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Pommerscher Rektor als Hitlers Konkurrent

An der Universität Greifswald lehrte Karl Theodor Vahlen. Nach seiner Beurlaubung als Rektor der Universität enthob auch Hitler ihn von seinem Amt als Gauleiter Pommerns.
An der Universität Greifswald lehrte Karl Theodor Vahlen. Nach seiner Beurlaubung als Rektor der Universität enthob auch Hitler ihn von seinem Amt als Gauleiter Pommerns.

Lebensläufe gehören zu den Varianten historischen Erzählens. Die Biografie des ersten NSDAP-Gauleiters in Pommern bringt vor allem über die Frühzeit des Nationalsozialismus in Deutschland Erkenntnisse. Der Mathematikprofessor Karl Theodor Vahlen (1869– 1945) hat zwischen 1923 und 1927 die faschistische Partei in der östlichen preußischen Provinz aufgebaut.
Die Geschichte des Gaues Pommern beginnt faktisch 1923. Im Vergleich zu anderen Gauen im Norden Deutschlands bildeten sich dort schon früh feste Organisationsformen heraus. 1923 hatte die NSDAP bereits 330 Mitglieder in zwölf Ortsgruppen – darunter Greifswald, Jarmen, Pasewalk, Stralsund und Stettin. Bei den beiden Reichstagswahlen des gleichen Jahres erzielte die NSDAP herausragende Wahlergebnisse. Der damalige Gauleiter Karl Theodor Vahlen war Mitbegründer der stärksten Ortsgruppe, Besitzer einer Druckerei und Reichstagsabgeordneter. Er war eine der treibenden Kräfte, die früh Wähler und Mitglieder an die pommersche NSDAP-Organisation gebunden hatte.

Vahlen bekommt Professur an der Universität

Elternhaus und Familie legten jedoch keine Anfänge für eine politische Karriere in einer radikalen Partei. Karl Theodor Vahlen, am 30. Juni 1869 in Wien geboren und römisch-katholisch getauft, war Sohn des bekannten Altphilologen Prof. Dr. Johannes Vahlen. Seine Mutter war die aus einer vornehmen Breslauer Familie stammende Amalie, geborene Ambrosch. Nach der schulischen Ausbildung studierte Karl Theodor von 1889 bis 1893 Mathematik an der Berliner Universität. Nach seiner Promotion wurde Vahlen 1904 außerordentlicher Professor an der Universität in Greifswald. Er publizierte damals vor allem Arbeiten zu abstrakten Gebieten der Mathematik. Ab 1911 widmete er sich mehr der angewandten Mathematik.
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Vahlen an die Greifswalder Universität zurück, um zunächst Dekan der Philosophischen Fakultät und seit Frühjahr 1923 Rektor zu werden. Neben seiner Lehrtätigkeit war er ordentliches Mitglied des Naturwissenschaftlichen Vereins für Neuvorpommern und Rügen in Greifswald und Gründungsmitglied des Akademischen Seglervereins. Vahlen setzte sich aktiv für den Studentensport ein und wurde als erster Greifswalder Professor zum Ehrenmitglied des Turn- und Sportamts der Universitäternannt.

Hitler-Putsch ist Auslöser für Eintritt in die NSDAP

Seine berufliche und gesellschaftliche Stellung und seine zahlreichen Kontakte zu Persönlichkeiten der Politik, Wirtschaft sowie des Militärs, weckten sein Interesse, selbst politisch aktiv zu werden. Vahlens Engagement galt zunächst der Deutschnationalen Volkspartei. Auf der Suche nach einer politischen Heimat herrschte bei ihm nach Zeitzeugenaussagen damals noch eine diffuse Weltanschauung vor.
Der Professor war betroffen vom Nachkriegstrauma, ausgelöst durch die Kriegsniederlage, die Novemberrevolution und die Bedingungen des Versailler Vertrages, sowie von einem giftigen Antisemitismus. Beispielsweise machte er die Juden für die wirtschaftliche Katastrophe in Deutschland verantwortlich. Nach späteren Angaben habe ihn der misslungene Putsch am 9. November 1923 in München zum Eintritt in die NSDAP bewegt.
Unmittelbar danach besuchte Vahlen Adolf Hitler im Gefängnis in Landsberg. Hitler bestätigte dort den Greifswalder Professor als Gauleiter der pommerschen NSDAP, deren „Keimzelle“ die Greifswalder Universität war. Nach dem Hitler-Putsch am 9. November 1923 wurde die NSDAP reichsweit verboten. Die ehemaligen Nationalsozialisten schlossen sich in Norddeutschland der Deutschvölkischen Freiheitspartei an. Im Mai 1924 traten sie zu den Reichstagswahlen mit einer gemeinsamen Liste als „Nationalsozialistische Freiheitspartei“ mit Spitzenkandidat Vahlen an – mit Erfolg. Die Liste erzielte in Pommern mit 7,3 Prozent der Stimmen ein beachtliches Ergebnis. Der Reichsdurchschnitt lag bei 6,5 Prozent. Eine Folge war, dass Karl Theodor Vahlen als Abgeordneter in den Reichstag einziehen konnte. Im Februar 1925 dann wurde die NSDAP neu gegründet.

