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Vergangenes im Vorübergehen

Gudrun Smolinski wollte die Mudder Finksch in Neubrandenburg eigentlich nur für zehn Jahre sein. Mittlerweile führt sie ihre Gäste schon seit 15 Jahren durch die Viertorestadt.
Gudrun Smolinski wollte die Mudder Finksch in Neubrandenburg eigentlich nur für zehn Jahre sein. Mittlerweile führt sie ihre Gäste schon seit 15 Jahren durch die Viertorestadt.

Es ist Geisterstunde in Neubrandenburg. Der Nachtwächter dreht seit Stunden seine Runden. Ein Mann schreit in der Nähe und der Nachtwächter hört gotteslästerliche Worte, so die Anekdote. Der Goldschmied der Viertorestadt beschimpfte damals seine junge Gattin. Der Nachtwächter nahm den Greis gefangen, übergab ihn der Wache. Der Schmied indes hatte vor einigen hundert Jahren guten Grund seine Liebste zu beschimpfen. Bekam der angesehene Bürger der Stadt doch Wind davon, dass sie schon mehrfach einem Jüngeren begegnet war und dieser Liebschaft kein Ende zu setzen gedachte.
Gudrun Smolinski steht auf einer kleinen Wendeltreppe und zeigt mit dem Finger in der Tiefe. Ein düsteres, acht Meter tiefes Loch, von allen Seiten mit staubigem Mauerwerk umgeben, fensterlos und feucht. „Deshalb musste der alte Goldschmied hier einsitzen“, sagt die Stadtführerin und zieht ihren langen Rock etwas hoch, damit sie die schmale Wendeltreppe hinaufkommt. 20 Neugierige führt sie auf den Neubrandenburger Turm hinauf und zischt beim Aufstieg: „Man munkelt aber, dass die untreue Gattin den Aufenthalt des Goldschmiedes hier dazu nutzte, sich intensiver mit ihrem Liebhaber zu befassen.“
Der Fangelturm, der wegen seiner Nähe zum Franziskanerkloster auch Mönchenturm heißt, ist eine Station der heutigen historischen Stadtführung. Die 64-jährige Gudrun Smolinski mimt in ihrem Gewand die Mudder Finksch, „eine, die’s in jeder Stadt gab, die alle Gerüchte kannte, bevor es sie gab.“ Einmal im Monat zeigen historische Fremdenführer die Viertorestadt. Ein Rundgang dauert knapp zwei Stunden und kostet nichts.
Ihr Honorar bekommen die ehrenamtlichen „Gestalten“ von der Stadt bezahlt. Um Geld geht es Gudrun Smolinski nicht. Vielleicht weil sie aufblüht, wenn sie das Gewand trägt, im Mittelpunkt der meist Unwissenden steht und mit den Händen große Gesten über den Straßenverläufen „ihrer Stadt“ macht.

In der Verkleidung macht die Führung Spaß

Bei der 750-Jahrfeier hatte sie beim Historischen Umzug zum ersten Mal eine „geschichtsträchtige Klamotte“ an. „Das hat Spaß gemacht und deshalb wollte ich das zehn Jahre machen. Mittlerweile mache ich es schon 15 und ein Ende ist nicht in Sicht“, sagt sie zu Beginn der Führung an der Konzertkirche. Sie muss sich den meisten Teilnehmern nicht vorstellen.
Denn 18 von 20 sind Neubrandenburger. Die beiden angereisten Gäste kommen aus Neustrelitz und haben hier mal gewohnt. Mudder Finksch führt den Trupp „en passant“ zum Wissen. Einige wohnen schon fünf Jahre hier und wissen noch nichts über ihre neue Stadt. Andere machen diese Führungen alle zwei Jahre mit, als Wochenendbeschäftigung und Heimatkunde.
Gudrun Smolinski ist 700 Jahre nach der Neubrandenburger Stadtgründung geboren und erklärt, dass die Wollweberstraße breiter ist als andere Straßen der Stadt, weil fürs Auswaschen der Wolle ein Graben nötig war. Die ältesten erhaltenen Häuser stehen in diesem Gebiet der Altstadt.
Im Gehen plaudert Mudder Finksch von Gott und von der Welt. Aber wenn sie ihren Trupp an einem Treffpunkt versammelt, behandelt sie Historie. Sie erklärt mit vollem Körpereinsatz, sie scherzt und spielt die Großen dieser Stadt im Kleinen nach. Sie deutet aufs Mauerwerk und versteckte Zeichen darin. An der Polizei weist sie auf einen großen Kreis am Giebel. „Wenn man sich eine Weile davor stellt, kann man es erkennen. Hammer und Sichel kommen immer wieder durch, egal wie oft man sie überstreicht“, sagt sie und überlässt ihrem Gefolge die Deutung dieser Details.

Auch Müller Bernhard ist zufällig dabei

Bei der heutigen Führung ist eine weitere historische Figur zugegen, nur dass Manfred Smolinski sein Gewand nicht trägt. Der 72-Jährige verkleidet sich manchmal als Müller Bernhard. Er führt dann am 18. Mai wieder Gäste und Einheimische durch die Stadt. Eigentlich wollte er nur kurz beim Rundgang seiner Frau vorbeischauen, geht dann aber doch bis zum Ende mit. An der Johanniskirche kann er helfen. „Hier sieht man die Löcher besonders gut“, sagt er kurz und stellt sich dann wieder in den Hintergrund. Was Mudder Finksch den Leuten nun zeigt, ist der typisch vermischte Aberglaube der Mecklenburger. Im Mittelalter und noch im vergangenen Jahrhundert haben sich Leute am Gotteshaus bedient, um das Glück zu pachten.
In den Ziegeln sind runde ausgestanzte Löcher zu sehen. „Diese geweihten Steine wurden zermahlen und dann in ein Amulett verpackt. Damit versuchten die Soldaten die Heimat mitzunehmen und natürlich heil wieder nach Hause zu kommen“, sagt sie. Wie leicht man an diesen städtischen Eigenarten vorbei läuft, obwohl oder gerade weil man hier wohnt!
Die übersehene Vergangenheit, die Gudrun Smolinski anbietet, ist zahlenfreudig, geschichts- und geschichtenträchtig. Die Neubrandenburger Altstadt hat einen Durchmesser von 750, die Mauer eine Länge von 2300 Metern. Der brillante Nachhall in der Konzertkirche dauert zwei Sekunden und der Hutmacher des Herzogs musste 17 Tage im Bürgergehorsam, im Fangelturm, darben, weil sein Lehrling den herrschaftlichen Hut unachtsam versengt hat.

Figuren im Giebel– weder Männlein noch Weiblein

Auf dem Giebel des Stargarder Tores sind neun Terrakottafiguren, deren Bedeutung man bis heute nicht kennt. „Wir wissen nicht einmal genau, ob es Männchen oder Weibchen sind und untern Rock gucken, kann man denen ja nicht“, sagt Mudder Finksch. Das Gefolge lacht und folgt ihr durch die Stadt. Am Ende des Rundgangs gibt es ein Likörchen. „Doch das verrat ich nur ins Öhrchen.“

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