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Die vielen Stimmen des Peter Pan

Sabin Tambrea als Peter Pan hatte wenig Spielraum, um seine Rolle zu gestalten.
Sabin Tambrea als Peter Pan hatte wenig Spielraum, um seine Rolle zu gestalten.

Theatermagier Robert Wilson hat eines der magischsten Werke der Weltliteratur auf die Bühne gebracht. „Peter Pan“ heißt die neueste Wundertüte des texanischen Regisseurs, mit der er am Mittwochabend das Premierenpublikum im Berliner Ensemble entzückte. Selten inszenierte Wilson mit so leichter Hand wie bei dem Klassiker des Schotten James Matthew Barrie (1860-1937).

Statt Pathos und Pose zeigt der 71-Jährige dieses Mal reine Poesie – verspielt und ironisch. Selbst die für Wilson typischen, in weißer Schminke erstarrten Gesichter der Figuren haben etwas mehr Eigenleben als sonst. Ihre Bewegungen sind nicht mehr so abgezirkelt und marionettenhaft. Und das stört Wilsons ausgeklügelte Gesamtkomposition – wie immer hat er sich neben der Regie auch um das Bühnenbild und das Lichtkonzept gekümmert – überhaupt nicht.

Fee Tinkerbell ist ein Mann mit Tutu

Im Gegenteil: Ganz behutsam hat Wilson die Geschichte vom Jungen, der niemals erwachsen werden will, bearbeitet. Die eifersüchtige Fee Tinkerbell ist ein Mann mit Tutu und blond onduliertem Haar, von Christopher Nell fabelhaft komisch gespielt. Peter Pan, dargestellt von Sabin Tambrea, ist ein Junge mit vielen Stimmen – ein Mensch aus dem Land Nirgendwo, der seine Identität noch nicht gefunden hat und vielleicht auch in Zukunft niemals finden wird.

Tambrea, der für seine Rolle des Bayern-Königs im Kinofilm „Ludwig II.“ in der nächsten Woche Chancen auf den Deutschen Filmpreis hat, lässt seinen Peter kichern und kieksen, in der nächsten Sekunde mimt er mit tiefer Stimme den Macho und coolen Draufgänger, er spricht im Dialekt und verweist auf Disneys berühmte „Peter Pan“-Comicverfilmung ebenso wie auf den verstorbenen Popstar Michael Jackson und dessen Neverland-Ranch. Dabei kann das ewige, zur Fratze gewordene Lächeln des Jungen in der dunkelgrünen Lederjacke und der engen Hose nicht über seine Unsicherheit hinwegtäuschen.

Bei Premiere glänzt Anna Graenzer als das Mädchen Wendy

Wilson lässt seinem Titelhelden relativ wenig Spielraum, seine Rolle zu gestalten. Die anderen Mitspieler haben es da leichter. Stefan Kurt ist der furchterregende Kapitän Hook mit der Hakenhand und der schrecklichen Angst vor dem Krokodil. Besonders aber glänzte am Premierenabend Anna Graenzer als das Mädchen Wendy, das von Peter Pan zusammen mit seinen Brüdern ins Märchenland mitgenommen wird.
Ihr gelingt es nicht nur, Wilsons genau einstudiertes Begegnungsballett perfekt zu tanzen. Alle Spieler sind in dieser Inszenierung auch als Sänger gefordert. Und da sorgt Graenzer mit ihrer schönen, klaren Stimme für die emotionalsten Momente des Stücks. Ein Abend, der trotz leiser ernster Untertöne wie ein ausgelassenes, fröhliches Kinderspiel wirkt.

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