Vahlen wird seiner Ämter enthoben

Anfang des Jahres 1927 beurlaubte Hitler den Gauleiter der pommerschen NSDAP nach seiner Amtsenthebung als Rektor der Greifswalder Universität. Mit der Begründung, dass Vahlen gezwungen sei, „sich außerhalb Preußens eine neue Tätigkeit zu suchen“ und somit nicht mehr in der Lage sei, „das Amt des Gauleiters in Pommern auszuüben“, entließ Hitler den Mathematikprofessor nach Ablauf seines Urlaubs am 21. August 1927 aus seinem politischen Amt.
„Für die der Bewegung persönlich gebrachten großen Opfer und für die geleistete ersprießliche Arbeit“ im Gau Pommern sprach er dem Geschassten scheinheilig Anerkennung und Dank aus. Vahlen, der nach seiner Entlassung als Professor der Greifswalder Universität weiter in Eldena bei Greifswald gelebt hatte, siedelte nach seiner Beurlaubung durch Hitler nach Plotha im Kreis Torgau über. Er war bei weitem kein Einzelfall in der nationalsozialistischen Parteigeschichte. Wie ihm erging es auch Gauleiter Erich Rosikat, Hellmuth von Mücke, Karl Kaufmann und Erich Koch, die ebenfalls den politischen Anschauungen Strassers gefolgt waren. Hitler sah in ihnen zunehmende Konkurrenz und Gefahr für seine Führungsrolle.
Vahlens Parteifreunde mieden ihn fortan. Nach 1933 gelang es ihm nicht mehr, seine politische Karriere fortzusetzen. Studenten und Professoren der Philosophischen Fakultät beantragten mit Zustimmung des Senats am 6. März 1933 die Rehabilitierung Vahlens als Hochschullehrer beim Preußischen Staatsministerium. Im Mai 1933 hielt er wieder seine erste und zugleich letzte Vorlesung in der voll besetzten Aula der Universität Greifswald. Die Rückberufung war ein symbolischer Akt. Vahlen kehrte nicht nach Greifswald zurück. Er blieb in Berlin, bis er während des Zweiten Weltkrieges schließlich in seine Heimatstadt Wien übersiedelte. Nach Angaben seiner Witwe starb Karl Theodor Vahlen im Alter von 76 Jahren am 16. November 1945 „in der Gefangenschaft“ in Prag.

Mathematiker auf dem Abstellgleis

Sein Schicksal beweist, wie sehr die Frühgeschichte der NSDAP von einzelnen Persönlichkeiten geprägt wurde. Am Beispiel Vahlen ist Hitlers Art der Auseinandersetzung mit innerparteilichen Gegnern und sein Umgang mit anderen Strömungen in der NSDAP nachzuvollziehen. Hitler nutzte den Umstand, dass Vahlen den offenen Bruch und die direkte Konfrontation mit ihm nicht gewagt hat. So konnte er den Mathematiker fast unbemerkt aufs Abstellgleis stellen. In Fragen der Ideologie gehörte Vahlen zu den Hitler-Gegnern, die vor allem seit der Neugründung der NSDAP im Jahr 1925 systematisch ausgegrenzt wurden.
In den Personalakten der NSDAP finden sich viele ,Vahlens‘, die nach Debatten oder Streit mit dem Führer aus ihren Posten gedrängt wurden und danach ohne politischen Einfluss blieben.

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