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Ist das noch Kunst oder schon Blasphemie?

Das berühmteste Werk des Künstlers: Ferrari hatte es 1965 während des Vietnamkrieges gefertigt.
Das berühmteste Werk des Künstlers: Ferrari hatte es 1965 während des Vietnamkrieges gefertigt.

Für Kardinal Jorge Mario Bergoglio war der Anblick unerträglich: Die heiligen Symbole des Christentums, eingebettet in die profane Realität unserer westlichen Welt. Christusfiguren, die in einem Spielzeugtoaster schmoren, Jesus mit Militärweste hinter einem Maschinengewehr, die Arche Noah in einer Bratpfanne. Priester, die heimlich eine junge Frau in Reizwäsche beobachten.

Im Jahr 2004 hatte die Kunst von León Ferrari in Argentinien zu einer heftigen Auseinandersetzung geführt. Nun, während der damalige Kardinal als Papst Franziskus im Vatikan residiert, stellt León Ferrari wieder in Buenos Aires aus. Ferraris Kunst schafft Kontroversen. Sie überschreitet bewusst Grenzen, sie problematisiert, sie polemisiert. Und sie hat eine klare politische Botschaft: Die Kritik an der westlichen Zivilisation und dem Christentum. Der Künstler fordert mit seinen Skulpturen, Collagen und Zeichnungen eine gerechte und tolerante Welt ein, ohne Krieg, Gewalt und Diskriminierung.

Bergoglio schrieb bitterbösen Brief

Damals sollte das Lebenswerk des heute 92-jährigen Künstlers in einem Kulturzentrum der Stadt Buenos Aires ausgestellt werden. Bergoglio verfasste einen öffentlichen Brief, in dem er Ferrari der Blasphemie bezichtigte und die Ausstellung als eine Schande für die Stadt bezeichnete. Einige Mitglieder der ultrakatholischen Gruppierung „Cristo Sacerdote“ tauchten daraufhin auf der Eröffnungsfeier auf, beschimpften den Künstler und zerstörten Kunstwerke. Nur knapp zwei Wochen war die Ausstellung schließlich geöffnet. Im katholisch geprägten Argentinien löste der Vorfall eine heftige Debatte aus.

Bis zum 26. Mai sind nun über 500 Plastiken und Bilder im Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti, im ehemaligen Marine-KZ ESMA, zu sehen. Ferrari hat eine besondere Beziehung zu dem Ort: Hier verschwand 1977 während der Diktatur sein Sohn Ariel. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, dem dunklen Kapitel der Militärdiktatur in Argentinien, ist deshalb auch ein Anliegen des Künstlers.

Kurator: "Mir gefällt die Polemik"

Viele Werke, die die Kirche im Jahr 2004 so sehr erzürnt hatten, sind wieder Teil der Ausstellung. Auch ein kleines Modell seines berühmtesten Werkes ist zu sehen: Eine menschengroße Jesusfigur, gekreuzigt auf einem US-Kampfjet. „Die Kunst von Ferrari war schon immer sehr polemisch“, sagt der Kurator Andrés Duprat. „Mir gefällt die Polemik. Es ist gut, dass darüber geredet wird, denn Kunst darf einen nicht gleichgültig lassen. Das ist das Gute an Ferraris Werken: Sie verlassen die kleine Welt der zeitgenössischen Kunst und werden zu einem Teil der öffentlichen Meinung.“

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