
Er war „Bram Stokers Dracula“, der durch geknallte Bösewicht aus „León – Der Profi“ und der Sirius Black in den Harry-Potter-Filmen: Schauspieler Gary Oldman (53) ist oft die erste Wahl, wenn einer Figur etwas Düsteres oder Böses anhaftet. Zum Interview treffen wir einen sanften und charmanten britischen Gentleman, der gern über die Rolle spricht, die ihm nun eine Oscar-Nominierung einbrachte. Als John Le Carrés Vorzeige-Agent George Smiley tritt Gary Oldman in „Dame, König, As, Spion“ in die Fußstapfen des Alec Guinness.
Mr. Oldman, hatten Sie je eine romantische Vorstellung vom Beruf des Spions?
Nein. Wie viele andere Heranwachsende auch kam ich durch James Bond zum ersten Mal mit der Welt der Spione in Berührung. Und ich war keiner dieser Jungs, die sich selbst in der Rolle des Spions gesehen haben.
Wollten Sie auch später nie James Bond spielen?
Ich wollte vieles machen. Vor allem wollte ich Fußball-Spieler werden. Ich war ein guter Spieler und eine Zeit lang sah es so aus, aus würde ich tatsächlich diese Laufbahn einschlagen. Dann habe ich die Mädchen entdeckt und mein Fokus lag nicht mehr so sehr auf dem runden Leder.
Mit der Rolle des George Smiley treten Sie in die Fußstapfen großer Kollegen.
Alec Guinness hat ihn gespielt, ja. Als man mir die Rolle anbot, habe ich nicht sofort zugesagt. Ich habe etwa einen Monat lang darüber nachgedacht. Guinness war ein sehr beliebter Schauspieler, ein „Sir“, dem Establishment zugehörig. Er war einer der Giganten der britischen Schauspielkunst. Für viele Menschen hat er den ultimativen Smiley geschaffen, er ist zu seinem Gesicht geworden. Es ist schon ein ziemlicher Drachen, den es zu erschlagen gilt, wenn man aus seinem Schatten treten möchte. Um ehrlich zu sein, hat mir das ein wenig Angst gemacht.
Wie haben Sie Ihren eigenen Smiley kreiert?
Man setzt sich seine Figuren aus Einzelteilen zusammen, borgt sich hier und dort ein kleines Stück. Die Stimme wurde von John Le Carré inspiriert. Als ich ihn traf, fiel mir gleich sein interessanter Tonfall auf. Er hat denselben Hintergrund und entstammt derselben Schicht wie Smiley. Regisseur Tomas Alfredson schickte mir zu einem sehr frühen Zeitpunkt ein Foto von Graham Greene im Regenmantel. Auch ein wenig Michael Redgrave steckt in der Figur. Mit der dicken Brille sehe ich wie eine Eule aus. So habe ich Smiley gesehen: als weise, alte Eule, der nichts entgeht. Gemeinsam mit den Vorgaben aus dem Buch haben diese Details die Figur ergeben. Wenn du in Schweiß ausbrichst, arbeitest du zu hart, egal, was du machst. Oft hat man das Gefühl, dass man härter arbeitet, als man sollte. Man versucht so die Mängel eines Drehbuchs zu kaschieren, das nicht gut genug ist. Das ist sogar meistens der Fall. Wenn ein Drehbuch wie dieses mit einem komplexen Charakter wie Smiley auf deinem Tisch landet, das auf einem derart guten Roman basiert, ist die meiste Arbeit schon für dich getan. Das Geheimnis ist das Le-Carré-Kochbuch. Er gibt dir alle Zutaten. Folge den Anweisungen und du wirst einen guten Smiley kochen.
Der Film hofiert nicht die Sehgewohnheiten des großen Publikums, trotzdem ist er schon jetzt ein Erfolg. Wie erklären Sie sich das?
