
Roland Emmerich, der Mann hinter Zerstörungsorgien wie „Independence Day“ oder „The Day After Tomorrow", inszeniert einen Film über Shakespeare? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!
Tatsächlich beginnt "Anonymus" mit Bildern aus dem prallen Großstadtleben von heute. Also ist diese Shakespeare-Sache doch nur ein geschickter Marketing-Schachzug? Kommen gleich die Aliens und machen alles kaputt? Weit gefehlt, denn nun betritt der große Sir Derek Jacobi die Bühne und beginnt zu erzählen. Er äußert Zweifel daran, dass die Stücke, die man in der Bibliothek unter "Shakespeare" einordnet, tatsächlich aus der Feder eines ansonsten eher unbedeutenden Mannes aus Stratford stammen. Roland Emmerich vollführt den Zeitsprung, seine Zuschauer tauchen ein ins pralle Leben des 16. Jahrhunderts auf der britischen Insel.
Der William Shakespeare im Film, dargestellt von Rafe Spall, ist der Depp der Story, ein zweitklassiger Schauspieler, der nur mit Mühe seinen Text lesen kann. Ganz sicher ist er nicht der Verfasser all jener Meisterwerke, auf denen bis heute sein Name prangt. Eigentlich hat Edward de Vere, der Graf von Oxford (Rhys Ifans), all die Stücke zu Papier gebracht, die das Publikum des Londoner Theaters zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Das Abkommen ist simpel, Shakespeare lässt sich auf der Bühne feiern, der Graf genießt und schweigt. Sein Stand verbietet es ihm, das profane Volk zu belustigen. Aber wie lange lässt sich diese Lüge in einer Zeit aufrecht erhalten, in der mit allen Mitteln um Macht gekämpft, intrigiert, gemordet und unter Blutsverwandten geliebt wird?
Roland Emmerich mag das Feld gewechselt haben, sein wichtigstes Anliegen ist dasselbe geblieben: der Schwabe will sein Publikum unterhalten. Das gelingt ihm auch in „Anonymus“ ohne Abstriche. Den Zuschauer erwartet kein verstaubtes Kostümdrama, sondern ein historischer Thriller voll der großen Gefühle. Die Emotionen kochten auch hoch, als sich Emmerich auf der Frankfurter Buchmesse mit seinem Film den Shakespeare-Experten stellte. Das Resultat einer hitzigen Podiumsdiskussion war eindeutig: Nichts Genaues weiß man nicht. Ein fruchtbareres Feld für einen fantasievollen Filmemacher, der sich nach Belieben austoben kann. Emmerich vermischt lustvoll Fakten und Fiktion, er stellt eine faszinierende Theorie auf und erhebt dabei in keiner Sekunde den Anspruch auf Authentizität. Umso genauer nimmt es der Regisseur bei Ausstattung und Kulissen, angefangen beim schlechten Zahnstatus der Königin bis hin zum liebevoll rekonstruierten Londoner Stadtbild. Nur die prachtvollen Bühnenbilder, die der Film zeigt, waren seinerzeit noch nicht üblich. Die zahlreichen Stücke, die hier zur Aufführung gelangen und in die man kurz hineingeschaut, verpassen selbst dem Theater-Muffel eine Gänsehaut.
Man kann sich von diesem Film einfach nur prächtig unterhalten lassen. Oder man lässt sich zu eigenen Recherchen inspirieren und bildet sich eine ganz eigene Meinung zum Thema. Langweilen wird sich indes niemand. Und Shakespeare ist plötzlich wieder in aller Munde. Wer alles für bare Münze nimmt, was das Kino ihm auftischt, den plagen freilich andere Sorgen. Denn im nächsten Jahr wird womöglich die Welt untergehen, wie es Emmerich in seinem letzten Werk „2012“ so eindrucksvoll vorhergesagt hat. Genre:
Anspruch: 2
Spannung: 3
Action: 3
Humor: 1
Erotik: 0
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