs-Häuser unentbehrlich sey.“
Die Zahl der sportlichen Spiele mit Ball und Reifen, Kugel und Hölzern, mit Drachen, Seil und Kreisel nahm ständig zu. Besonders gern wurde an Nord- und Ostsee das Bosseln (das Werfen mit einer Kugel, und wer mit den wenigsten Würfen ins Ziel kommt, hat gewonnen) im Winter gespielt, von Jung und Alt und ganzen Dorfschaften. Es wird heute noch immer betrieben im Zusammenhang mit dem Kohl-und-Pinkel-Essen. Beliebt war bei Kindern auch das Steinspiel, bei dem in einiger Entfernung eine kleine Pyramide aus Steinen errichtet wurde, die dann mit anderen kleinen Wurfsteinen aus bestimmten Entfernungen getroffen werden musste. Das Balancieren auf Balken oder Brettern mit und ohne Stange war ebenso gefragt wie das Springen in die Höhe, Tiefe und Weite. Erstaunlicherweise nehmen die unterschiedlichsten Balancierübungen einen breiten Raum bei der Gymnastik ein, weil sie sowohl Stärke als auch Geschicklichkeit verlangen, und der Körper gewinnt dadurch ungemein an Gelenkigkeit und Gewandtheit. Gleichwohl standen Hüpfen, Seilspringen und Lastentragen – eine Art Gewichtheben – auf dem Programm.
Ein Reiterspiel vom Fischland soll das „Sportbild“ von Anno dazumal abrunden. Das Tonnenabschlagen – eine Erinnerung an die letzte Tonne mit Heringen, die damals an die Schweden abzuliefern war. Der Fischländer tritt hier als Reiter auf und versucht, mit einer Keule vom Rücken des Pferdes aus die letzte Daube (Stäben) bzw. das letzte Stück Holz von einer zwischen zwei Stangen aufgehängten Tonne zu schlagen. Der eine wird Stäbenkönig, der andere Tonnenkönig. So heute noch jedes Jahr in Wustrow auf dem Fischland.

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