Ich war sehr erleichtert, dass man nie den Drang verspürte, das ursprüngliche Drehbuch irgendwie anzupassen, indem man eine Verfolgungsjagd oder Ähnliches einbaut. Wir leben in einer Welt von Bourne und Bond. Das Publikum hat sich an diese Filme gewöhnt, sie sind laut und schnell geschnitten. Unser Film orientiert sich eher an den 70-ern, sein Tempo erinnert an fallenden Schnee. Die Kamera bleibt auf dich gerichtet und oft ist es sehr still. Für mich als Schauspieler war es toll, dass man der Entstehungszeit der Geschichte gerecht geworden ist. Aber es gibt immer eine Komponente, die unberechenbar bleibt, egal, was für ein gutes Gefühl man als Filmemacher auch hat. Diese Komponente ist das Publikum. In Amerika gibt es riesige Cineplex-Kinos. Dort hat man die Wahl zwischen „Dame, König, As, Spion“, „Verblendung“, Steven Spielbergs „Gefährten“ oder „The Descendants“. Per Vorstellung gerechnet, haben wir mehr Zuschauer gehabt und mehr Geld eingespielt als all die anderen Filme. Dieser Erfolg macht mir persönlich großen Mut.
Haben Sie die Zeiten des Kalten Krieges bewusst miterlebt?
Gelegentlich wurde man daran erinnert. Man hat in den Nachrichten oder der Tageszeitung etwas aufgeschnappt. Aber ich war ein Teenager und meine Hormone spielten verrückt. Ich selbst habe einen 15-jährigen Teenager zuhause und er vergisst alles um sich herum, wenn er sich mit den Dingen beschäftigt, die ihn interessieren. Ich war damals auf David Bowie fokussiert, auf Motown und Mädchen. Ich erinnere mich irgendwie daran, aber eigentlich war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt.
Gibt es Pläne für eine Fortsetzung der Geschichte?
Ich denke, man wird „Smiley´s People“ („Agent in eigener Sache“) verfilmen, ja. Tomas und ich werden wieder mit an Bord sein, dasselbe Team. Alles endet hier, wenn Smiley am Ende Karla in Berlin dingfest machen kann. Er geht über die Brücke und sagt Smiley, er habe gewonnen. Smiley antwortet: „So ist es wohl.“. Was für ein großartiger Satz! Wer möchte das nicht am Ende eines Filmes sagen?
Erleben Sie gerade Ihre große Zeit?
Karrieren sind eine komische Sache. Mal ist das Scheinwerferlicht auf dich gerichtet, mal nicht. Meine letzten zehn Jahre waren sehr fantasylastig, mit „Harry Potter“ und „The Dark Knight“. Je älter man wird, umso stärker verändern sich die Prioritäten im Leben. Als junger Mann liegt alles noch vor dir und du bist voller Energie und Ambitionen. Das ändert sich mit den Jahren. Ich habe meine Karriere bewusst hinten angestellt, weil ich meine beiden Jungs aufziehen und für sie da sein wollte. Ich wollte keiner dieser Väter sein, die immer nur auf Arbeit sind. Jetzt sind die beiden beinahe 13 und 15 und ich kann mich wieder verstärkt meiner Arbeit zuwenden. Ich möchte auch gern wieder Regie führen.
Wann empfinden Sie Glücksmomente in Ihrem Beruf?
In dem Moment, in dem ich spiele. Die Erwartungen im Vorfeld und die Vorbereitungen ängstigen mich manchmal ein wenig. Ich bin jetzt seit 33 Jahren Schauspieler, das ist eine lange Zeit, um sich mit einer Sache zu beschäftigen. Gelegentlich fühlt es sich so an, als steht man am Fuße eines Berges, schaut auf den Gipfel und denkt sich, oh Gott, ich muss da hoch kommen. Bei dieser Rolle hatte ich diese Angst, weil Guinness den Gipfel erklommen und dort seine Fahne gehisst hat. Ich befürchtete, auf halbem Wege zu sterben und am Ende zu einem Teil des Berges zu gefrieren.
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