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Schwerin: Wagners Liebe

Richard Wagner liebte es offenbar, bei seinen Besuchen in Schwerin Schloss, Garten, Marstall und Theater zu besichtigen. Auch deshalb freute er sich über jede neue Einladung in die Stadt.
Richard Wagner liebte es offenbar, bei seinen Besuchen in Schwerin Schloss, Garten, Marstall und Theater zu besichtigen. Auch deshalb freute er sich über jede neue Einladung in die Stadt.

1873 reiste Opernfürst Richard Wagner von seinem Wohnsitz in Tribschen bei Luzern über Dresden und Berlin nach Schwerin, um seine Erfolgsoper „Der fliegende Holländer“ zu dirigieren. Er empfing den Intendanten des Hoftheaters, Alfred von Wolzogen, und Kammersänger Carl Hill, den er für den „Ring des Nibelungen“ für die Eröffnung des Festspielhauses im Sommer 1876 in Bayreuth zu gewinnen suchte. Schwerin war ihm durch Verbindungen mit seiner Nichte Franziska Ritter-Wagner, „erste Heldin“ am Hoftheater, und die von ihm wohlwollend verfolgte Wagner-Pflege sehr sympathisch.

Einen Blick auf das pittoreske Panorama mit Theater, Marstall, Schloss und Garten zu werfen, mache ihn glücklich, erwiderte er in seinem Dankschreiben für die großherzogliche Einladung. In Schwerin, so schien es ihm, war man seinen Werken aus der deutschen Sagenwelt gesonnen, denn stets nach den Uraufführungen seiner neuartig gestalteten Musikdramen in Dresden, Weimar und München erschienen sie als Erstaufführungen in Schwerin: „Tannhäuser“, „ Lohengrin“ und „Tristan und Isolde“. Unter der Leitung von Musikdirektoren wie Heinrich Mühlenbruch (1803-1887) zogen glanzvolle Aufführungen das Opernpublikum in Scharen in die mecklenburgische Residenzstadt.

Auf den Mitte des 19. Jahrhunderts neuen Eisenbahnstrecken fuhren Sonderzüge aus Wismar, Güstrow, Rostock zu ausverkauften Opernabenden. Der Erfolg berechtigte die Intendanz, in den Jahren 1853/1854 das Repertoire mit den Werken „Der fliegende Holländer“ und „Die Meistersänger von Nürnberg“ zu erweitern. Friedrich von Flotow setzte mit 1300 Opernaufführungen und prunkvollen Wagner-Inszenierungen Akzente.

Lob und Kritik für seine innovativen Ideen

Das Schweriner Opernpublikum war dank der vielen unterschiedlichsten Neuinszenierungen außerordentlich hoch musikgebildet und keineswegs leicht mit Wagner-Schöpfungen zu betören. Es folgte dem neuen Opernstil, den Richard Wagner schuf, äußerst aufmerksam: Die einen priesen das frappierend Neue, Opern durchzukomponieren, die anderen, wie Friedrich Chrysander und Hofrat Zöllner, waren dagegen. In diese Musikdiskussion fiel der opernfürstliche Besuch Richard Wagners in Schwerin. Seine junge Ehefrau, Cosima Wagner – Tochter von Franz Liszt und der französischen Gräfin Marie d‘ Agoult – bereitete den Aufenthalt wie alle Belange ihres Gatten akribisch vor.

Die Audienz bei dem Großherzog von Mecklenburg, Friedrich Franz II. (1823– 1883), von der Großherzoglichen Kammer mit allen Nuancen eines Staatsbesuches initiiert, bildete Höhepunkt und Abschluss des Gastspiels. Der Opernkomponist berichtete mit Eloquenz vom Fortgang des Baugeschehens in Bayreuth. Er sprach hoffnungsvoll von der großartigen Einweihung des Festspielhauses und seiner Idee, in jedem Sommer Opernfeste zu inszenieren. Ein kleiner Einwand nur sei gestattet: Finanziell könnten die Pläne noch scheitern. Hilfe würde auch aus Schwerin entgegen genommen. Man nickte verständnisvoll, nahm die Einladung dankend entgegen, über Geldzuwendungen dächte man nach. Bindende transaktive Versprechungen unterblieben – erst nach der Uraufführung der Ringtetralogie 1876, die Großherzog Friedrich Franz II. besuchte, erwarb dieser für 6000 Mark die Aufführungsrechte für den Schweriner Hof.

Ausbildung bei Carl Maria von Weber

Richard Wagner war, als er Schwerin besuchte, 60 Jahre alt. Zu jedem seiner Werke hatte er das Libretto geschrieben, Anmerkungen für Regie und Sänger notiert, Artikel und Kunstschriften verfasst.

Seine Ideen und Pläne benötigten Finanzen – die fehlten ihm, dem am 22. Mai 1813 in Leipzig als neuntes Kind während der Befreiungskriege im Mietshaus „Zum Roten und Weißen Löwen“ Geborenen. Die Familie war mittellos, die Wohnung erbärmlich. An Seuchen sterbend, verlor die große Familie ihren Ernährer, die Großmutter und Kinder. Als die Not am größten war, heiratete Mutter Wagner den Schauspieler Ludwig Geyer und zog nach Dresden. Bis zu dessen Tod 1821, Richard war da acht Jahre alt, sorgte dieser für eine gute musikalische Ausbildung des Knaben bei Hofkapellmeister Carl Maria von Weber.

Wieder in Leipzig, besuchte Richard Wagner die Thomasschule und den Kompositionsunterricht bei Thomaskantor und Universitätsmusikdirektor Theodor Weinlig. Unentwegt lesend, schrieb er früh Tragödien, Gedichte, erste Sonaten, ein Streichquartett und die erste Sinfonie. Diese hob Felix Mendelssohn Bartholdy als Gewandhauskapellmeister in Leipzig aus der Taufe – eine freundliche Förderung des jungen Musiktalents, die Wagner später in seiner schmähenden Schrift über das „Judenthum in der Musik“ negierte.

Es folgten unruhige Jahre, politisch wie musikalisch. Mit der Anzahl der Opern wuchsen die Schulden. Haft drohte und Rettung nahte wie in Wagners Musikdramen mit dem „Märchenprinzen“ Ludwig II. von Bayern. Fortan half dieser romantische Schöngeist dem armen Wagner mit Geldzuwendungen. Wagners Opernträume gingen in Erfüllung.

Als 1883 die Nachricht aus Venedig vom unerwarteten Tod des Meisters die Schweriner erreichte, bestand der Anspruch weiter, Richard Wagners Operndramatik vom Parkett bis zum Rang nicht nur für ein auserwähltes Publikum zu inszenieren.

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