
| Edgar Reitz wird 80 |
von epd
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Edgar Reitz, der am 1. November 80 Jahre alt wird, war einer der wichtigsten Regisseure des jungen deutschen Films der 60er-Jahre. Er gehörte zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests von 1962. 1967 erhielt sein erster Spielfilm „Mahlzeiten“ einen Preis auf den Filmfestspielen von Venedig. Sein Lebenswerk aber ist die Trilogie „Heimat“, an der er mehr als 20 Jahre gearbeitet hat. Wie kein anderes filmisches Epos erzählt sie die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts – nicht aus der Sicht einer Großstadt, sondern der Provinz. „Nur die Kunst“, so Reitz, „vermag es, den Augenblicken Dauer zu verleihen.“
Edgar Reitz wurde 1932 in Morbach im Hunsrück geboren. Zu dieser Herkunft hat er sich immer bekannt. Schabbach, ein fiktives Hunsrückdorf, wurde zum Ausgangspunkt und Zentrum seiner Trilogie. Auch wenn es die Protagonisten in die Ferne zog, vor allem nach München – irgendwann kehrten sie in den Hunsrück zurück. Der Filmemacher ist diesen Weg selbst gegangen. Ab 1952 studierte er in München Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, begann als Assistent beim Film und gründete später hier seine Firma. Nach mancher Enttäuschung in der Filmbranche wurde schließlich der Hunsrück zu seiner künstlerischen Heimat.
„Heimat – Eine deutsche Chronik“ wurde 1984 uraufgeführt, „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ kam 1992 heraus, „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ 2004. Die insgesamt 30 Einzelfilme der drei Reihen dauern zusammen 52 Stunden.
80 Jahre erzählter Zeit
In „Heimat 1“ macht Reitz 60 Jahre deutsche Geschichte lebendig, beginnend mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, endend mit der Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Teil zwei blendet noch einmal zurück, in das München der 60er-Jahre, mit Künstlergeschichten, Liebesgeschichten, Todesgeschichten.
In Teil drei treffen sich die beiden Protagonisten der Trilogie, Hermann (Henry Arnold) und Clarissa (Salome Kammer), nach längerer Unterbrechung ausgerechnet am 9. November 1989 in Berlin, dem Tag, als die Mauer fiel. Ost- und West-Erfahrungen stoßen aufeinander. So endet die Chronik nach 80 Jahren dort, wo alles anfing, in Schabbach.
Aber es gibt eine Variation: Reitz drehte inzwischen unter dem Titel „Die andere Heimat“ einen Film über die Auswanderung aus dem Hunsrück nach Brasilien im 19. Jahrhundert. Er soll 2013 ins Kino kommen.
Wenn man das Glück hatte, die drei Teile als geschlossenen Zyklus zu sehen, werden sie zu einem außerordentlich intensiven Erlebnis, man tauchte ein in Geschichten und Geschichte. Auch international wurden vor allem Teil eins und zwei begeistert aufgenommen, bei Festivals und im Kino. Der legendäre US-Regisseur Stanley Kubrick war so angetan von „Heimat“, dass er Reitz die deutsche Synchronisation seiner Schnitzler-Verfilmung „Eyes Wide Shut“ anvertraute.
Nach dem ersten Teil sprang das Fernsehen ab
Die Fernsehausstrahlung von „Heimat“-Teil eins in der ARD war sehr erfolgreich. Ab Teil zwei aber stand der mitproduzierende WDR nicht mehr hinter dem Projekt. Die Filme waren ihm nicht populär genug, und so dauerte es neun Jahre, bis Teil drei dann doch noch entstehen konnte. Für die Fernseh-Ausstrahlung wurden die Filme aber gekürzt, die Kinofassung ist komplett.
Doch Reitz hat sich nicht nur bei „Heimat“ als großer Regisseur erwiesen. Da fast alle seine Filme auf DVD zugänglich sind, kann man eine ganze Reihe Entdeckungen machen: Faszinierend die experimentellen Kurzfilme „Kommunikation“ (1962) und „Geschwindigkeit“ (1963), bewegend „Die Stunde Null“ (1977). Der Film beschreibt die Erlebnisse eines ehemaligen Hitlerjungen im Frühjahr 1945 in der Nähe von Leipzig: Die Amerikaner sind schon abgezogen, die Russen noch nicht erschienen.
Die größte Überraschung aber ist „Der Schneider von Ulm“. Es geht um die Lebens- und Traumwelt des Ulmer Schneiders Albrecht Berblinger, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts kein anderes Ziel hat als zu fliegen. 1978 von den Kritikern niedergemacht und den Kinobesitzern boykottiert, wurde der Film Reitz’ größte Niederlage. Aus heutiger Sicht aber ist das Werk eine kühne Utopie der Freiheit in einem noch bürgerlich-vordemokratischen Deutschland.

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